Das Magazin

27. 11. 1999

Ein Tag im Leben von Gott

Der Schöpfer aller Dinge hat schon in vieles hinein gesehen. Jetzt macht er sich Gedanken über seine Zukunft.

Was hat man mir nicht alles für Namen gegeben. Adonai, Allah, Herrgott, Jahve, Mana, Zebaoth, Zeus. Allmächtiger, Grundgütiger, Himmlischer Vater, Höchstes Wesen, Weltgeist. Hunderte von Namen in Hunderten von Sprachen. Lieder hat man gedichtet, Bibliotheken voll geschrieben, Bauwerke, gewaltige Reiche gar errichtet. Einzig zu meinen Ehren. Zeige mir den Mächtigsten unter den Irdischen und du wirst sehen: Sein Auftritt ist kurz, sein Ruhm ein flüchtiges Irrlicht. Keiner kann sich mit mir messen. Ich habe sie alle überdauert. Das schmeichelt, ich gebe es zu. Doch wer so lange wie ich auf diesem Posten sitzt, ist nicht so töricht, das Ganze zu überschätzen. Viele Menschen reden von mir und meinen doch nur sich selber. Hier oben gibt es keinen Tag und keine Nacht, alles ist Licht, man kommt nicht zum Schlafen und muss immerdar schauen, was unten sich abspielt. Welch ein Gewusel, Getöse und Geschwätz, und das seit Jahrtausenden. Und es gab keinen Augenblick – oder keine Epoche, wie die Menschen es nennen -, wo mein Name nicht ins Feld geführt wurde. Für sämtliche Ereignisse hat man mich schon verantwortlich gemacht. Für die Schaffung der Welt und des Lebens sowieso. Aber auch für Krieg und Hunger und Ungerechtigkeiten aller Art. «Gott, wie hast du deine Schöpfung ausgehalten», schrieb kürzlich einer dieser modernen Schriftgelehrten. Bei allem Respekt vor dem Leiden der Menschen, eines möchte ich hier festgehalten haben. Es ist billig, einem anderen in die Schuhe zu schieben, was man selber verschuldet hat. Immer wieder traten aber auch Einzelne auf und verkündeten übermütig, ich sei ein Produkt überspannter Einbildungskraft und existiere überhaupt nicht. Die solches behaupteten, waren meistens Aussenseiter, Eigenbrötler, Philosophen, die kein Gehör bei der Mehrheit fanden. Jedenfalls belegen dies sämtliche Umfragen, die sie neuerdings da unten so gerne machen. 95 Prozent der Menschen zählen auf mich. In jüngster Zeit versuchten auch einige Staatsführer, den Glauben an mich per Gesetz zu verbieten. Kaum waren diese Spitzbuben tot, bauten die Menschen wieder Häuser, um mich zu preisen. Eher rufschädigend für mich sind Kirchenoberhäupter und ihre Anhänger, die Intoleranz und Engherzigkeit predigen und so tun, als hätte ich ihnen dies persönlich aufgetragen. Dabei kenne ich selber die absolute Wahrheit nicht. Zum Beispiel wie ich zu einem Sohn gekommen bin. Bis heute blieb mir eigentlich unklar, wie ich mich als Hei-

liger Geist entäussern und ein Erdenweib befruchten konnte. Wobei ich darob nie einen Dogmenstreit entfachen würde. Entscheidend in dieser Causa dünkt mich doch, dass Josef trotz der rätselhaften Schwangerschaft zu Maria hielt und die Familie nicht auseinander brach. Und wer auch immer der Vater war – aus dem Jungen ist etwas Rechtes geworden. Etwas mehr Kopfzerbrechen bereitet mir eine andere Sache. Einer war dahinter gekommen, dass die Erde ein Planet unter vielen ist, und dass diese Planeten ohne mein Dazutun ihre Runden im Himmel drehen. Eine erstaunliche Leis-tung, einverstanden, die andere anstachelte, immer noch mehr wissen zu wollen, bis die Natur schliesslich fast gänzlich nackt dastand. Hiess es früher, ich hätte die Welt in sieben Tagen erschaffen, so reden die Wissenschafter heute von Milliarden von Jahren, von autokatalytischen Zyklen, boolschen Netzwerken und synergetischen Prozessen. Und sie pröbeln in ihren Labors daran herum, selber Leben herzustellen. Ich habe mich informiert: In ihren Berechnungen taucht mein Name nicht mehr auf. So-gar mein starrköpfigster Partisan auf Erden, der Papst von Rom, hat jüngst kapituliert. Er anerkenne, liess er verbreiten, die Lehre Darwins. Ausgerechnet. Manchmal fühle ich mich alt und überflüssig. Eine einzige Funktion gestehen mir die neunmalklugen Forscher noch zu. Wenn auch nur halbherzig. Der allerletzte Grund der Welt zu sein. Denn ihre Theorie vom Urknall als Schöpfung der Welt ist mindestens so abenteuerlich wie die biblische Erzählung. In einem Bruchteil von einer Sekunde soll das gesamte Firmament von 100 Millionen Universen aus einem Punkt kleiner als eine Nadelspitze herausgerast sein. Ein kosmologischer Sturzbach aus dem Nichts. Ich bin an Wunder gewöhnt. Aber das geht sogar mir etwas weit. Man hat mich schon oft totgesagt. Aber noch bin ich da. Und bevor nicht der letzte Mensch von der Erde verschwunden ist, werde ich weiter da sein. In diesem Punkt bin ich zuversichtlich.

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