Das Magazin

16.12.2000

Das Ende der Psychotherapie

Hemmungen, Ängste, Komplexe? Die tiefenpsychologische Behandlung verspricht Heilung. Aber nützt die Seelenkur wirklich? Die Zweifel mehren sich.

Von Eugen Sorgund Terry Richardson (Bilder)

Am 11. November, just zu Fasnachtsbeginn, hatte der Schweizer Psychotherapeutenverband (SPV) zu einer ausserordentlichen Mitgliederversammlung nach Zürich gerufen. Über hundert Seelenkundige waren gekommen, viele schon würdig angegraut im geduldigen Kampf gegen die Hirngespinste und Verschrobenheiten ihrer Patienten. Die Stimmung war angespannt. Nebst einem Haufen berufspolitischer waren noch zwei menschlich heikle Dossiers zu bewältigen. Ein ehemaliges SPV-Mitglied sollte des Saales verwiesen werden, eben weil es nicht mehr Mitglied war, obwohl es das Gegenteil behauptete. Und ein tief verbittertes Vorstandsmitglied, das den anderen Vorstandskollegen Mobbing und totalitäre Methoden vorwarf, sollte abgewählt werden.

Um ihren Entscheiden mehr Gewicht zu verleihen, hatten die obersten Psychotherapeuten die Polizei gerufen, die nun ebenfalls im Saal war. Die Polizei. Ein bemerkenswertes Vorgehen für einen Berufsstand, der sich für die Lösung der Konflikte anderer Leute bezahlen lässt. Ganz untherapeutisch diagnostizierte anderntags der «SonntagsBlick»: «Amoklauf der Seelenklempner».

Auch ein Laie durfte hier mit Fug die Deutung riskieren, dass die Heilergemeinde an Symptomen von starkem Stress und tiefer liegenden Problemen litt. Der Präsident des SPV, der Psychoanalytiker Markus Fäh, hatte in der Einladung denn auch von «lähmendem Misstrauen» und «destruktiv ausgetragenen Frustrationen» innerhalb des Verbands geschrieben, was man sich aber gerade in der heutigen Situation nicht leisten könne. «Wir alle sind frustiert», formulierte er weiter, «weil es berufspolitisch im Moment trotz grosser jahrelanger Anstrengungen nicht vorwärts geht.»

Tatsächlich ist die traditionelle Psychotherapie in den letzten Jahren unter gewaltigen Druck geraten. Seit ihrer Erfindung durch Freud vor einem Jahrhundert begleitet die Seelenkur ein böses Gerücht, das der Spötter Karl Kraus in sein berühmtes Diktum gegossen hat: «Die Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.» Mit solchen Sprüchen und mit all den Witzen hat man leben gelernt. Auch für die mit Stirnrunzeln und leichter Verachtung registrierte Entwicklung, dass weniger Leute bereit sind, die langwierige Psychobehandlung mit ungewissem Ausgang in Anspruch zu nehmen, hat man eine selbst tröstende Deutung parat. Das sei eben die Identifikation mit dem krank machenden Zeitgeist, meint SPV-Präsident Fäh. Alles werde immer schneller, immer oberflächlicher, und der Wunsch nach Analyse nehme ab, dafür derjenige nach Turboreparatur zu. Husch, husch, die Symptome weg.

Was jedoch nicht mehr niedergedeutet werden kann wie ein verstockter Patientenwiderstand, sind gewisse Ereignisse draussen in der realen Welt. Das 1994 revidierte Krankenversicherungsgesetz (KVG) verkündete eine neue Devise. WZW wurde von den Heilern nun verlangt, von den ärztlichen wie den nichtärztlichen: Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit. Gesetzgeber und Krankenversicherer wollten Resultate sehen. Überprüfbare, vergleichbare Resultate. Sie wollten wissen, wer mit welchen Methoden welche Leistungen erbringt und wie viel diese kosten. Die Krankenkassenausgaben waren rasant in die Höhe geschossen, und auf gesellschaftlicher Ebene machte sich ein Ende der versorgungsstaatlichen Gemütlichkeit bemerkbar.

Das Gros der Heiler erlebte die WZW-Forderung als Zumutung, als Schock, als Einmischung einer fremden Macht. Falls sie von solchen Kriterien schon gehört hatten, waren sie sicher, dass sie nur in der Sphäre der Banken und Chemiekonzerne Gültigkeit hatten. Allenfalls noch bei den Verhaltenstherapien, die aber von den «psychodynamischen» und «ganzheitlichen» Therapieschulen ohnehin als flach und banal belächelt werden. Von der Erfüllung der KVG-Auflagen würde aber längerfristig ihre Existenz abhängen – ohne WZW-Beweis keine Kassenbeiträge -, und sie waren gezwungen, diese mindestens zu lesen.

Regelrechte Wut aber löste aus, dass sich die Krankenkassen bei ihren Reglementen für die nichtärztliche Psychotherapie auf den Psychotherapieforscher Klaus Grawe von der Universität Bern beriefen. Dessen 1994 erschienenes Werk «Psychotherapie im Wandel» hatte bei den meisten hiesigen Seelentherapeuten Heulen und Zähneknirschen hervorgerufen. Am lautesten zu hören, und dies bis heute, war es im Raum Zürich, wo eine weltrekordverdächtige Therapeutendichte zu finden ist. 2700 Psychopraxen, gesamtschweizerisch gesehen die Hälfte, sind hier angesiedelt, die esoterischen Kabinette nicht mitgerechnet.

Herr Fäh, Sie sind Präsident des Schweizer Psychotherapeutenverbands. Die Psychotherapeuten sind nervös. Brauchen sie eine Therapie?

Wir sind in permanenter Fortbildung. Aber es gibt eine Stressquelle: die chronische Missachtung des Berufsstandes. Ärztliche Psychotherapeuten, auch wenn sie nichts können, werden von den Kassen anstandslos bezahlt. Gut ausgebildete, aber nichtärztliche Psychotherapeuten haben dagegen oft einen Coiffeurlohn. Darunter leiden einige von uns.

Die Psychotherapeuten müssen sich erstmals einer von aussen Stehenden durchgeführten Qualitätskontrolle stellen. Damit haben sie Mühe.

Die Widerstände der Psychiater gegen Kontrollen sind viel stärker. Die konnten machen, was sie wollten, sie waren finanziert. Der Psychologe aber musste sich schon immer beweisen.

Aber trotzdem scheint er Angst zu haben, dass man ihm genauer über die Schulter schaut.

Stimmt, ein Antireflex existiert. Die Psychologen befürchten, man sage, sie machten es schlecht.

Sie sind manchmal etwas paranoid, glauben, die «Polizei» komme und mache Vorschriften.

Aber die Krankenkassen treten zum Teil wirklich so auf.

Von Psychologen würde man mehr Abgeklärtheit erwarten.

Es gibt eine Wehleidigkeit der Therapeuten, einen empfindlichen Narzissmus. Die kleinste Kritik an der Wirksamkeit, und man fühlt sich verschossen. Die Therapeuten haben eine zu geringe Selbstachtung, sie sind nicht überzeugt von ihrem Produkt. Dabei verkaufen wir ein Topprodukt. Wir verkaufen Hoffnung und Konfliktlösung.

Der Name Klaus Grawe scheint unter Ihresgleichen keinen guten Klang zu haben.

Man muss unterscheiden zwischen der Person Grawe – ein cleverer Mann – und dem Grawe-Effekt. Letzterer ist verheerend. Zum Beispiel darin, dass die Krankenkassen längere Therapien nicht mehr bezahlen wollen. Sie stützen sich auf Grawe ab. Grawe ist ein verkappter Verhaltenstherapeut, er bevorzugt die Kurztherapien.

Er sagt, alle Untersuchungen würden zeigen, dass sie wirksamer seien.

Er hat neuere Untersuchungen nicht berücksichtigt, die besagen, dass bei gewissen Störungen psychoanalytische Langzeittherapien eine bessere und nachhaltigere Wirkung haben als Kurzkuren. Er hat auch methodische Fehler gemacht, Äpfel mit Birnen verglichen. In meinem Buch «Sinn und Unsinn in der Psychotherapieforschung» ha-be ich das nachgewiesen.

Wie merkt man, wenn der Patient geheilt ist?

Ich rede lieber von Veränderung. Der Heilungswunsch im unbewussten Sinne ist unerfüllbar. Also es gibt vier Ebenen: das Symptom, die eigentliche Erkrankung, die man aber nicht sieht, die Ursache und die Folgen…

Das wollte ich eigentlich nicht wissen. Wann ist der Patient gesund? Nicht dann, wenn er findet, es gehe ihm jetzt wieder besser?

Der Klient ist Auftraggeber. Wenn er findet, er sei gesund, dann hat er Recht (lacht).

Ein Team von 16 Wissenschaftlern unter der Leitung Grawes hatte sämtliche bis 1984 je publizierten Studien zur Wirksamkeit der verschiedenen Psychotherapien gesammelt und ausgewertet. Die Arbeit hatte dreizehn Jahre in Anspruch genommen und war weltweit einzigartig. Sie erregte nicht nur in der internationalen Fachgemeinde Aufsehen, sondern stiess auch bei den Medien und beim Laienpublikum auf grosses Interesse. Der teure, schwer lesbare Schunken wurde ein Longseller. Er lieferte einen niederschmetternden Befund für die meisten gängigen Heilverfahren.

Verhältnisse wie im «Mittelalter», wie auf einem «orientalischen Basar», so das feldherrliche Urteil des Universitätsprofessors Grawe, herrschten in den Niederungen des Seelenmarktes vor. Eine «monströse» Zahl Therapieschulen doktere vor sich her, einzig um den Erhalt der eigenen Ins-titution und der Bestätigung der eigenen Glaubenswahrheit bekümmert. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Psychologieforschung würden in den seltenen Fällen, wo man sie überhaupt zur Kenntnis nehme, abgewehrt. Viele Psychotherapeuten scheuten nämlich «wie der Teufel das Weihwasser» eine objektive Überprüfung der Nützlichkeit ihrer Kur. Ausbildungsmisere und «inzüchtige Kommunikation» an den autoritär verkrusteten Therapieschulen, willkürliche Behandlungstechniken, kuriose bis halsbrecherische Diagnosen seien die Folge. Den Preis zahlten die wirklich leidenden Patienten. «Soll unsere Gesellschaft», lautete die rhetorische Frage Grawes, «das psychotherapeutische Sektenwesen tolerieren und sogar noch sanktionieren und finanzieren?»

Die rufschädigende Scharlatansmütze bekamen nicht nur die Dutzenden von Exotenkuren übergezogen, wie Aqua-Energetik, New-Idendity-Prozess, Mainstreaming, Rebirthing, Transzendenz-Therapie, Naikan-Therapie, Neurolinguistisches Programmieren, Poesie-Therapie, Orgon-Therapie, Psychosynthese, Urschrei-Therapie. Auch traditionsreiche Verfahren wie diejenigen nach Alfred Adler und C. G. Jung, die Daseinsanalyse oder die Transaktionsanalyse wurden in gefährliche Nähe der schieren Unwissenschaftlichkeit gerückt.

Überhaupt schnitten die psychodynamischen oder tiefenpsychologischen, also die klassischen Therapieformen in Grawes Studie schlecht ab. Auch deren aller Urmutter, die Grande Dame der Therapien, die vornehme Psychoanalyse Freuds, erfuhr eine herbe Kränkung. Immerhin seien ihr eine Reihe anregender theoretisch-wissenschaftlicher Fragestellungen zu verdanken. In der heilerischen Praxis hingegen sehe es «nicht gerade rosig» aus. Vor allem die bis zu 1000 Stunden oder mehr dauernde Langzeitanalyse, der Königsweg in die Abgründe der Seele, das eigentliche Pièce de Résistance der reinen Freudianer, sei nicht nur unnütz, sondern berge bei gewissen Patienten gar «ein relativ grosses Risiko schädigender Effekte».

Bettina S., 38-jährig:

«Als ich meine langjährige Stelle als Buchlektorin aufgab, freiwillig, geriet mein Leben durcheinander. Ich bekam plötzliche Panikanfälle, beispielsweise mitten in der Warteschlange im Coop, und über eine Bekannte fand ich eine Analytikerin. Die Symptome verschwanden schnell, das heisst, sie waren bereits weg, als ich mit der Analyse anfing. Dafür tauchten nach einiger Zeit neue auf, Tunnelängste, aber auch die lösten sich wieder auf.

Das erste Jahr ging ich einmal pro Woche hin, die nächsten sechs Jahre zweimal wöchentlich. Die Krankenkasse übernahm die Kosten, die Frau war Ärztin. Auf der Couch war es mir oft langweilig, ich wusste nicht, was erzählen, und weil die Analytikerin nicht viel sagte, wenn es mir langweilig war, wurde es für mich noch langweiliger. Zwei Jahre lang dachte ich immer, ich müsse an den Punkt herankommen, wo ich fühle, jetzt bin ich am zentralen Trauma, am Schlüsselerlebnis, das mir Klarheit über meine Kindheit gibt. Die Analytikerin erklärte mir dann, dass es nicht unbedingt ein einzelnes Erlebnis sein müsse, es könne auch eine Stimmung sein. Ich kam nie daran heran.

Die letzten eineinhalb Jahre gehörten dem Thema Abschied. Es ging darum, dass man nicht stirbt, wenn man geht. Und der andere auch nicht. Als ich schliesslich mit der Therapie aufhörte, überfielen mich keine Ängste. Ich war erleichtert, dass es ein Ende genommen hatte. Ich hatte wieder Zeit für anderes und war froh, dass nicht mehr nur immer ich im Mittelpunkt war.

Wenn man mich nach der Effizienz fragt: wenig Resultat. Aber ich bedaure die Zeit nicht. Es war ein schöner Luxus. Warum schön? Ich habe mich besser kennen gelernt. Wobei das zu grossartig tönt. Man realisiert manchmal schneller, dass man jetzt wieder so reagiert, wo es nicht gut tut, und man ist schneller wieder raus. Niemand kann natürlich sagen, ob ich das nicht auch ohne Analyse hingebracht hätte. Gibt es überhaupt Therapien, die wirklich nützen?»

Grawe riet allen Patienten, den Therapeuten zu wechseln respektive sich nach einer anderen Art Therapie umzusehen, falls sich nach 25 Therapiesitzungen noch keine deutliche Besserung des Zustandes eingestellt habe. Denjenigen Therapeuten wiederum, deren Kuren in der Regel mehr als ein Jahr dauerten, bescheinigte der Professor, ineffektiv zu arbeiten und von «nachweislich falschen und irrationalen Annahmen» auszugehen.

Solcherart Verlautbarungen freuten neben den Managern der Krankenkassen vor allem die Vertreter der Verhaltenstherapie. Diese arbeitet innerhalb eines relativ kurzen zeitlichen Rahmens mit einem klar definierten und überpüfbaren therapeutischen Ziel. Und sie wurde von der Grawe-Studie als überlegene Siegerin mit der wirksamsten Methode gegen die meisten psychischen Störfälle gekürt. Noch lieber als zuvor er-zählen seither die Verhaltenstherapeuten Witze wie diesen:

Zwei alte Freunde treffen sich wieder nach längerer Zeit. «Was hast du so getrieben?», fragt der eine. – «Ich war in einer Verhaltenstherapie», sagt der andere, «du weisst schon, wegen meines Bettnässens.» – «Und, hat es genützt?» – «Ich bin zwanzig Mal hingegangen. Ich weiss zwar nicht warum, aber ich bin jetzt geheilt. Und was hast du gemacht?» – «Ich war fünf Jahre in einer Psychoanalyse. Das gleiche Problem wie du.» – «Und?»

– «Ich habe viel gelernt über die Ursachen des Problems. Ich nässe zwar immer noch ein. Aber ich kann jetzt besser damit umgehen.»

Mario M., 47-jährig:

«Ich arbeitete bereits als Psychologe, als ich meine Lehranalyse, also meine Ausbildung zum Analytiker, am Zürcher Freud-Institut begann. Gelegentlich hört man, dass Analysanden in eine Krise geraten, wenn es so ganz tief hinuntergeht. Ich hatte nie eine Krise, aber auch nie die Meinung, eine Neurose zu haben. Während der ganzen Analyse hatte ich aber immer das Gefühl, ich spiele, ich produziere «Literatur». Und ich hatte auch das Gefühl, mein Analytiker spüre dies. Doch wir sprachen nie darüber. Ich ging gerne hin, weil ich gerne schwatze. ‹

Eines Tages bewarb sich mein Analytiker um die offizielle Anerkennung als Lehranalytiker des Freud-Instituts. Das Aufnahmeverfahren ist eine ernste, feierliche Angelegenheit, vergleichbar mit einer Kardinalswahl. Der Kandidat trägt sein Referat vor, eine Falldeutung beispielsweise, und die Mitglieder entscheiden, ob es ihren Ansprüchen genügt. Mein Analytiker vertrat die These, dass das Analysesetting sich nach dem Analyseprozess richten sollte und nicht umgekehrt. Konkret, dass eine Analysestunde zum Beispiel auch mal fünf Minuten länger als die festgelegten fünfzig dauern darf, wenn es der Therapiesituation dient.

Die Mitglieder, unter ihnen etliche seiner ehemaligen Analysanden, reagierten, als ob sich der Teufel persönlich in ihren Kreis eingeschlichen hätte. Allein das Nachdenken über den Sinn eines Teilaspekts der Kur wurde als Gotteslästerung empfunden. Es hagelte eisige Voten, und man fragte ihn, ob einer wie er überhaupt noch Psychoanalytiker sei. Es wurde abgestimmt und entschieden, ihn nicht in die Gesellschaft aufzunehmen.

Die Angelegenheit war ein Thema in meiner Analyse. Er meinte, dass am Institut zwanghafte Auffassungen vorherrschten. Einige Wochen später erfuhr ich, dass er sich erneut dem Aufnahmeverfahren unterziehen wolle. Etwas in mir stellte total ab. Mein Analytiker war über 50, Psychiater, Klinikchef und materiell unabhängig vom Freud-Institut. Trotzdem kroch er vor diesem inquisitorischen Klub zu Kreuze. Wie konnte man Psychotherapeut sein und sich gleichzeitig so benehmen? So wollte ich nicht werden, er war als Vorbild gestorben.

Sehr vorsichtig tönte ich ihm dies an, und er meinte darauf, dann sei dies wohl heute meine letzte Stunde. Das sei wohl so, sagte ich, erhob mich von der Couch, redete noch einige Minuten mit ihm, verabschiedete mich und sah ihn nie wieder. Ich hatte drei Jahre lang drei Mal wöchentlich auf seiner Couch gelegen und ihm von mir erzählt. Innert Sekunden war diese Beziehung zu Ende. Sein Verhalten gegenüber diesem sektiererischen Institut war eine menschliche Enttäuschung für mich. Danach orientierte ich mich völlig neu und absolvierte noch ein Philosophiestudium.

Ich habe in der Analyse übrigens kaum etwas Neues über mich erfahren. Und ich kenne auch niemanden, der in einer Therapie «geheilt» wor-den wäre. Einen Kollegen gibt es zwar, der nach sieben Jahren Analyse nur noch jeden dritten Abend betrunken ist, anstatt jeden zweiten, wie vor der Analyse. Und er ist weniger aggressiv zu Frauen. Vielleicht aber auch, weil er von Weisswein auf Rotwein gewechselt hat.»

Olaf Knellessen ist seit zwanzig Jahren praktizierender Psychoanalytiker. Er gehört zum Kreis des Psychoanalytischen Seminars Zürich, einer «linken» Abspaltung der altehrwürdigen Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse (heute Freud-Institut für Psychoanalyse).

Herr Knellessen, was nützt die Analyse?

Eine schwierige Frage. Was heisst nützen? Da gibt es verschiedene Auffassungen. Bei Grawe zum Beispiel spielen die Fragen der Effizienz und der Minimierung von Kosten und Aufwand eine grosse Rolle. Weg mit den Symptomen, her mit dem Wohlbefinden. In der Tat hat diese Ausrichtung an Terrain gewonnen. Ein heikler Approach.

Was ist dagegen einzuwenden?

Symptome können manchmal schnell verschwinden, und Zufriedenheit stellt sich ein. Aber die Therapie hat noch nicht begonnen. Oder umgekehrt: Die Befindlichkeit wird schlechter, aber die Therapie ist gut am Laufen.

Symptomfreiheit und Wohlbefinden sind doch das Ziel der Therapie.

Symptom und Leiden sind nicht gleichzusetzen.

Das ist die Theorie des Symptomfreien.

Nein, das Leiden hüllt sich in verschiedene Symptome. Das Leiden hat mit dem Schicksal zu tun, das die Triebe, die Wünsche und das Begehren im Laufe des Lebens genommen haben. Sich diesen zu stellen und wieder zu beleben in der Analyse, das ist der Nutzen für den Patienten.

Der Mann einer Bekannten ging wegen plötzlicher Impotenz zu einem Psychiater. Der diagnostizierte eine Midlife Crisis und empfahl gleichzeitig der Ehefrau eine Einzeltherapie. Gegen Ende der dritten Sitzung bei der Psychoanalytikerin brach die Frau in Heul- und Schüttelkrämpfe aus. Ihre Deutung?

Wunderbar, in so kurzer Zeit das ganze Problem schon auf dem Tisch. Das therapeutische Setting war der Katalysator.

Aber die Frau ging nie mehr hin. Sie hatte es nicht mehr ertragen, dass die Analytikerin die ganze Zeit kaum etwas gesagt, dafür ständig Notizen auf einen Zettel gemacht hatte. Hat die Analytikerin versagt? (Die Impotenz des Mannes verschwand übrigens wieder, als er ein Medikament absetzte, das er wegen eines anderen Leidens eingenommen hatte.)

Versagt? Das wäre vermessen. Vielleicht war auch die Reaktion derart heftig, dass sich die Patientin nicht mehr damit auseinander setzen wollte.

Vielleicht wollte die Frau etwas anderes.

Möglich, die Patienten haben immer ein Ziel, eine Vorstellung über sich. Sie wollen besser sein, überlegen – diverse Motive. Aber der Therapeut darf sich diesen Vorstellungen nicht unterwerfen. Es gibt da neuere Therapieforderungen: Man müsse sich nach den Bedürfnissen der Patienten richten. Aber das ist nicht haltbar. Dies unter-stellt, dass der Patient weiss, was er will. Aber er weiss es nicht. Er hat ja das Gefühl, die anderen seien schuld. ‹

Der Therapeut weiss alles besser. Wie überheblich.

Nein, kennt die menschliche Brüchigkeit. Aus der Erfahrung mit den Patienten und mit sich selber.

Wie überprüfen Sie den Erfolg?

Es gibt kein Rezept. Man ist immer in Gefahr zu scheitern.

Das ist wenig.

Der Therapeut muss das Nichtwissen und die Ohnmacht aushalten können. Die Wirksamkeit der Psychoanalyse ist nicht quantifizierbar und standardisierbar. Dies sind Forderungen der kos-tengeplagten Krankenkassen und der Universitätspsychologie à la Grawe. Sie führen zur Propagierung von störungsorientierten Therapien.

Ist das schlecht?

Für jedes Wehwehchen wird ein Spezialist herangezogen: für die Internetsexsüchtigen, die Gemobbten, die Traumatisierten. Eine grundlegende Verlagerung der Therapie findet statt: Therapie wird zur Methode der Lebensbewältigung.

Was ist daran schlimm?

Das ist fatal. Der Mensch setzt sich nicht mehr mit dem Leben auseinander.

Hat dies die Psychoanalyse geleistet: dass der Mensch nicht oberflächlich wurde?

Jawohl. Auch in der Literatur, der Wissenschaft, der Gesellschaft. Auch wenn dies verleugnet wird.

Bertram H., 29-jährig:

«Ich war als Freischaffender verantwortlich für eine Ausstellung und realisierte, dass ich damit scheiterte. Geld stand auf dem Spiel, aber vor allem meine Selbstachtung. Ich geriet in eine Krise. Ich fühlte mich immer eingeengter, hatte Gedankenfluchten und dachte an Selbstmord.

Auf den Rat eines Bekannten suchte ich eine Frau auf, die sich aus Massagetechniken, Bachblüten, irgendwelchen chinesischen Weisheiten und mit viel Nachdenken über das Leben eine eigene Therapieform zusammengebastelt hatte. Der Behandlungsraum war wie eine kleine Kirche, voller Tücher, Kerzen und Düfte. Ich bin eher ein intellektueller Typ, und Esobrimborium ist nicht mein Ding. Aber die Frau machte mir Eindruck. Am Anfang der Stunde sprachen wir über Sachen aus meinem Leben, dann legte ich mich auf den Tisch, und sie massierte mich. Sie fragte mich, was ich dabei spüre und redete dazu von Energieflüssen, die vom Himmel auf die Erde kommen und dergleichen. Ich hütete mich, etwas dazu zu sagen. Ich teilte ihre Weltansicht nicht, aber ich wollte keinen Streit. Denn die Behandlung tat mir gut.

Ich machte von Mal zu Mal neu ab. Etwas passierte mit mir. Einmal war ich unendlich traurig, weinte, war windelweich geklopft. Als ob sich ein Knopf in meinem Kopf gelöst hätte und in den Körper verströmt wäre. Ich konnte nichts anderes mehr tun, als mich hinsetzen und aufschreiben, warum ich beruflich gescheitert war. Ein anderes Mal war ich voller Lebensfreude und aktiv. Ich fuhr jeweils nach Hause und merkte: Die Realität da draussen existiert, aber sie ist abhängig von meinem Gefühl, und dieses ist veränderbar. Dies gab mir Hoffnung. Und ich hatte Einsichten, die ebenso banal wie tief waren: Man lebt nur einmal, die Gefühle sind wichtig, alles andere nicht. Es war ein Zustand wie Verliebtheit.

Nach acht Mal hatte ich die Krise überwunden, und ich machte nicht mehr ab. Es ging mir wieder gut. Ich begann ein Studium. Hat mich die Therapie wieder auf die Schiene gebracht? Auf jeden Fall hat sie mir genützt. Wie und warum, kann ich nicht sagen. Vielleicht wurden meine Selbstheilungskräfte aktiviert. Ich habe nachher eigene «Rituale» entwickelt, nicht Räucherstäbchen, aber Sport und so weiter, was ich früher nie gemacht habe. Ich bin später noch zwei- oder dreimal zu ihr gegangen, das letzte Mal vor zwei Jahren. Heute reicht mir der Gedanke, dass es diese Möglichkeit gibt, damit es mir gleich wieder besser geht.»

Die Verheissung Freuds bestand darin, dass er eine Gesundung von jenen Symptomen und tris-ten Störungen in Aussicht stellte, die in den Handbüchern der Psychopathologie aufgelistet sind. Voraussetzung dazu sei, dass der Patient sich mit Hilfe eines Guides, eines Analytikers, auf eine Reise in sein Inneres aufmache, zurück zu den dunklen Tatorten der emotionalen Verletzungen, der Traumata, dem Ursprung seiner Probleme. Und gleich Dante, auf den am Ende seiner läuternden Fahrt durch Himmel und Hölle die schöne Jungfrau Beatrice wartete, würde der durchanalysierte Patient den Preis eines von neurotischen Knörzen befreiten Lebens erwarten.

Aus dem Seelenmodell des Wiener Pioniers – eine Art thermodynamischer Apparat mit Bewusstsein und Hang zu selbst schädigenden Mythenbildungen – gingen in der Folge verschiedens-te neue Konstrukte hervor. Jede Revision wurde von den schon bestehenden Denkschulen als Ketzerei verdammt. An einem Punkt aber hielten die zerstrittenen Erben fest: am Pathos der Aufklärung. Alle tiefenpsychologischen Therapieformen huldigen bis heute dem Glauben, dass Bewusstmachung, Einsicht und Selbsterkenntnis heile.

Eine grandiose Illusion höchstwahrscheinlich, wie schon die Alltagsbeobachtungen zeigen. Es gibt unverwüstliche Frohnaturen, angenehme, vor seelischer Gesundheit strotzende Mitmenschen. Sie zeichnen sich oft durch eine heitere Unfähigkeit zur Selbstreflexion aus und durch die Kunst, unangenehme Erlebnisse, persönliche Niederlagen schnell zu vergessen. Andererseits trifft man unter den begabten Kundschaftern des eigenen Innenlebens häufig unglückliche, gehemmte Typen. Auch stellt man fest, dass die ehrlichsten Selbsteinschätzungen dann stattfinden, wenn man zum Beispiel gerade von der Freundin verlassen wurde. Eine Offenheit, die sofort verschwindet, sobald es einem wieder ein bisschen weniger dreckig geht und man bei der nächsten Frau gepunktet hat. Wohlbefinden und Selbsteinsicht scheinen sichl nicht gegenseitig zu befördern.

Zudem ist das Gedächtnis ein flatterhafter Chronist. Es schneidet sich einen bunten und je nach Lebenssituation sich verändernden Erinnerungsfilm zusammen; aus Eigenem und Fremdem, aus Ereignetem, Imaginiertem, später Gehörtem oder Gelesenem. Immer vorgaukelnd, es handle sich um selbst erlebte Geschehnisse und immer dem Auftrag seines Herrn, dem Ego gehorchend: eine vorteilhafte und schmeichelnde Geschichte zu liefern. Studien haben aufgezeigt, wie einfach es ist, Leuten falsche Erinnerungen einzupflanzen. Emotionale Hochtemperatursituationen wie Psychotherapien eignen sich ideal für Suggestion. Die Erinnerungsbilder der Patienten entsprechen auffällig oft der Theorie des Therapeuten. Auch dieses Phänomen war Karl Kraus nicht entgangen: «Ein guter Psycholog ist im Stande, dich ohne weiteres in seine Situation zu versetzen.»

Geri P., 45-jährig:

«Nach der Geburt unserer Tochter kamen meine Frau und ich uns nicht mehr nahe. Wir hatten vorher normalen Sex gehabt, und jetzt wollte sie nicht mehr. Sie fing noch eine Affäre mit einem guten Bekannten an, nur Händchenhalten zwar, wie sie versicherte, aber ich fühlte mich wie ein Zombie. Wir gingen zu einer Ehetherapeutin. Dort wurde deutlich: Sie hat ein Problem. Man fing an zu bohren. Nach zirka neun Monaten kam es aus ihr raus. Sie hatte als Kind eine Inzestgeschichte mit ihrem Vater gehabt. Mir hatte sie nie etwas davon erzählt, aber man sagt ja, so was sei verschüttet.

Ab da ging sie alleine in die Therapie. Zweimal die Woche. Nach drei Jahren sagte ich: Ich kann nicht mehr bezahlen. Ich war selbständiger Grafiker. Die gemeinsame Therapie hatte mich 10 000 gekostet, jedes weitere Jahr 7200 Franken. Wir wohnten in Sternenberg, die Therapie war in Zürich. Also brauchten wir ein zweites Auto. Ferien lagen keine mehr drin. Sie begann noch eine Tanz- und Bewegungstherapie, die ebenfalls kostete. Häufig war sie an Wochenenden an Kursen, und ich sass alleine da mit dem Kind.

Ich hatte keine Ahnung, was sie in der Therapie machte, schwatzen, berühren, weiss der Teufel was, aber es ging ihr nie besser. Sie kam auf den Egotrip: Ich darf auch Nein sagen und so weiter. Ich sagte, das Leben findet vorne statt. Man muss mit dem Neuen zu Rande kommen und nicht ständig das Alte aufarbeiten. Manchmal schliefen wir wieder miteinander, aber nachher weinte sie, und ich kam mir vor wie ein Vergewaltiger.

Ich wollte also nicht mehr bezahlen. Die Therapeutin aber sagte, solange sie in diesem Prozess sei, gebe es keinen Abbruch. Die Frau hatte mir verboten, mit aussen Stehenden über den Inzest zu reden. Schlecht für den Prozess. Ihren Vater hatte sie konfrontiert, der hatte den Vorwurf aber absolut jenseits gefunden. Unser Kind durfte nicht mehr zu ihm. Bekannten spielten wir das perfekte Paar vor. Einmal brachte sie mir ein Buch, empfohlen von der Therapeutin. «Leben mit einem Inzestopfer» hiess es und enthielt Tipps: Wenn der Mann Lust auf Sex habe, könne er der Frau zeigen, dass er drüber stehe und dafür einen Kaffee trinken gehen. Ich hatte nur den Wald von Sternenberg, wo ich mein Elend hinausheulen konnte.

Sie blieb sieben Jahre in der Therapie. Gegen das Ende hin konnte ich nicht mehr. Ich hatte mich völlig aufgehängt, um alles zu bezahlen, und hätte auch gerne mal etwas gemacht, einen Kurs oder so. Wir hatten schon lange getrennte Schlafzimmer gehabt, nun trennte ich mich ganz.

Zwei Jahre nach der Scheidung trafen wir uns zu Weihnachten bei meiner Mutter. Sie schaute meine Tochter an und sagte: «Schon wie ein richtiges Fräulein.» Ich: «Aber ich kann mich beherrschen», und ging auf den Balkon eine Zigarette rauchen. Meine Ex kam mir nach. Sie müsse mir das noch sagen, meinte sie, der Missbrauch habe im Fall nie stattgefunden. Die ganze Geschichte sei nur ein Produkt der Behandlung. Ich hielt mich am Geländer fest, als sie fortfuhr: «Aber ich bin ihm schon in einem früheren Leben begegnet. Und dort hat er mich vergewaltigt.» Offenbar hatte sie die Therapeutin gewechselt. Ich stieg dann ein wenig in die Luft. Sieben Jahre lang war ich das Arschloch gewesen, das absolute Arschloch.»

Die grösste Kränkung der Psychoanalyse haben ihre Vertreter noch kaum realisiert. Die Hinweise mehren sich, dass viele der seelischen Erkrankungen nicht von unbewussten emotionalen Konflikten herrühren, sondern von neuronalen Geschehnissen im Hirn. «Wenn Freud heute lebte», meint der Zürcher Schizophrenieforscher Daniel Umbricht, «wäre er Neurowissenschafter. Er hat selber Neurologie studiert, aber man wusste damals noch wenig.» Es laufe sehr viel in der Hirnforschung, meint Umbricht, leider hätten die meisten Psychoanalytiker keine Ahnung davon. Obwohl es für deren Arbeit ziemlich wichtig wäre. ‹

Schizophrenie, schwere Depression, Angst- und Panikattacken, Zwangserkrankungen, Süchte, Psychosen, die schweren und leidvollen Psychopathologien hätten primär eine biologische Ursache, sagt Umbricht. Erbfaktoren spielten eine Rolle oder eine gestörte Entwicklung gewisser Hirngebiete wie bei der Schizophrenie. Auch körperliche Erkrankungen könnten Einfluss haben. Kinder entwickelten beispielsweise unter rheumatischem Fieber in seltenen Fällen motorische Störungen. Man habe bemerkt, dass diese Kinder später anfälliger für Zwangserkrankungen waren: Die gleichen Hirnregionen waren betroffen. Aber auch starke frühkindliche Traumata, extreme äussere Stresssituationen, würden die neuronale Hardware oft unumkehrbar verändern und anfällig für spätere Zusammenbrüche machen.

Aber nicht nur die biologische Vergangenheit, auch das biologische Jetzt kann einem einholen. Gemütserkrankungen, auch Kokain- und andere Süchte neigten dazu, sich zu «automatisieren», meint Umbricht. Sie würden das neuronale Netzwerk nachhaltig verändern, sich gleichsam ins Gehirn einätzen und den nächsten Schub vorbahnen. Einen psychotischen Jugendlichen oder einen schwer depressiv Erkrankten mit einer analytischen Redekur zu behandeln, sei daher ein gravierender Kunstfehler. Vielmehr müsse die Erkrankung so schnell als möglich medikamentös gestoppt werden – um eine tiefere Festsetzung im Hirnsubstrat zu verhindern. «Die Vorstellung, durch Aufarbeitung von Vergangenem solche Störungen heilen zu wollen», urteilt er, «ist Chabis. Psychotherapie heilt hier nichts. Ihre einzige Aufgabe könnte darin bestehen, dem Patienten zu helfen, mit der Krankheit zu leben.»

Und was heilt Psychotherapie bei den leichteren Störungen? Bei den kleinen Ängsten, Ticks und Verbogenheiten? Nicht alle, aber die Mehrzahl der Studien kam zum Schluss, dass Psychotherapie nützt. Nützt im Sinne der Hebung des Wohlbefindens des Patienten. Mehr nützt als keine Thera-pie, und ein bisschen mehr nützt als eine Placebotherapie. Was aber genau nützt und warum, darüber ist man sich noch nicht im Klaren.

Einige Wirkfaktoren wurden ermittelt. Als zent-rale Variable gilt die Therapeutenpersönlichkeit. Nicht der hypereinfühlende, problemhypnotisierte Tiefensondierer, sondern der unterstützende, res-sourcen- und lösungsorientierte Helfer habe den besten Einfluss auf den angeschlagenen Patienten. Einer, der die Lage realistisch einschätzt, dem Patienten dessen Stärken und Fähigkeiten in Erinnerung ruft und ihn wieder auf die Piste schubst.

Einer wie ein guter Freund.

Am wirksamsten sei aber die Person des Patienten selbst. Dies jedenfalls ergab beispielsweise eine Studie aus dem Jahre 1992 an 2343 Einzelbefunden über das Ergebnis von Psychotherapien (Orlinsky, Grawe & Parks). Optimalste Genesungschancen habe derjenige, der nicht allzu gestört sei; der offen für Veränderungen sei; der eine gute Beziehung zum Therapeuten entwickle und der engagiert mit diesem zusammenarbeite. Derjenige also, muss man daraus folgern, der psychisch beneidenswert vital, will heissen, ohnehin gesund ist. Der Stand der professionellen Helfer wird aber nicht verschwinden. Seelische Krisen gehören zum Leben wie ein lästiger Verwandter. Sie erzeugen den Wunsch nach einem klärenden Wort, nach Unterstützung, gutem Rat. Vieles deutet aber darauf hin, dass die tiefenpsychologischen Klassiker verschwinden werden. Wie vor ihnen das Schröpfen, der Mesmerismus, die Hypnosekur. Die neuen Formen werden pragmatischer sein, am Hier und Jetzt orientiert, am Handling der Realität. Und der Therapeut wird nicht mehr Heiler oder Sinngeber sein, sondern wird Coach, Krisenmanager, Berater für Strate-gien der Problembewältigung. Dies würde auf jeden Fall dem Bedürfnis nach einer Behandlung jenseits von Weltanschauungen und Schuldogmen entsprechen.

Das Bundesamt für Sozialversicherung hatte eine Kommission eingesetzt, um die WZW-Kriterien für Psychotherapie auszuarbeiten. Damit hätte man eine Grundlage gehabt, um die verschiedenen Therapieanbieter auf ihre Qualität zu überprüfen und über ihren Anspruch auf Krankenkassenfinanzierung zu entscheiden. Die Kommission unter der Leitung des Psychiaters Guido Mattanza präsentierte 1997 ihren Bericht. Die Arbeit stiess auf heftige Ablehnung, vor allem von Seiten der verhaltenstherapeutischen und universitären Psychologen aus dem Grawe-Lager.

Der Report sei wertlos, so die Kritiker, weil er keine Auflagen enthalte, die verschiedenen Therapieformen empirisch auf ihren wirklichen Nutzen zu überprüfen. Aber kein Wunder, meinten sie, denn Mattanza, der aus undurchsichtigen Gründen zum Leiter ernannt worden sei, habe noch nie vorher Psychotherapieforschung betrieben. Zudem sei er Jungianer. Und als solcher kaum interessiert an einer objektiven Durchleuchtung der eigenen Glaubenskongregation. Man habe sozusagen den Bock zum Gärtner gemacht. Der Bericht verschwand wieder in der Schubla-

de und liegt dort noch immer. Die traditionellen Tiefenheilerkulturen werden noch eine Weile weiter existieren.

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