Das Magazin

03.07.1999

GÖLÄ

Ihm passte der Rummel nicht. Überhaupt nicht. Er wollte nur Musik machen. Oder mit seinem Sohn Fischen gehen. Und er beschloss, fortan keine Journalisten oder Fotografen mehr zu empfangen. Das letzte grosse Interview und die letzten Bilder von Gölä

Hast du das auch schon gehabt? Du siehst in den Spiegel und denkst, fuck, heute sehe ich geil aus.

Von Eugen Sorgund Andri Pol (Bilder)

Im Sommer letzten Jahres wollte es Marco Pfeuti, genannt Gölä, ein 30-jähriger Freiluftarbeiter und Feierabendrocker aus Oppligen am Ausgang des Emmentals, noch einmal wissen. Er packte seine Gitarre, suchte die diversen hiesigen Plattenfirmen heim und nötigte die Zuständigen, sich ein paar seiner selbst geschriebenen Songs anzuhören. Nicht, dass er auf den Durchbruch oder gar auf das grosse Geld spekuliert hätte. Obwohl Letzteres natürlich einiges vereinfacht hätte. Es war nur so, dass er schon immer Rockmusik gespielt hatte. Mit acht die erste Elvis-Schallplatte, mit zehn das erste Schlagzeug, selbst gebastelt aus Waschmittelkartons und Pfannendeckeln, dann die erste Gitarre und eigene Bands. Noch bevor er die Worte verstand, hatte er das Gefühl, diese Musik handle von ihm. Von seiner Einsamkeit, seiner Wut, seiner Zärtlichkeit. Und als er später mit den Kollegen auf kleinen Bühnen und in den Spunten der Region auftrat, war er oft so blau, dass er nicht mehr wusste, welches Stück sie eigentlich gerade vortrugen. Du musst den Blues leben, hatte er sich damals gesagt, sonst kannst du ihn nicht spielen. Rock war ihm mehr als nur ein Zeitvertreib. Die Songs ordneten sein Empfinden, lieferten ihm den Text zu seinen Erlebnissen, und sie gaben ihm den Mut, auf seine Art zu denken.

Der Sänger hört auf zu singen, stoppt seine Bewegungen und verschränkt die Arme vor der Brust. Mächtige Arme, dick wie die Oberschenkel von unsereins. Dann neigt er leicht den Kopf, reckt das Kinn in die Höhe, schliesst die Augen. Kraftpose. Das Signal. Sofort brandet ihm aus dem Dunkel des Zuschauerraums ein Lied entgegen, sein Lied. «Du hesch äs Lache, wi nis na nie ha gseh, wo du bisch, dert gits keni Trä-ne meh», singt der ganze Saal in breites-tem Berndeutsch. Eine beachtliche Leis-tung, denn das Konzert findet in Heris-au statt, und das Publikum gehört mehrheitlich der ostschweizerischen Sprachgruppe an. Gölä, der Sänger, nimmt den Chorgesang wie eine persönliche Hul-digung entgegen. Ein triumphierender Rocknapoleon vor seinen Untertanen. Gerade als man zu fürchten beginnt, jetzt sei er übergeschnappt, fängt er an, schelmisch zu grinsen, und dreht sich zur Band. Na, scheint er zu feixen, was sagt ihr jetzt? Das war doch gut, oder?

«Wann hast du gemerkt, dass deine Sachen gut ankommen?»

«Schon lange. Die Kumpels sagten immer, beim Bräteln und so, los, nimm die Gitarre, spiel, spiel, das ist geil, du hast gute Songs und Texte. Und ich dachte immer, klar, das sind deine Kumpels, logisch sagen die, das ist gut und es gefalle ihnen. Aber jetzt, wo es an die Öffentlichkeit gekommen ist, merkst du, oh fuck, das gefällt ja huere vielne. Aber du darfst dir nie etwas darauf einbilden.»

«Warum nicht?»

«Das wäre dein eigener Tod. Weil, was jetzt abgeht, das nenne ich einen One-Night-Stand. Klar, geht es ein Jahr oder zwei. Aber es wird aufhören, auf hundert. Irgendeines Tages redet auch kein Mensch mehr von den Stones, und die Beatles wird niemand mehr kennen. Sogar Jesus wird einmal vergessen, und der Teufel, und irgendwann gibt es die Menschheit nicht mehr. Hey, lachst du mich etwa aus?»

Die kleinen und grösseren Plattenbosse winkten alle ab. Berner Mund- artrock? Sorry, aber das ist vorbei. Nur einer, der Produzent Rolf Widmer aus Gümligen, hörte genauer hin. Der Mann ist sympathisch, dachte er, und die Songs sind nicht schlecht, mit Verstärkung und etwas Glück könnte man 3000 Stück davon loswerden. Genug allemal, um die 12 000 Franken Produktions- kosten wieder einzuspielen. Okay, sagte er zu Gölä, wir machen den Scherben, aber du musst noch eine Band organisieren. Gölä trommelte eine Truppe zusammen, professionelle Musiker, die ihm zuliebe gratis ins Studio kamen, und am 8. August 1998 kam die CD «Uf u dervo» auf den Markt.

«Wie entstehen deine Lieder?»

«Man sollte nicht gäng alles analysieren. Wie ist das passiert oder warum ist das Leben so. Scheiss drauf, es ist einfach so. Wenn ich ein Lied schreibe, denke ich nichts. Es kommt einfach. Ich will mir nie das Gefühl aufzwingen lassen, jetzt musst du wieder einen Hit schreiben wie «Schwan» oder «Träne», sonst hast du einen Karriereknick oder sonst einen Mist. Es soll bleiben, wie es immer war. Äne hocke, e Rote suufe, d Gitarre i de Finger, u de chunnt irgend äs Lied.»

«Meistens kommen melancholische Sachen.»

«Ich bin schon melancholisch. Ich kann traurig sein, ich kann sterben, weil ich jemanden wahnsinnig gerne habe und es klappt nicht. Aber ich mache das mit mir ab, ich weine im stillen Kämmerlein, und nachher schreibe ich Songs darüber, irgendwann, in einem Jahr, in zwei Jahren oder am selben Abend. Wie damals, als mein Kumpel Dänu in den Knast kam. Ich wusste nicht mehr, was machen, ich drehte fast durch, da griff ich zur Gitarre, und der Song kam, einfach so.»

Man behaupte, meiert Gölä zwischen zwei Liedern in Richtung Saal, sie seien eine Softyband und sängen gäng nur Schnäbilupfer und Hüratsbeschlüniger. Das Publikum schnurrt vor Freude. Doch sie könnten auch anders. Ob man es nicht glaube? Stiefelstampfen, eiszweidrüü, abdrücken, aber voll. Schletzendes Gitarrenintro, treibendes Schlagzeug, pumpender Bass, dann die Stimme von Gölä. Kräftig, ungeschliffen, etwas unbeholfen, ehrlich und verletzbar. Ein Energiestoss fährt durch das Publikum, setzt alles in Bewegung, strömt zurück auf die Bühne und wieder in den Saal und hin und her, auf magische Weise sich selbst aufladend, bis Band und Zuhörer in einem einzigen Kraftfeld verschmelzen, eine pulsende Glückskugel bilden, die alle umschliesst.

Wie von selbst spielt sich jetzt die Musik, jeder Ton sitzt, unmöglich, dass ein Griff danebengeht, die Gesichter der Musikanten leuchten von innen heraus, und wenn aus dem Publikum der Ref-rain emporwogt, «lasch aus hinger dir la si … schnäu wie dr Wind», lächeln sie entrückt und selig, wie Narren, die zum ersten Mal dem Klang eines Glockenspiels lauschen.

Das Energiezentrum aber ist Gölä. Es ist schwer zu erklären, warum von diesem gedrungenen, muskulösen Barden mit Ansatz zum Bäuchlein und Dreifachkinn eine derartige Wirkung ausgeht. Seine Texte sind schlicht und werden zweifellos nie einen Literaturpreis bekommen, aber aus seinem Mund tönen sie frisch und neu, als verstünde man zum ersten Mal, was langi Ziit und plange heissen. Und seine Gestik: Sie bedient sich aus dem bekannten Repertoir des Rockvortrages. Doch bei ihm wirkt alles original, wie aus dem Nichts soeben erfunden.

«Alle Leute, die an deinen Konzerten waren, sprechen von deiner extremen Bühnenpräsenz.»

«Das kann nicht sein. Ich bin viel zu unsicher.»

«Du stehst aber dort oben, als hättest du nie etwas anderes gemacht.»

«Hör auf. Ig bin än huere Puur. Ich habe immer das Gefühl, ich sei eine völlige Pfeife.»

«Warum empfinden das die Leute anders?»

«Keine Ahnung. Da bin ich zu wenig schlau. Also, etwas gibt es, und das tut gut. Wenn die Scheinwerfer angehen, und ich weiss, jetzt singe ich, und die Leute machen mit, dann lebe ich in einer anderen Welt. Ich spiele und ich bin weg und ich vergesse alles. Wenn sie mir nachher erzählen, was ich alles gesagt haben soll u so, weiss ich es nicht mehr. Das läuft ab, wie in einem Film, wie in einem Traum. Und das Geile ist, bei jedem Song holst du die Gefühle von damals zurück, wie ein Flash, als ob du die Strasse runterfahren würdest, und alle Bilder fliegen an dir vorbei. Eine Egofuhr, eine volle Egofuhr, und ich spiele und geniesse es einfach. Man kann es nicht erzwingen. Es kommt, oder es kommt nicht. Es ist wie beim Sex. Wenn du denkst: mini Pfiife, mini Pfiife, dann läuft gar nichts mehr.»

Zwei Wochen nach der Lancierung hatte sich «Uf u dervo» 8000-mal verkauft. Widmer war hoch zufrieden, Gölä grimassierte schief, und der «Blick» titelte: «Berner Bauarbeiter stürmt die Hitparade». Die Nase hingegen rümpfte das Zürcher «Facts»: «Ein einziges So-Tun-als-ob. Da versucht einer, urtümlich zu sein, und ist doch nur ungelenk, zu rocken wie die Grossen, und bietet doch nur müden Abklatsch, überraschungsfreien Schlagerkitsch.» Anfang Oktober gingen Gölä und Band mit Florian Ast auf Tournee. Als Vorgruppe. Nach vier Gigs war Gölä der Hauptact. Seine CD war inzwischen 25 000-mal über den Ladentisch gegangen. Gold für Gölä. Er liess den ganzen Verriss von «Facts» auf T-Shirts drucken unter dem Titel «Fägts». Das Leibchen fand reissenden Absatz. Im Dezember trat er vor Natacha auf. Als die Sängerin die Bühne betrat, machten sich die meisten Zuschauer auf den Heimweg. Seither wurde Gölä nie mehr als Vorband angekündigt.

Wenn die Gitarrenriffs heulen und er leidet wie ein Hund, leidet das Publikum mit. Er stemmt den Mikrofonständer wie einen Eisenbetonsockel, und man spürt die Anstrengung in den Muskeln. Die Schläge des knatternden Beats zwingen ihn in die Knie, und man hofft inständig, er schaffe es wieder auf die Beine. Er erhebt sich und gerinnt zum Arbeiterdenkmal, zum Rock-Stachanow, und man bewundert seine Kraft und seine Schönheit. Man schmunzelt, wenn er blödelt und scherzt und den Lausbuben hevorkehrt, man schliesst ihn ins Herz, wenn er brummelt und grantelt, und man wird wehmütig, wenn er von der verlorenen Liebe singt und sein Gesicht demjenigen eines melancholischen Lurches zu gleichen beginnt. Und wenn er von den kleinen Sehnsüchten erzählt, weiss man, dass man einen Freund fürs Leben gefunden hat, und man würde ihm alle Geheimnisse anvertrauen. Von der ersten Sekunde an hat er einen direkten Zugang zum Publikum und verliert ihn nicht mehr bis zum Verklingen des letzten Akkords.

Als das Konzert nach der zweiten Zugabe endgültig vorbei ist, leert sich der Saal nur langsam. Kleine Gruppen stehen herum, glücklich schwatzend. Junge Liebespaare versuchen den Zauber zu verlängern. Mitten im Saal umarmen sich Mutter und Tochter, und der Mann steht daneben und lächelt verlegen.

«Deine Lieder sind nicht von der groben Rock-’n›-Roll-Abteilung: Saufen, Scheitern, wilder Sex.»

«Das fände ich auch schlecht. Es gibt genügend Tuble, die solches Zeug machen, wie die Bösen Onkelz beispielsweise. Wo man es richtig zelebriert, wo man sich aagumped und besoffen ist. Schau, ich rauche gerne, saufe gerne, aber das würde ich nie ausplaudern. Ich wollte nie ein Vorbild sein, aber irgendwie wirst du es. Und wenn du dann den jungen Leuten sagst, hey, komm, tue, was du willst, scheiss auf das, was deine Eltern sagen, dann bist du wirklich ein Vollidiot.»

«Du machst saubere, romantische Texte…»

«Wie der «Schwan». Ä huere Kitsch (lacht)…, aber wer hat nicht gerne kitschige Sonnenuntergänge, und wer hat nicht gerne kitschige Musik an, wenn er ä Frou pimperet im Näscht. Irgendwer hat einmal gesagt, schönes Zeug sei kitschig. Und die anderen haben dies übernommen. Aber schönes Zeug ist doch einfach schön und fertig. Scheiss drauf, ob einer sagt, es sei kitschig.»

«Du bist mit vielem nicht einverstanden, wie es heute läuft. Aber dies kommt in deinen Liedern nicht vor.»

«Für mich mache ich anderes. Die Welt kann ich nicht ändern, aber meine Welt kann ich so leben, wie ich will. Ich versuche, möglichst ein guete Siech zu sein und so wenig böse wie möglich. Eine Telefonfirma zum Beispiel wollte uns sponsern. Mit einer halben Kiste, einer halben Million. Mein Manager war bereits am Verhandeln, als ich sah, dass die am Schluss ihrer Telefonnummer dummerweise die Zahlen 666 hatten. Ich rief an und sagte, hallo PTT, hört, dies ist gäng ein schlechtes Nummero, gebt uns ein neues. Und sie akzeptierten das nicht. Dabei weiss doch jeder, dass dies die Nummer des Teufels ist. Das steht auch in der Bibel. Und ich sagte, das kann doch nicht sein. Wer sich da-rüber keine Gedanken macht, für den spiele ich auch nicht.

«Ist das nicht ein wenig abergläubisch?»

«Das ist mir scheissegal. Es wäre huere viel Geld gewesen, aber nachher war ich stolz. Ich habe meine Prinzipien, und an denen halte ich fest. Und ich werde mich nicht verändern wegen dieses Scheisserfolgs.»

Zwischen Oktober 1998 und Mai 1999 gab er in der Deutschschweiz 60 Konzerte. Jeder Saal bereits im Vorverkauf mehrfach ausgebucht. Ob in Wimmis oder in Zürich. Die Leute rissen sich darum, den «müden Abklatsch» hören zu dürfen. Die bisher grössten Abräumer unter den helvetischen Bands wie Züri West oder Polo Hofer hatten ihre erfolgreichsten CDs rund 50 000-mal verkauft. Gölä hatte neun Monate nach Erscheinen über 200 000 seines Erstlingsalbums unter die Leute gebracht. 4-fach-Platin. Eine Rock-’n›-Roll-Saga aus dem Hinterland. Die meisten sei- ner Songs avancierten innert weniger Monate zu den populärsten Weisen des nationalen Liedgutes. Sie zeichnet aus, was Rock ’n› Roll oder andere gute Volksmusik schon immer auszeichnete: die Kunst der Reduktion, die Verdichtung von Alltagsgeschichten in einem Vierzeiler, der hilft, diesen Alltag zu ertragen.

«Noch nie hatte ein Album einer Schweizer Band auch nur annähernd solchen Erfolg. Du schreibst Songzeilen, die bei vielen Leuten den direkten Weg zum Herzen finden.»

«Ich bin selber erstaunt. Ich nehme an, das kommt von meinem Vater. Er hat immer in einem Satz das ganze Leben erzählt. Er hat gesagt, was er denkt, in ein oder zwei Sätzen, peng, und man hatte gewusst, um was es geht. Fertig. Solche Leute haben mir immer gefallen. Meine Mutter hingegen, die konnte stundenlang reden, und du wusstest immer noch nicht, was sie meinte.»

Seit Gölä mit der neuen Band unterwegs ist, wird vor den Auftritten kein Alkohol mehr getrunken. Kein Tropfen. Dies hat man so abgemacht, das heisst, dies hat die Band mit Gölä so abgemacht. Es seien eben Profis, meint der Sänger, alles topseriöse Giele, und er fände es richtig so. Mache er auf dem Bau einen Scheissdreck, gehe er nochmals hin und bessere es wieder aus. Auf der Bühne dagegen sei dies nicht möglich. Ein Fehler bleibe ein Fehler. Da müsse man einfach alles geben. Eine gute Büez machen. Das sei man den Leuten schuldig. Nach der Arbeit aber mache jeder, was er wolle.

Anfang Juni erschien «Wildi Ross», sein zweites Album, unverkennbarer Gölä-Sound mit noch mehr rauer Schwermut. «Gölä fasst banale Emo- tionen in simple Mundarttexte, deren Seichtigkeit immer die Unterkante des landläufigen Schlagerniveaus hält» textete «Facts» und bestrafte den «ehemaligen Bauarbeiter» mit der Vokuhila-Frisur mit der Tiefstnote: ein Sternchen. Das bedeutet schlecht. «Wildi Ross» erreichte schon mit den Vorbestellungen Doppelgold, und nach der ersten Woche hatte es sich 85’000-mal verkauft.

Es ist ein Uhr morgens, das Publikum ist nach Hause gegangen. Ausgekotzt und verschwitzt fläzt sich die Band in die Stühle der Garderobe des Casinos He- risau. Techniker, Roadies und Freun- dinnen setzen sich dazu, und zwei Hunde jagen sich durch den Raum. Die Crew versteht sich als grosse Familie. Es herrscht ausgelassene Feierabendstimmung. Man albert und kalauert und macht anzügliche Sprüche. Es werden kleine Häppchen gegessen, man leert die kalt gestellten Biere, und Gölä offeriert Baccardi, Gläser, randvoll mit Rum, so genannte Erwachsenenportionen. Alle sind sich einig. Das Konzert war so, wie ein Konzert immer sein sollte: geil.

Weniger geil findet Gölä, dass ihn Tom Metzger, sein Manager, daran erinnert, dass er noch ein Interview zu absolvieren hat. Unter der Türe warten zwei junge TV-Journalisten mit Kamera und Mikrofon. Auf einer Tischkante sitzend, stellt sich Gölä den Fragen. Der Star ist kurz angebunden, gibt trotzig-knappe Antworten, dreht sein verschlossenes Gesicht zur Seite und rutscht immer weiter nach hinten. Die Situation ist ihm offensichtlich zutiefst unangenehm, er schaut drein wie bei einem Verhör mit vorgehaltenem Gewehr. Beide Seiten wirken erlöst, als die Übung vorbei ist.

«Du hast nicht gerne Interviews.»

«Ich konnte es noch nie ausstehen, wenn mir jemand Fragen gestellt hat, in meinem Leben noch nie. Ich habe allen anderen zugehört, wenn sie ein Problem hatten, und ich versuchte, ihnen einen guten Tipp zu geben. Aber meine Prob-leme habe ich selber uuskäset und bin nie damit zu einem Kollegen gegangen. Meine Überzeugung ist, du kommst alleine zur Welt und gehst wieder alleine. Lösen musst du deine Probleme selber, und leben musst du damit selber.

Und an den Journalisten nervt mich, dass sie immer die gleichen Fragen stellen und man hat selber nichts Neues zu erzählen, aber sie wollen irgendeine Wahnsinnsgeschichte hören oder weiss der Gugger was. Dabei hatte ich ein stinknormales Leben, ich war ein Saugoof, machte numä Schiisdräck, gäu, und wenn der Lehrer Fragen stellte oder mir etwas vorschreiben wollte, drehte ich durch. Meine Eltern mussten vor die Schulkommission, die schickte mich zum Psychiater, u aus, sie dachten, ich sei nicht ganz dicht, und die Eltern am Durchdrehen, wegen des Rufs, gäu u so. Es war in der Sek, und ich sagte, das ist mir scheissegal, ich gehe mit dem schwatzen und Bäumchen zeichnen, ich weiss, wer ich bin und was ich will. Und dann hat der Psychiater einen Bericht geschrieben, und das war geil. Wenn der Junge will, hat er geschrieben, dann könnte er der Beste sein, er könnte alles. Aber er will nicht. Und das stimmt, gäu, wä du öppisch vo mir verlangsch, dä mach i grad s angere, das habe ich immer so gehabt, ich weiss nicht warum.»

Im Rahmen der PR-Tour für die neue CD hatte er mit Radio extraBERN vereinbart, einige Fragen zu beantworten. Am 10. Juni packte Gölä seinen zweijährigen Sohn Mike in den Camper und fuhr nach Bern. Als sie bei der Redak- tion ankamen, wurden sie von einem Pulk Fotografen und Kameraleuten erwartet. Der überrumpelte Sänger bat die Journalisten, keine Aufnahmen vom Jungen zu machen. Als Antwort klickten Kameras. Gölä, ganz Gentleman, sah davon ab, dem nächststehenden Journalis-ten eine zu knallen, und fuhr stattdessen mit seinem Camper wieder nach Hause. Zitternd vor Wut. Einige Stunden später bestellte er einen «Blick»-Reporter zu sich und überreichte ihm einen zweiseitigen, handgeschriebenen Brief.

«Tut dir die Kritik gewisser Journa- listen weh?»

«Ich kann voll sensibel sein. Aber ich kann auch einen umlegen. Doch das muss etwas Extremes sein. Sicher nicht, wenn einer seine Meinung sagt.»

«Was wäre extrem?»

«Wenn einer meinem Kind etwas macht. Dann stirbt jeder. Es wäre mir egal, ob ich 20 Jahre in den Knast ginge.»

«Vor kurzem haben du und deine Frau sich scheiden lassen. Der gemeinsame Bub blieb bei dir.»

«Es ist unüblich, ich weiss, aber für das Kind ist es das Beste. Ich habe zu meiner Frau gesagt, ich werde immer zu dir schauen, ein Leben lang, auch wenn du einen Freund hast, der mir nicht passt. Du und das Kind werdet immer meine Familie sein. Aber ich bezahle nichts für mein Kind, ich bezahle keine Miete für etwas, zu dem ich eine Wahnsinnsbeziehung habe. Das Kind bleibt bei mir, oder ich verreise. Ich finde immer einen Job, es ist mir egal, was für eine Drecksarbeit es ist, ich schlug mich überall durch auf der Welt. Und sobald irgendein Typ vom Gericht auftaucht und mir sagt, ich müsse das und das bezahlen, dann bin ich weg. Und weisst du, der Frau war es recht, und sie weiss, dass ich gut zu dem Kind schaue.»

Des Künstlers Gemütszustand hellt sich vollends wieder auf, als ihm ein Crewmitglied zwei Frauen vorstellt. Beide haben während des Konzerts Getränke verkauft und hätten jetzt gerne ein Autogramm. Die jüngere, eine schüchterne 18-jährige, für sich selber; die ältere, eine lustige Ehefrau in den Vierzigern, für ihre 15-jährige Tochter. Gölä bittet die beiden, sich zu setzen, und beginnt zu plaudern. Er findet sofort den richtigen Ton. Nach kurzer Zeit kichern die zwei vergnügt und plaudern drauflos, als kenne man sich seit Ewigkeiten. «Liebe Katja», schreibt er auf die CD der Mutter, «besuche mich, wenn du 18 bist. Gölä.» Dann lädt er beide in den Whirlpool seines Hotelzimmers ein. Es tönt in keiner Weise anzüglich und ist natürlich ein Scherz. Die Mutter freut sich trotzdem und wird ein bisschen übermütig. «Also», neckt sie ihn, «lass uns gehen. Oder hast nur gross angegeben?»

Der nächste Besucher ist ein junger Mann. Er bleibt in fünf Meter Entfernung stehen, wie angenagelt, ehrfürchtig strahlend, fast schielend vor lauter Glück. «Kennst du mich noch?», fragt er sein Idol. «Klar», strahlt Gölä zurück, «u wie geits?» «Super», flüstert der Fan heiser, und dann fällt ihm nichts mehr ein. Gölä lässt sich nichts anmerken und strahlt weiter, und der andere strahlt ebenfalls, und so geht es eine ganze Weile, bis dem Fan wieder in den Sinn kommt, was er eigentlich fragen wollte. «Hast du die Lackierer-Stifti fertig gemacht?» «Klar», strahlt Gölä. «Super», sagt der Junge und, «danke», nachdem er sich wieder gefasst hat, und stolpert strahlend zur Garderobe hinaus. «Wer war das eigentlich?», hirnt Gölä, kaum ist die Tür ins Schloss gefallen.

«Ich habe immer die einfachen Leute gerne gehabt. Mit den einfachen Typen kannst du die beste Fuhr haben, kannst du ehrlich und gerade heraus reden. Ich habe das richtige Landleben mitgekriegt. Das ganze Jahr musste man bügeln, den Eltern beim Heuen oder im Wirtshaus mithelfen, nie hiess es danke schön. Und einmal im Jahr war Metzgete, mit Waldfest und so, und da hast du Gas gegeben. Das ist einfach geil, nicht wie in der Stadt, wo du immer alles hast und du musst einfach aussuchen. Und weisst du, was mein Leitspruch ist? Du kannst noch vom dümmsten Menschen etwas lernen. Und wenn es nur ist, wie man es nicht machen soll.»

«Genug ist genug», hatte er im Brief für den «Blick» geschrieben. «Ich werde meine Seele nicht verkaufen der Karriere wegen, und ich werde meine Zeit nicht einem Moloch schenken, der dich zuletzt auffressen wird. Meine Band und ich wollen Musik machen und sonst nichts. Und wir werden uns niemandem beugen, so wie wir es niemals akzeptieren werden, dass so genannte Kritiker unsere Fans wie minderbemittelte Idioten darstellen, nur weil sie nicht begreifen, dass es ein paar Provinzler zu etwas gebracht haben, ohne den eingebildeten Lackaffen in den Arsch zu kriechen. Wir nehmen jetzt Abschied von der Scheinwelt. Es wird keine Fernsehauftritte und keine Interviews mehr geben, keine Zeitungsberichte, die nicht annähernd etwas mit der Wahrheit zu tun haben.»

Am Vortag hatte mir Gölä versprochen, dass wir nach dem Konzert Zeit für ein Interview haben würden. Schön easy, einen Whisky kippen zusammen u so, einfach relaxed. Vor einer Stunde hatte ich vorsichtig sondiert, ob er unsere Abmachung nicht vergessen hätte, und er hatte gesagt, ich wolle doch nicht etwa stressen. Es ist zwei Uhr morgens, als er in seine Lederjacke schlüpft und mir ein Zeichen gibt. Herisau schläft, nur ein Lokal hat noch offen, ein Striplokal, wie der Taxifahrer erklärt, der uns die 500 Meter dorthin transportiert. Geil, sagt Gölä, Rock ’n› Roll und Puff, das gehört zusammen. Nicht stressen, sage ich zu mir. Mit uns sind: Manager Tom, ein guter Kumpel, eine Freundin.

Am Abend nach dem Vorfall vor der Redaktion meldete Radio extraBERN, der Star sei wegen eines Nervenzusammenbruchs in ärztlicher Behandlung. Gölä, mittlerweile wieder abgekühlt, sah sich im Entscheid bestätigt, den er in seinem Brief mitgeteilt hatte. Am folgenden Abend war er für ein Konzert im Berner «Bierhübeli» gebucht. Es ging schon gegen Mitternacht, als die Band endlich spielte. «Keini Träne meh». Leadsänger war der Boss der Berner Rockergang «Broncos». Erst als dieser sein Ständchen absolviert hatte, kam Gölä. Auf einer Krankenbahre wurde er auf die Bühne getragen. Das Publikum jubelte, als er aufstand, sich das Mikrofon schnappte und loslegte. Wienämore. Kerngesund und purlimunter.

Im Cabaret treffen wir auf eine Bardame, zwei ländlich ausschauende Kunden und zehn lauernde ausländische Artistinnen. Letztere zumeist unförmig, unbekannten Ursprungsgeschlechts, ge-zeichnet von Jahrzehnten Nachtschicht, Heroinnen der Lustfront kurz vor der Ausmusterung. Als wir eine halbe Stunde später das Etablissement wieder verlassen, winken uns die Damen freundlich hinterher. Gölä hatte mit einigen kurz parliert und gescherzt, ein Tänzchen auf der kleinen Bühne hingelegt, und die abgebrühten Arbeiterinnen waren derart von uns entzückt, dass wir eine Runde Drinks spendiert bekamen.

Immer noch zu fünft fahren wir mit dem Taxi nach St. Gallen. Ein wirklich schöner und interessanter Abend. Aber noch immer ist meine Interviewkassette leer. Kurz vor drei betreten wir den nächsten Stripschuppen. Gölä schaut sich einen Moment lang um und steuert kurz entschlossen auf diejenige Plüschsitzgruppe zu, die just neben der kleinen Künstlerinnenbühne postiert ist. Hier sind die Frauen jünger, schlanker und schöner. Er zwinkert mir zu. So, sagt er, als ich matt in die Polster sinke, jetzt könnten wir anfangen. Von welcher Zeitung ich eigentlich sei? Dann erzählt er über sein Leben. Konzentriert, ernsthaft, voll bei der Sache. Über die Liebe und das Scheitern, über Geld und Erfolg, über Selbstzweifel und Vorbilder, über das, was ihm wirklich wichtig ist und das, was ihm am Arsch vorbei geht. Einen Meter neben uns produzierten sich die Tänzerinnen. Wir vergassen sie. Als wir irgendwann wieder ins Freie gelangen, zwitschern bereits die ersten Vögel.

Seine Ankündigung machte der Musiker wahr. Zwei Tage nach dem «Bierhübeli»-Gig tankte er seinen Camper voll und verreiste mit Sohn und bestem Kumpel in den hohen Norden. Zum Fischen. Mitten in der PR-Kampagne für «Wildi Ross». Auch so landete das Album auf Anhieb an der Spitze der Hitparaden, und die Band konnte kurz da-rauf Doppelplatin in Empfang nehmen.

«Du bist über Nacht Millionär geworden. Wie hat sich dein Leben verändert?»

«Ich habe mir so ein Kärtchen zugetan, wie heissen sie schon, ein Bancomatkärtchen, das ist gäbig, das hatte ich noch nie. Ich schaue das viele plötzliche Geld als ein Geschenk an. Und sonst bleibe ich derselbe. Gut, jetzt kannst du deinen Camper sofort bezahlen, und früher hast du vier Jahre lang abgestottert. Aber am Schluss hattest du den Karren trotzdem. Nein, lue, das Wichtigste kannst du dir nie kaufen. Das haben schon die Beatles gesungen. You can’t buy me love. Und was ist all das Scheissgeld gegen meinen Traum, der in Brüche gegangen ist?»

«Welcher Traum?»

«Der mit der Familie. Für immer und ewig. Und vielleicht werde ich mein Leben lang dem nachtrauern. Da interessiert mich das Geld einen Feuchten.» ·

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