Die Weltwoche
19.12.2002
Volksmusik
«Fasse meinen Kehlkopf an, komm, sei nicht schüchtern»
Barakatullah Salim ist der Champion der Koransänger und gewinnt seit 20 Jahren jede Rezitationsweltmeisterschaft. Wieso der blinde Afghane das ganze heilige Buch auswendig kann, erfuhr
Eugen Sorg
«Mit den Ohren lernst du besser als mit den Augen»: Qari Barakatullah Salim.
Als der Blinde mit seinem Gesang anhob, wurde es auf einen Schlag still im riesigen Zelt. Die über 1500 Vertreter der Loya Jirga, des grossen Rates des afghanischen Volkes, die Stammesnotabeln, Kriegsgewinnler, Gelehrten, Nomadenfürsten, stellten ihr Gemurmel und Getuschel ein und unterbrachen ihre Intrigen, Rachepläne, Machtkämpfe. Für ein paar Minuten wenigstens erreichten sie, wozu sie im Frühsommer aus sämtlichen Gegenden des Landes eigentlich hergereist waren: Frieden zu schaffen in ihrer seit einem Vierteljahrhundert von mörderischen Bruderkriegen zerrissenen Heimat. Alle lauschten sie regungslos Qari Barakatullah Salim, dem blinden Interpreten mit der beseelten Stimme.
In den ungeübten und verstopften Ohren ungläubiger Westler mochte der Singsang wie eine schlafsüchtige Jammerhypnose tönen. Für die Versammelten hingegen waren die Klänge und Worte von übermenschlicher Schönheit und Wahrheit. Sie waren göttlich. Barakatullah macht die nach strenger Auslegung des Islam einzig erlaubte Form der Musik: Er rezitiert den heiligen Koran. Und dies auf unvergleichliche Weise. Sein Stil ist einzigartig, seine Technik perfekt, der Wohlklang der heiser-nasalen Kantillation unübertrefflich. Von allen professionellen Koransängern der islamischen Welt gilt der Afghane als der beste, als der Meister. Seit zwanzig Jahren gewinnt er die wichtigsten internationalen Gesangswettkämpfe. Er ist der Stolz Afghanistans.
Herr Barakatullah, welches war für Sie das wichtigste Ereignis dieses Jahres?
Afghanistan ist heute anders als noch vor einem Jahr. Es hat wieder einen Präsidenten und richtige Minister. Diese wurden vom Volk gewählt, das sich in der Loya Jirga versammelt hatte. Die Wahlen fanden in einer freien Atmosphäre statt, in der jeder seine Meinung sagen konnte. Und ich bin dankbar, dass ich beim Gelingen mithelfen durfte, indem ich die Versammlungen mit meinem Vortrag eröffnete und schloss.
Sie können den ganzen heiligen Koran auswendig. Wie lange haben Sie dafür gelernt?
Ich fing mit sechs Jahren an. Ich hörte Predigten am Radio, und diese faszinierten mich. Mein erster Lehrer aber war mein Vater, der ebenfalls den Koran rezitieren konnte. Viel später studierte ich an der Al-Ashar-Universität in Kairo. Der Heilige Koran besteht aus 124 Suren und 6666 Versen. Ich weiss nicht mehr genau, wann ich sie alle auswendig wusste, aber ich weiss, dass ich jeden Tag üben muss, um sie nicht wieder zu vergessen.
Wie lautet Sure 96, Verse 1-8?
Eine sehr bekannte, wunderbare Sure. (Barakatullah lachte, räusperte sich und stimmte in seinen Sprechgesang ein.) Trag vor in des Herrn Namen, / Der euch schuf aus blutigem Samen! / Trag vor! Er ist der Geehrte, / Der mit dem Schreibrohr lehrte, / Was noch kein Menschenohr hörte. Doch der Mensch ist störrischer Art, / Nicht achtend, dass Er ihn gewahrt. / Doch zu Gott führt einst die Fahrt. (Er hatte kein einziges Mal Luft geholt.)
Sehr schön.
Vielen Dank.
Waren Sie schon immer blind?
Ich konnte die Welt als Schatten wahrnehmen, bis ich vor fünfzehn Jahren für eine Augenoperation in die USA fuhr. Danach war ich ganz blind. Es war nicht die Schuld der Ärzte, sie hatten sich alle Mühe gegeben. Es war Gottes Wille.
Sieht ein Blinder mehr als ein Sehender?
Mit den Ohren lernst du besser als mit den Augen. Der heilige Koran ist das Buch Gottes, nichts an ihm ist veränderbar, unmöglich, eine Seite zu entfernen, sein Wissen ist vollkommen. Wenn du blind bist, nimmst du dieses direkt in dein Herz auf, und niemand kann dich mehr täuschen.
Was macht die Schönheit des gelungenen Vortrags aus?
Das Allerwichtigste ist der Glaube an Gott den Allmächtigen und das heilige Buch. Und natürlich die Freude am Lernen.
Die Leute sagen, Sie seien der Beste. Was ist bei Ihnen besser als bei den anderen?
Es war nicht mein Ziel, der Beste zu werden. Aber meine Rezitation fand immer wieder Anklang. Es ist die Art, wie ich die Worte ausspreche, wie ich den Ton meiner Stimme moduliere. Die Zuhörer sind davon berührt und erregt. Schon 1981 gewann ich in Saudi-Arabien, in Mekka, den ersten Preis. 1250 Qaris, Koranrezitatoren, waren zum Vortragswettstreit angetreten, die frommsten und begabtesten aus der ganzen muslimischen Welt, und die Jury entschied sich für mich. Danach bestritt ich viele weitere Koran-Weltmeisterschaften, an die jedes Teilnehmerland vier Kandidaten schicken darf – in Malaysia, Bangladesch, Iran, Somalia, Libyen, Pakistan und so weiter. Immer auf einer speziellen Bühne, manchmal vor 4000, 10000 oder über 100000 Leuten, je nach Grösse der Moschee oder des Stadions. Ich war immer auf dem ersten Rang. Die internationale Jury beschloss schliesslich, mir einen besonderen Titel zu verleihen. Sie ernannte mich nicht nur zum Champion, sondern zum Champion der Champions. Das hatte es noch nie gegeben.
Wie halten Sie Ihr wichtigstes Instrument, Ihre Stimme, in Form?
Die Schönheit des Vortrags gehört Gott dem Allmächtigen und dem heiligen Buch. Ihm gebührt alle Ehre. Er sucht sich denjenigen aus, der Erfolg haben wird. Unsere Talente sind sein Geschenk und seine Gnade. Aber unsere Pflicht ist es, diese Gaben zu entwickeln. Und dies ist eine harte Arbeit. Zum Beispiel die Worte und den Klang so in stimmliche Übereinstimmung zu bringen, dass keines das andere kontrolliert. Das heilige Buch hat seine eigene Musik. Die Buchstaben, Worte, Verse und Kapitel sind auf eine unnachahmliche Weise angeordnet, haben einen eigenen Rhythmus, einen eigenen Ton, ein eigenes Licht. Wenn du nur zurücklehnst und nichts tust, wirst du nichts erreichen. (Er machte eine kleine Pause.) Fasse meinen Kehlkopf an, komm, sei nicht schüchtern. (Ich lehnte mich nach vorn und berührte seinen Hals. Sein Kehlkopf war nicht zu spüren.) Kannst du ihn fühlen? Nein? Und weisst du, warum nicht? Während Jahren habe ich meine Stimme trainiert und geschult, und der Kehlkopf wanderte hinauf und hinunter wie ein Wassertropfen, unablässig, viele Stunden jeden Tag, bis er weg war, verschwunden und meine Stimme so tönte, wie sie sollte. (Er lachte.)
Wie sehen Sie die Zukunft Afghanistans?
Wir sind momentan sehr arm. Aber wenn wir hart arbeiten und den Streit vermeiden, werden wir eine gute Nation und ein beliebtes Volk werden.
Barakatullah Salim, zirka 50-jährig, lebt in Kabul, wo er eine kleine Koranschule führt. Als einziger Lehrer konnte er wegen seines hohen Ansehens in der islamischen Welt auch unter den Taliban weiterhin Mädchen unterrichten. Vier Beispiele von Barakatullahs Gesangskunst können gehört werden unter: www.afghanan.net/islam/recite/ barakatullahsaleem.htm