Die Weltwoche

03.03.2005

Arzt ohne Grenzen

Von Eugen Sorg

Diego Maradona, ehemalige Hand und Fuss Gottes, war zu fett zum Leben. Doktor Mauricio Vergara, ein Mann für ganz schwere Fälle, half ihm abzuspecken. Nun sitzt er wegen Drogenschmuggels in Kolumbien. Und plaudert über den Gemütszustand des weltberühmten Kokainisten.

Am Morgen des 11. Dezembers 2002 wurde auf dem Flughafen von Cali, Kolumbien, ein Passagier mit zwei Kilogramm Kokain im Handgepäck erwischt. Kein bemerkenswertes Ereignis in einem Land, welches der grösste Kokainproduzent der Welt ist und dessen Ordnungskräfte im selben Jahr immerhin 135 Tonnen des Suchtpulvers beschlagnahmt hatten. Trotzdem gelangte der Vorfall in die nationalen Abendnachrichten, und kurz darauf wussten auch die Zeitungsleser von Tokio über Kiew bis Rom und New York vom Zwischenfall auf dem südkolumbianischen Airport. Beim Verhafteten, einem gewissen Mauricio Vergara mit einem Flugticket nach Buenos Aires, handelte es sich nicht um einen gewöhnlichen Drogenkurier, sondern um den Leibarzt von Fussballheiland Diego Maradona. Der damals 32-jährige, vielseitige Doktor der Sportmedizin, mit Patienten aus ganz Lateinamerika, den USA und Europa, kam vor Gericht und wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Die ersten Monate verbrachte Vergara in der Hochsicherheitsanstalt von Palmira, einem Vorort von Cali, danach wurde er ins Gefängnis des benachbarten Städtchens Yumbo überstellt, wo er bis heute inhaftiert ist.

Es würde ihn sehr freuen, mit mir zu sprechen, sagt er am Mobiltelefon mit angenehmer, vertrauenerweckender Stimme auf meine Anfrage für einen Interviewtermin. Und als ich zwei Tage später am Eingang des Gefängnisses klingle, öffnet ein jüngerer Mann mit gepflegten Manieren und blütenweissem Tropenhemd das Tor. Es ist Dr. Vergara persönlich, oder Mauricio, wie sie ihn alle hier nennen. Er stellt uns kurz den Wärtern vor, die etwas verlegen, aber auch stolz zu sein scheinen, einen so prominenten Bewohner zu haben. Dann führt er uns durch das kleine Gefängnis, zeigt uns den Trakt der Männer, flirtet mit deren kichernden Besucherinnen, macht einige Angaben zu den häufigsten medizinischen Problemen seiner 46 Mitgefangenen, begrüsst die Insassinnen des Frauentraktes, die fröhlich durch das Gitter zurückgrüssen. Erst als er sich für ein Foto zu den Frauen hineinbegeben soll, macht einer der Wärter den Versuch eines Einwandes. Dies sei verboten, sagt er schüchtern. «Beruhige dich», antwortet der Doktor lächelnd, als leide der andere unter Phantomschmerzen, «alles in Ordnung, und falls es Probleme geben sollte, werde ich mit dem Direktor reden.» Und fügt scherzhaft drohend hinzu: «Wenn du es nicht erlaubst, nehme ich euch den Fernseher wieder weg, den ihr von mir bekommen habt.»

Mauricio Vergara bewegt sich durch das ärmliche Provinzverlies, als wäre er ein Chefarzt auf Krankenvisite. Tatsächlich ist sein Handlungsspielraum für einen Häftling aussergewöhnlich. Jeden Morgen tritt er durch das Gefängnistor auf die Strasse, um bei der nächsten Türe fünf Meter weiter unten wieder einzutreten. Dort betreibt er eine Arztpraxis, seine Familie hat den ans Gefängnis angebauten Hausteil bezahlt. Im Gefängnis wiederum, wohin er am Abend zurückkehrt, verfügt er als Einziger über eine Einzelzelle. Er hat sie selber gemauert und besitzt für sie einen eigenen Schlüssel. Ausserdem stehen ihm ein winziger Raum für medizinische Untersuchungen zur Verfügung und ein Pult, an dem er Rezepte ausstellen kann. Neben den Mitgefangenen kuriert er Leute aus der Umgebung, zudem suchen ihn Patienten auf, die er schon vor dieser ärgerlichen Geschichte mit dem Kokain behandelt hat. Pro Arbeitswoche wird er im Durchschnitt von 200 Patienten konsultiert, was ihn zum beschäftigtsten Arzt des Departements und vielleicht ganz Kolumbiens macht.

Herr Doktor, was ist damals genau passiert?

2002 bekam ich hier in Cali ein Problem mit einem bewaffneten Sektor der Mafia, weil ich meinem Bruder beistehen wollte. Darauf warf man mir vor, versucht zu haben, mit zwei Kilo Kokain im Gepäck nach Buenos Aires zu fliegen, und verurteilte mich zu fünf Jahren Gefängnis.

Warum hatten Sie das Kokain im Gepäck?

Ich hatte nichts ins Gepäck getan. Ich wollte auch nicht nach Buenos Aires, sondern nach Frankreich. Es war eine Intrige. Der Chef der Flughafenpolizei ist heute im Gefängnis, der Polizeichef von Cali ist auf der Flucht vor der Justiz, mein Anwalt wurde umgebracht, meine Familie bedroht, und ich habe mich daraufhin selber für schuldig erklärt, um am Leben zu bleiben.

Ich habe mich in Cali umgehört. Alle Leute, die ich gefragt habe, halten Sie für schuldig.

Die kolumbianische Presse und alle Fernsehsender ausser RCN waren gegen mich. Sie haben mich förmlich aufgefressen. Aber ich wusste bis zu jenem Zeitpunkt nicht, was Kokain ist. Ich komme aus einer Ärztefamilie. Mit 14 war ich mit dem Gymnasium fertig und begann bald ein Medizinstudium, das ich als Zwanzigjäh-riger abschloss. An der Bosque-Universität von Bogotá spezialisierte ich mich auf Sportmedizin und kehrte dann nach Cali zurück, wo ich mit 25 meine erste Praxis aufmachte. 1998 ging ich für drei Jahre nach Miami und dann nach Frankreich, in die Nähe von Bordeaux, wo ich ein Zusatzstudium in Ernährungswissenschaften absolvierte. Ich habe viel für meine Ausbildung und meinen Beruf getan. Warum sollte ich wegen zwei Kilo Kokain meine Karriere aufs Spiel setzen?

Wer hat Ihnen das Kokain ins Gepäck getan?

Ich wusste, wer es war, und habe gegen diese Leute auch Strafklage eingereicht. Aber sie drohten, mich und meine Familie zu töten. Das Gericht hätte mich nur ein Jahr lang schützen können, danach hätte ich meinen Namen auswechseln und ins Ausland verschwinden müssen. Das wollte weder meine Familie noch ich. Wenn ich mich für schuldig erklärte, würde ich fünf Jahre bekommen. Erklärte ich mich aber für unschuldig, könnte aber die Schuld der anderen nicht beweisen, hätte ich zwanzig Jahre bekommen. Also erklärte ich mich für schuldig.

Aber wieso wollten diese Leute Sie schädigen?

Mein Bruder war der Computerspezialist einer Firma in New York, die im Besitz des Kokainkartells von Cali war, und er verlor Geld, das dieser Firma gehörte. Ich wollte meinen Bruder schützen. Einer meiner Patienten war ein Kopf des Cali-Kartells, und ich fragte ihn, ob er meinem Bruder helfen könnte. Aber ein anderer führender Kopf des Kartells sagte, mein Bruder sei verantwortlich für den Verlust, und wenn ich mich vor meinen Bruder stellen wolle, dann würde er halt mich erledigen.

Um wie viel Geld ging es?

180000 Dollar.

Eine ziemlich komplizierte Geschichte. Konnten Sie dieses Geld nicht irgendwie auftreiben?

Erstens hatte mein Bruder keine Schuld am Verlust. Und zweitens existiert in Cali keine staatliche Autorität. Die Stadt ist in der Hand des Kartells. Und dieses sagt: Du bezahlst, oder du kriegst ein Problem.

Sie waren also auf dem Weg nach Frankreich. Reisten Sie aus beruflichen Gründen dorthin?

Ja, ich war im Begriff, für eine französische Eiskunstlaufschule zu arbeiten. Die Presse schrieb, ich sei auf dem Weg nach Buenos Aires zu Maradona. Das war aber falsch.

Wie haben Sie Maradona kennen gelernt?

Als ich für das ernährungswissenschaftliche Studium nach Frankreich ging, hatte ich bereits eine gewisse Reputation als Arzt, der erfolgreich mit Übergewicht umgehen kann. Bis dahin hatte ich etwa 9000 Patienten mit der Problematik behandelt. In Bordeaux kontaktierte mich der Trainer von Napoli, Maradonas ehemaligem Verein. Der Klub wollte im Dezember 2001 zu Ehren seines Stars ein Abschiedsspiel organisieren. Ich sollte Maradona dafür spielfähig machen, das heisst, ihn von 109 auf 86 Kilo heruntertrimmen. Ich reiste nach Kuba, wo er lebte, und zog mit ihm das Programm erfolgreich durch. Er absolvierte das Spiel, brach etwas später aber das Knie und nahm wieder acht Kilo zu, weil ich ihn nicht mehr betreuen konnte.

Sind Sie und Maradona Freunde geworden?

Ja. Wir haben sechs Monate lang zusammen in Kuba gelebt. Und wir haben immer noch viel telefonischen Kontakt.

Worüber redet ihr am Telefon?

Über seine Gesundheit und das Übergewicht. Meiner Meinung nach müsste er mit einem chirurgischen Eingriff den Magen verkleinern. Aber andere Ärzte Maradonas sagen, eine Operation wäre zu ge-fährlich. Ich denke jedoch, wenn er seinen Bluthochdruck reduzieren könnte, würde er eine Operation überstehen.

Was hat Maradona gesagt, als er von Ihrer Verhaftung erfuhr?

Er unterstütze mich moralisch, aber er konnte nicht viel machen. Er steht unter internationaler Beobachtung, und er hat auch noch ein kleines Problem mit dem spanischen Richter Baltasar Garzón. Maradona hat viele Freunde unter den kolumbianischen Drogenpaten.

Wie ist Maradona als Patient und als Mensch?

Sehr schwierig. Er ist umgeben von einem engen Kreis von Leuten, und er ist wie ein Kind, das nie erwachsen wurde. Er konsumiert Kokain, seit er zwanzig ist, seit seiner Zeit in Barcelona, also seit 23 Jahren. Er ist ein Mensch, der keinen Begriff von Tag und Nacht hat, keine Vorstellung von einem Stundenplan oder der Zeit. Er glaubt, dass er ein Recht auf alles und jeden hat, und dies sofort. Er hält sich für Gott.

Sieht er selber seinen Konsum als Problem?

Nein. Er nimmt einfach nicht zur Kenntnis, wie viel er ihm schadet. Er sagt, alle seine Freunde konsumierten Kokain. Aber sein ganzes medizinisches Problem rührt daher. Er hatte einen Herzinfarkt, eine Leberzirrhose, er ist kein gesunder Mensch.

Wie viel Kokain konsumiert er am Tag?

Ein normaler Kokainist konsumiert ein Gramm täglich. Maradona sechs Gramm. Als ich mit ihm gearbeitet habe, war er zuerst auf vier Gramm, dann brachte ich ihn runter auf ein Gramm. Nach dem Abschiedsspiel hatte er wieder viel Geld, er verlor sogleich die Kontrolle, und sein Konsum schnellte wieder hoch.

Können Sie anhand einiger Beispiele erzählen, was für ein Mensch Maradona ist?

Er stand häufig um drei oder vier Uhr morgens auf und verlangte nach Essen. Wir anderen vom medizinischen Team waren dafür da, um ihm die Kleider zu waschen, für ihn zu kochen und sich um seine Bedürfnisse zu kümmern. Wenn ihm etwas nicht passte, nahm er ein Paintball-Gewehr und begann, uns mit Farbkugeln zu beschiessen.

Fand er das lustig, oder war er wütend?

Für ihn war es ein Spiel, aber für uns war es nicht so amüsant. Wenn du Pech hast, kannst du ein Auge verlieren.

Was hat er sonst noch getan?

Er schaute Fussball, nur Fussball, pausenlos, von frühmorgens in die Nacht hinein bis zum anderen Morgen, Fussballspiele aus allen Teilen der Welt.

Hat er bevorzugte Spieler, oder sieht er gar einen Nachfolger?

Nein. Er glaubt nicht daran, dass es jemals einen Nachfolger geben wird. Gott hat keinen Nachfolger. Maradona ist nicht nur der beste Spieler, er ist auch ein Argentinier. Auf diesem Planeten hat es zu wenig Platz für das Ego eines Argentiniers. Es heisst nicht umsonst in Lateinamerika: «Weisst du, was Ego bedeutet? Dies ist der kleine Argentinier, den jeder in sich trägt.»

Wie habt ihr in Kuba gelebt?

Wir hatten ein eigenes Boot, das von Miami das Essen brachte. Wir bereiteten es nach wissenschaftlichen Vorgaben zu. Für die Entgiftung des Körpers hielten wir uns an ein deutsches, für die Gewichtsreduktion an ein französisches und für den sportlichen Aufbau an ein englisches System.

War Maradona alleine auf Kuba, oder lebten mit ihm andere Spieler oder Freunde?

Er war alleine. Alle Freunde oder Spieler, die er kannte, waren ebenfalls Kokainisten. Daher entschied ich, dass niemand Zugang zu ihm haben durfte, ausser dem Trainer, dem Manager, zwei kubanischen Ärzten, Maradonas Freundin und ich selber.

Und wer brachte ihm das Kokain?

Wir stellten Wächter auf, um den Nachschub zu verhindern. Seine argentinischen Freunde haben es ihm trotzdem immer wieder zukommen lassen. Auch in Kuba gibt es Kokain, obwohl von minderer Qualität.

Wie lange dauerte das Programm?

Sechs Monate, vom Juli bis zum Spiel im Dezember 2001.

Sie sagen, Maradona sei ein Kind. Dann konnte er bestimmt auch herzlich sein.

Er ist sehr zugewandt und auch warmherzig. Aber nur innerhalb seiner kleinen Clique, gegenüber seinen Freunden. Wenn du nicht dazugehörst, bläst dir ein kalter Wind entgegen.

Wie hat er es mit Frauen? Er ist nicht nur Gott, er ist auch Kokainist. Beides verstärkt den Hang zur Masslosigkeit.

Maradona ist geschieden, und seine neue kubanische Freundin ist bei ihm. Er ist kein Frauenverschlinger.

Wie lange wird er noch leben?

Aus ärztlicher Sicht betrachtet, wird er keine fünfzig Jahre alt werden. Die Qualität des Kokains ist in Kuba sehr schlecht. Um den gewünschten Effekt zu haben, muss er sehr viel Stoff konsumieren. Wenn er nach Argentinien oder Kolumbien fährt, bekommt er viel reineren Stoff. Die höhere Konzentration des Kokains könnte den Tod für ihn bedeuten. Medizinisch gesehen kommen alle seine gesundheitlichen Schwierigkeiten vom Kokainkonsum. Kokain ist sein einziges wirkliches Problem.

Maradona war während seines ganzen erwachsenen Lebens kokainsüchtig. Besteht überhaupt eine Chance, dass er jemals damit aufhört?

Nein, das ist unmöglich. Er meint, Kokain schade ihm nicht. Es ist ein Symptom seiner schweren Sucht, dass er sie verleugnet.

Um nochmals auf Ihren Fall zurückzukommen: Juristisch haben Sie gewiss einen schweren Stand gehabt. Als Leibarzt von Maradona, dem berühmtesten Kokainisten der Welt, hat Ihnen wahrscheinlich niemand geglaubt, dass Sie nichts vom Kokain in Ihrem Gepäck gewusst haben sollen.

Genau so war es. Die Leute glauben, ich habe Maradona voll gepumpt. Dabei ist das Gegenteil wahr. Ich habe ihn entgiftet.

Von welchen prominenten Patienten wurden Sie sonst noch aufgesucht?

Von Models aus Miami, Schönheitsköniginnen aus Kolumbien, vom lateinamerikanischen Fernsehstar Don Francisco oder von Andrés Pastrana, unserem damaligen Präsidenten. Und aus Europa rief mich Ronaldo an – er hatte fünf Kilo Übergewicht.

Welcher Unterschied besteht zwischen Ihrem jetzigen Leben im Gefängnis und dem früheren Leben als Prominentenarzt?

Ich arbeite und studiere von morgens um sieben bis um ein Uhr nachts. Und das Wochenende gehört der Familie. Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken.

Haben Sie selber auch schon Kokain probiert?

Nein, nie.

Auch nicht aus wissenschaftlichen Gründen?

Nein. Ich bin Hochleistungssportler, ich fahre Mountainbike.

Maradona war auch Hochleistungssportler.

Zwischen Spitzensport und Drogen besteht ein grosser Zusammenhang. Je mehr Geld in einer Sportart verdient werden kann, desto mehr Drogen sind im Spiel.

Momentan ist Maradona in Kolumbien, in Cartagena an der karibischen Küste. Was macht er dort? Kuba hat doch auch schöne Strände.

Kein Kommentar (kurze Pause). Vielleicht testet er bessere Qualitäten.

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