Das Magazin

20.05.2000

DER TIGER

Wenige der stärksten Raubkatze überlebten. Auf Pirsch im indischen Dschungel.

VON EUGEN SORG

Frau Coray war die Erste, die einen Tiger entdeckte. «Halt», sagte sie plötzlich aufgeregt und zeigte auf eine Stelle im Dickicht. Der Fahrer stoppte sofort den Jeep, stellte den Motor ab und liess das Gefährt langsam rückwärts rollen. Keiner sprach mehr ein Wort, und nur das Knirschen des Schotters unter den Rädern war noch zu hören und das Pfeifen einiger Vögel. «Dort», flüsterte Frau Coray, und wir starrten durch die Blätter und wagten nicht mehr, uns zu rühren.

Wir befanden uns in Zentralindien, in den Wäldern von Bandhavgarh. Unsere 11-köpfige Touristengruppe aus der Schweiz war hergereist, um einige der letzten frei lebenden Tiger zu sehen. Bandhavgarh ist eines von 26 Tigerreservaten Indiens, ein hügeliges Gebiet etwa so gross wie die beiden Kantone Appenzell. Gemäss offiziellen Angaben leben darin 56 Exemplare des Panthera tigris tigris, des bengalischen Tigers oder, wie er auch genannt wird, des Königstigers. Unsere Chancen, einen davon zu erblicken, obwohl die Riesenkatzen als scheue Einzelgänger gelten, waren durchaus intakt. Frau Coray auf jeden Fall hatte gemeint, als wir kurz vor Sonnenaufgang die offenen Jeeps bestiegen hatten, sie spüre es genau, heute würden wir einem begegnen.

Im Gebüsch war etwas. Beine, ein wenig dünne zwar; der Bauch, erstaunlich dick; das Fell, seltsamerweise braun und ohne die charakteristischen Streifen. Dann stockte uns der Atem. Die Kreatur bewegte sich, und ein Kopf wurde sichtbar, ein schmaler Kopf mit riesigen Ohren und dunklen Augen, die uns verständnislos anglotzten. Reiseteilnehmer Müller reagierte als Erster. «Das ist eine Kuh», sagte er in die Stille hinein, «der Tiger ist eine Kuh.» Es war zwar keine Kuh, aber etwas Ähnliches, nämlich ein Sambarhirsch, wie uns der indische Guide aufklärte. Wir trösteten Frau Coray, dass ein solches Versehen jedem von uns hätte passieren können und setzten unsere Pirschsafari fort. In den nächsten Stunden sichteten wir allerlei Vögel, Rotwild, einen Schakal, Affenherden und etliche Tigertouristen, aber keinen einzigen Tiger. Genau wie die anderen aus unserer Gruppe. Was wir mit leiser Genugtuung zur Kenntnis nahmen, als wir am Nachmittag wieder zusammentrafen.

Der Lebensraum der grössten aller Raubkatzen erstreckte sich einst von der Türkei bis nach Sibirien. Hervorgegangen aus den Wäldern des östlichen Asien, aus den im Winter eisigkalten und schneedurchwehten Regionen des Amur, wurde der Tiger heimisch in den neblig-feuchten Tropenwäldern Indochinas, den Gebirgsausläufern des Himalajas, den Mangrovensümpfen des Gangesdeltas, den dürren Steppen Zentralasiens. Seine Schönheit, seine Schlauheit und seine tödliche Kraft beflügelten die mythologische Fantasie sämtlicher Völker, die in seiner Nachbarschaft lebten. Religionen diente er als Gottheit, mächtige Könige schmückten sich mit seinen Eigenschaften, Lieder und uralte Erzählungen verklär- ten ihn zur Legende, seinen Organen wurde schier unermessliche Heilkraft zugeschrieben. Zwei Millionen Jahre herrschte er unangefochten in seinem Dschungelreich. Der Niedergang aber vollzog sich in wenigen Jahrzehnten. ·

Anfang des 20. Jahrhunderts existierten, so die Schätzung, noch rund 100 000 wilde Tiger, etwas mehr als die Hälfte von ihnen auf dem indischen Subkontinent. 60 Jahre später gab es westlich von Indien, auf Java, Bali und praktisch in ganz China keinen Einzigen mehr. Die Gesamtpopulation war auf ein paar Tausend geschrumpft, die zudem in inselhaften, weit auseinander liegenden Revieren lebten, ohne Möglichkeit zur genetischen Auffrischung. In Indien ergab eine 1972 erstmals von der Regierung durchgeführte Zählung einen Restbestand von zirka 1800 Exemplaren. Wahrscheinlich weniger als weltweit in den Zoos und Zirkussen. Das war ein Schock. Unter der Führung von Indira Gandhi und mit Geldern, die vom WWF global gesammelt wurden, lancierte man im selben Jahr das «Projekt Tiger». Im ganzen Land richtete man Tigerreservate ein, abgezirkelte Schutzzonen, wo Menschen, ausser als Wildhüter und geführte Touristen, nichts mehr zu suchen hatten.

Es kommt vor, dass sich ein Tiger unter einen Baum stellt und losbrüllt. Vor allem, wenn sich Affen auf dem- selben befinden. Das Gebrüll wirkt auf unsere nächsten Verwandten derart Furcht einflössend, dass sie mitunter vor Schreck den Ast loslassen und wie reife Früchte vom Baum fallen. Direkt ins Maul des Tigers. Dank einer speziellen Beschaffenheit funktionieren die Stimmbänder der grossen Katzen wie gigantische Trommelfelle und können tönen wie zehn gleichzeitig aufheulende Ferrari-Motoren. Es war unser dritter Tag in Bandhavgarh, und noch immer hatte keiner aus unserer Gruppe einen Tiger gesehen, als aus der Ferne ein Brüllen zu vernehmen war. Der Guide nickte uns kurz zu, und der Fahrer drückte aufs Gaspedal und kurvte in eine Piste hinein, die in die Richtung des Lärms führte.

Die Beinaheauslöschung resultierte in erster Linie aus der Zerstörung des natürlichen Lebensraumes. Vor hundert Jahren war die Hälfte Indiens mit Wald bedeckt. Heute sind es noch acht Prozent und mit jedem Tag wieder etwas weniger. Dschungel musste Tee-, Kaffee-, Eukalyptus-, Kautschuk-, Nutzholz-, Zuckerrohrplantagen weichen oder wurde durch offenen Bergbau und Steinbrüche in Ödland verwandelt. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung innerhalb eines Menschenlebens von 300 000 auf eine Milliarde. Die Leute in den Dörfern brauchten mehr Brennholz und Weidegebiete, und die Städte wucherten in die Landschaft hinein. Verschwindet der Wald, sterben die Laubfresser, und mit diesen die Tiger, die keine Beute mehr finden.

In einer Waldlichtung stoppten wir, und der Fahrer zeigte auf den Boden. Deutlich waren Prankenabdrücke im Sand zu sehen. Ganz frische, wie der Guide versicherte, von einem männlichen Tiger. Die Spuren führten ein Stück dem Weg entlang, bogen dann ab und verloren sich in einem leicht abfallenden Bambuswäldchen. Etwa ein Kilometer weiter unten befand sich ein kleiner See, dessen Ufer teils freistehend, teils von hohen Bäumen und Schilfgras gesäumt war. Auf einer kleinen Anhöhe, von der aus man die ganze Szenerie überblicken konnte, parkierten wir den Jeep. Vielleicht würde der Tiger zum Trinken vorbeikommen. Wir stellten uns aufs Warten ein.

Es war zehn Uhr morgens, die Sonne stand schräg über den Hügeln, und die Grashalme, die Blätter, die Sträucher, die ganze Landschaft schienen von innen her zu leuchten. Klar und warm, wie ein lebendiges impressionistisches Gemälde aus lauter Gold und Silber. Am Ufer balzte ein Pfau um ein paar Weibchen. Mit komischen Trippelkombinationen, das Schwanzgefieder aufgefächert, selbstvergessen wie ein abgedrehter Sambatänzer. Aus dem Gebüsch trat ein Reh, hinter sich ein Junges. Anmutig bewegten sie sich vorwärts, hielten inne, reckten die schlanken Hälse, horchten regungslos, schritten weiter. Affen mit Ringelschwänzen und kummervollen Gesichtern hüpften und kugelten und alberten vorbei. Störche und Reiher stolzierten im Teich, Falken wachten auf den Bäumen, und vom Himmel schoss ein kleiner, smaragdgrün schimmernder Vogel herab, durchbrach den Wasserspiegel, schnell-te wieder in die Höhe, im Schnabel einen Fisch, und von seinen Schwin-gen sprühte das Wasser wie diaman- tener Regen.

Mit den Reservaten, eigentlichen Naturzoos, wurde die Ausrottung vorerst gestoppt, und 15 Jahre später, Mitte der Achtzigerjahre, hatte sich die Tigerpopulation wieder mehr als verdoppelt. Die Naturschützer jubelten, und Verhaltensforscher, Kamerateams, Fotografen aus aller Welt reisten an. Die scharf beobachteten Tiere bekamen Gesichter und Namen, und einzelne Tigerinnen wie Lakshmi und Nuri aus dem Park Ranthambore oder Sita aus Bandhavgarh avancierten zu Medienstars, was wiederum den Wildlife-Tourismus ankurbelte. Die neue Aufmerksamkeit erwies sich als wirksames Mittel, das Jagdverbot durchzusetzen. Über Jahrhunderte hatte die Tigerjagd zum Lieblingszeitvertreib der Maharadschas und Begüterten und später der englischen Kolonialoffiziere gehört (der Maharadscha von Surguja soll 1100 Felle erbeutet haben). Jetzt hatte das fröhliche Halali zu viele kritische Zeugen.

Nicht nur Naturfreunde lieben den Tiger. Auch die traditionelle chinesische Medizin bringt ihm grösste Wertschätzung entgegen. Kein Teil der Katze, der missachtet würde. Gemäss überlieferter Lehre helfen die Augäpfel gegen Epilepsie. Die Schnurrhaare lindern Zahnschmerzen. Das Fell heilt Geisteskrankheit. Die Zähne vertreiben Tollwut und Asthma. Der Schwanz kuriert Hautausschlag. Das Hirn bringt Fäule und Pickel zum Verschwinden. Das Blut stärkt die Konstitution und die Willenskraft. Das Fett ist gut gegen Übelkeit und Hundebisse. Die Innereien wirken gegen Tuberkulose. Die Knochen besiegen Rheumatismus. Und eine gute Tigerpenissuppe potenziert Lust und Manneskraft. Über eine Mil- liarde Chinesen in China, Taiwan, New York, Toronto und ungezählte sonstige Asiaten fürchteten um ihre Gesundheit, als die Medikamente mit den Tigerin-gredienzen infolge der Rettungsmassnahmen rar wurden. Sie waren bereit, auch höhere Preise zu bezahlen. Der Schutz entfaltete ab den Neunzigerjahren eine unerwartete Dialektik.

Niemand hatte eine Ahnung, wie lange wir dasassen. Wir vergassen die Zeit, wir vergassen unser altes Leben, und wir vergassen den Tiger. Aber jeder wusste, ohne dass man sich ansah, was der andere empfand. Wir waren tief glücklich. Die archaische Schönheit des Ortes hatte uns überwältigt. Diesmal war es Suter, der als Erster die Sprache wiederfand. Ausgerechnet Suter, der ständig mäkelnde Buchhalter, der dem Trash-Komiker Benny Hill so verblüffend ähnlich sah und den wir insgeheim Kamasuter nannten, er sprach aus, was wir alle dachten. «Das Paradies», sagte er, «das Paradies, so stelle ich es mir vor.»

Dann plapperten wir drauflos, aufgeregt wie die Kinder, die immer gleich erzählen müssen, was sie sehen. «Da, dieser Geier, schampar, wie der den Kopf dreht, fast um die eigene Achse.» «Das ist kein Geier», klärte Tigermüller auf, der sich als Vogelkenner entpuppte, «das ist ein Falkenadler.» Wir hatten ihn Tigermüller getauft, nachdem er am Vortag geflunkert hatte, ein Tiger sei mit einem dramatischen Satz über seinen Jeep gesprungen. «Und dort, ein Riesenadler.» «Ein Adjutant», korrigierte Tigermüller, «eine Storchenart, Jessesgott, ein Prachtskerl, macht mich das froh, wie aus dem Buch. Aber schaut, auf der Eiche, das ist ein Adler.»

Professionelle Wildererbanden begannen, die austrocknenden Schwarzmärkte mit Nachschub zu versorgen. Es war einfach, die mittlerweile an Menschen gewöhnten Parktiger abzuknallen. Heute bezahlen die Zwischenhändler in Nepal oder Taiwan bis zu 3000 Dollar für ein Kilo Knochen. (Ein Tigerskelett wiegt im Durchschnitt zehn Kilos.) Die indischen Behörden, apathisch, unfähig, hoch korrupt, konnten die Frevelei nicht unterbinden. Wenn überhaupt jemand bestraft wird, dann meistens ein Dörfler, der seine mageren Kühe im Reservat grasen liess, oder der von dort Feuerholz abgeschleppt oder zwei Wildschweine aus dem Park getötet hatte, weil sie ihm seine karge Ernte auffrassen. Die Bauern von Bandhavgarh und den anderen Reservaten fühlen sich betrogen. Die Regierung hatte viele von ihnen aus den Parks ausgesiedelt und ihnen dafür neues Acker- und Weideland versprochen. Die Bauern warten bis heute darauf. Die bewaffneten Wilddiebe hingegen bezahlen für Unterkunft und Fährtendienste immerhin eine Kleinigkeit.

Wir wandten unsere Köpfe und sahen ihn auf einem Ast hocken: dunkles Gefieder, stechender, herrischer Blick. In diesem Moment segelte ein zweiter Adler heran, drehte eine Kurve und landete auf demselben Ast. Das heisst, nicht auf dem Ast, obwohl es genügend Platz gehabt hätte, sondern genau auf dem ersten Adler. Es folgte ein kurzes Geflatter, und die beiden Vögel verschmolzen zu einer einzigen nervösen Federkugel. Was ging da vor sich? «Ein Morgenhöpperli», prustete Tigermüller plötzlich los, «ein Quicky, ein Marschhalt mit Erleichterung.» Unterdessen hatte sich der zweite Adler wieder gelöst und glitt über uns hinweg, so nahe, dass man das Singen des Windes in seinen Flügeln zu hören glaubte. «Uiih», kommentierte Tigermüller, «und jetzt noch einen eleganten Fly by. Das komplette Programm.» «Nun weiss ich, woher der Ausdruck vögeln stammt.» «Und ich: ohne Federlesen.» Und weil wir alle so gut gelaunt waren, setzte Tigermüller noch einen drauf. «Das erinnert mich daran», sagte er, «wie wir unseren Kindern die Gross- und Kleinschreibung beigebracht haben: mit einem Satz aus dem Buch der Schweizerischen Vogelwarte Sempach.» Seine Frau, die wuss-te, was jetzt kommen würde, kicherte und sagte, er solle aufhören, sie seien hier nicht unter sich. Aber Tigermüller liess sich nicht beirren und fuhr auf unser Bitten fort: «Eine exzellente Publi-kation übrigens, und der Satz lautete: Helft den armen Vögeln im Walde.»

Von den Millionen Dollar, die in den vergangenen Jahren dem Tigerschutz hätten zufliessen sollen, verschwand ein beträchtlicher Teil in den grossen Taschen der Bürokraten von Delhi und den Provinzhauptstädten. Mit dem Rest finanzierte mancher Parkdirektor sich und den Seinen ein angenehmes Leben. Für eine angemessene Ausrüstung der Parkwächter und deren Lohn reichte es oftmals nicht mehr. Während unseres Aufenthalts in Bandhavgarh erhielt der junge Guide Rajesh Kumar von der Parkdirektion ein striktes Verbot, das Reservat weiterhin zu betreten. Er hatte dem Staatsminister mitgeteilt, was ihm in den letzten Jahren bei seiner Arbeit aufgefallen war. Zum Beispiel, dass alleine in den letzten zwei Jahren sechs bis sieben Tiger gewildert worden seien (darunter wahrscheinlich auch Sita). Und dass, wie jeder Parkmitarbeiter bestätigen könne, höchstens noch 30 Tiger in Bandhavgarh lebten und nicht 56, wie die Direktion wider besseren Wissens offiziell verbreite. Um gegen seinen Rauswurf zu prozessieren, fehlt dem Familienvater Kumar das Geld. Manchem Parkdirektor wird nachgesagt, dass er selbst ins lukrative Wilderergeschäft verwickelt sei. Im April dieses Jahres empfahl deshalb eine in- ternationale Expertenkommission der Uno, jegliche finanzielle Hilfe an Indien für die Tigerschutzprogramme bis auf Weiteres einzustellen.

Wahrscheinlich hatte unser Lachen den Dschungelfrieden derart gestört, dass sich alle Tiger verkrochen. Auf jeden Fall bekamen wir an diesem Morgen wieder keinen zu Gesicht. Frau Coray und ich entschlossen uns zu einem Extraausflug am Nachmittag. Wir wollten aufs Fort. So wird die Tempelanlage genannt, die auf einem hohen, ovalförmigen Plateau inmitten des Reservats liegt. Der Maharadscha von Rewa liess die Anlage einst erbauen, mitsamt Vergnügungspavillons, Lustteichen, Kriegerunterkünften. Seit 300 Jahren steht sie jedoch leer. Im Tempel wohnt noch ein Eremit, und zu den Teichen kommen die Tiere, um sich zu erfrischen. Vor allem Vögel, Affen und Tiger. Die Leute in den umliegenden Dörfern erzählen sich, dass irgendwo dort oben der Schatz des Maharadschas vergraben sei. Jeder aber, der ihn suchen wolle, würde von den Tigern getötet. Die Tiger seien die Wächter des Schatzes und die Freunde des Eremiten.

Eine Kampagne in asiatischen Publikationen versuchte vor kurzem, von der Nachfrageseite her der Tigerhatz beizukommen. Die Potenz steigernde Wirkung des Tigergemächtes, wurde auf Inseraten erläutert, sei ein krass unwissenschaftlicher Mythos. Kulturelle Überzeugungen zu verändern ist jedoch immer schwierig. Speziell im vorliegenden Fall. Denn wie jeder Chinese weiss, ist die Kraft zur Wiederauferstehung beim Tigermann geradezu phänomenal. Herbeigelockt durch das kehlige «Aung-oo-oo-aongh» der hitzigen Tigerin, ist er zwar bereits nach 15 Sekunden fertig und tut dies mit einem metallisch klingenden Schrei kund. Eine Viertelstunde später ist er aber erneut einsatzbereit und eine weitere Viertelstunde darauf schon wieder und dann nochmals und nochmals, 50 Mal an einem Tag, und dies während einer geschlagenen Woche.

Das Plateau ist eine natürliche Fes-tung und fällt am Rande 200 Meter senkrecht in die Tiefe. Hunderte von kahlköpfigen Geiern nisten auf den Felsvorsprüngen und in den kleinen Höhlen der Steilwand (Tigermüllers Kommentar: «Geier à go go»). Auf einem kürzeren Abschnitt wird die Wand von einem Abhang abgelöst. Durch diesen steigt der schmale Fusspfad hoch zum Tempel. Mit von der Partie waren unser Hotelmanager Raj, seine schöne junge Frau und zwei Guides. Wir waren erst wenige Minuten unterwegs, als wir auf einen Kothaufen stiessen. «Tiger», sagte Raj und spähte durch die Bambusstauden. Der Kot war so frisch, dass er noch zu dampfen schien. Einer der Guides murmelte undeutlich, er hätte etwas im Jeep vergessen und war Sekunden später verschwunden. Raj warf ihm einen missbilligenden Blick nach, lachte aber gleich wieder: «Wir können den Tiger nicht sehen, aber er sieht uns.» Ich verstand nicht, was es da zu lachen gab. Auch Frau Coray machte ein ernstes Gesicht.

Eine halbe Stunde später erreichten wir den Tempel. Der Eremit sass in einem Säulengang und hiess uns mit einer Handbewegung Platz zu nehmen. Er ist 85 Jahre alt und lebt seit 30 Jahren alleine hier oben. Ich muss ihn während der ganzen Zeit unseres Gesprächs angestarrt haben. Er hatte riesige Füsse mit kurzen, aufgedunsenen Zehen. Wie Tigerpranken. Seine Nase war platt und breit und übersät mit schwarzen Punkten. Genau wie eine Tigernase. Der Blick verschlafen, glänzend, lauernd. Ein Tigerblick. Im Mund ein einziger, schwarzer Zahn – ein verfaulter Reisszahn. Der Geruch: wie zwei Tiger. Und es mag am Katarrh des heiligen Alten gelegen haben, aber wenn er hustete, tönte es exakt wie das Bellen der Raubkatze. Natürlich war der Aufstieg anstrengend und die Hitze gross gewesen. Aber ich war verunsichert. Wer war dieser Mann wirklich?

Ich hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn Raj drängte zum Aufbruch. Der Eremit hatte erzählt (mit leise röhrendem Unterton), dass kurz vor unserem Erscheinen zwei Tiger vorbeispaziert seien. Er kenne die beiden gut, sagte er, und sie befänden sich jetzt wahrscheinlich am hinteren Teich. Die Frau von Raj lächelte mir zu, und da-mit war die letzte Möglichkeit verbaut, unter irgendeinem Vorwand den Rück-weg anzutreten.

Erfahrene Raubtierjäger behaupten, sie könnten die Nähe eines Tigers spüren. Ohne ihn zu sehen, zu hören oder zu riechen. Meine Jagderfahrung beschränkte sich auf das Lesen von zwei Jägermemoiren. Aber seit dem Kothäufchen auf dem Pfad spürte ich den Ti- ger überall. Hinter jedem Baum, hinter jedem Felsen, hinter jedem Strauch. Am Vortag hatte ein Dorfbewohner gesagt, dass sich der Baagh, der Tiger, vollkommen unsichtbar machen könne. Bis auf die Augen. Diese würde man immer sehen, sogar in der Nacht, denn sie seien extrem scharf und würden glimmen. Ich erwartete jeden Augenblick, in bernsteinfarbene Mörderaugen zu blicken.

Tiger schleichen sich von hinten möglichst nahe heran, bevor sie losrennen und die Beute lautlos anspringen. Kleinere Wesen wie Affen oder Pfauen erdrosseln sie mit einem schnellen Biss in die Gurgel, grösseren beissen sie den Nacken durch. Der Mensch gehört zu den grösseren. Die Beute wird in ein sicheres Versteck verschleppt und portionenweise verschlungen. Nun dozieren aber die Zoologen, dass unsere Angst vor den Grosskatzen der Ausdruck eines typischen Laienaberglaubens sei. Der Tiger würde unsereins prinzipiell nicht fressen und wenn trotzdem, dann, weil er verletzt und/oder altersschwach sei und daher nicht mehr zoologisch korrekt jagen könne. Also eigentlich gar kein richtiger Tiger mehr sei.

Trotzdem gibt es jedoch gesunde Tiger im besten Alter, welche mit Genuss Menschen verspeisen. In den Sunderbans zum Beispiel, in den Mangrovensümpfen des Ganges-Brahmaputra-Deltas südlich von Kalkutta, leben schätzungsweise 270 Tiger. Es ist das einzige Tigerreservat, wo dank der Grösse der Population Fortpflanzung ohne Inzucht möglich ist. Die Hälfte dieser sozusagen naturbelassenen Sumpftiger sind dezidierte Menschenfresser. Sie waren es auch geblieben, nachdem in den Achtzigerjahren die Verantwortlichen des «Projekts Tiger» den dort ansäs- sigen Fischern und Honigsammlern Masken verteilt hatten, die am Hinterkopf getragen werden sollten, und die Parkwächter mit Fiberglashelmen ausgerüstet wurden, die im Nackenbereich mit Stacheln versehen waren. Auch der verhaltenstherapeutische Trick, elekt-risch geladene Menschenpuppen aufzustellen, brachte keine Änderung auf dem Speiseplan. Weiterhin bedeutet es Pech für denjenigen Fischer, dessen Boot nachts bei Ebbe auf einer Sandbank feststeckt.

Selbstredend wissen die Wildtier- experten um diese Tatsachen. Aber sie bestehen darauf, dass Humanfleischverzehr letztlich ein zutiefst untigerliches Verhalten sei. Verursacht durch den Menschen selbst, der die natürlichen Lebensräume immer mehr zerstöre und somit den Tiger nötige, sein angestammtes Beuterepertoire zeitweise und gleichsam widerwillig zu erweitern. Aber warum sollte der Tiger in Bandhavgarh verschmähen, was seinem Bruder im Delta mundete? Und überhaupt: In der Natur herrscht das Gesetz von Klaue und Zahn. Warum sollte ein Tiger, der vom Frosch bis zum Kamel alles verschlingt, was entfernt an Fleisch und Blut erinnert, ausgerechnet beim Menschen eine Ausnahme machen? Das konnte mir kein Zoologe plausibel erklären. Ich zum Beispiel hätte in diesem Moment eine extrem leichte Beute abgegeben.

Dies alles ging mir durch den Kopf, als sich unsere Gruppe im Gänsemarsch durch das hohe Gras (ideales Tigerversteck!) bewegte. Zoologen sind Tierfreunde, dachte ich weiter, und diesen habe ich nie getraut. Sie wollen einen überzeugen, dass Tiere die besseren Menschen sind. Wie die Hundebesitzer, die dich vorwurfsvoll anschauen, wenn ihr Liebling zugebissen hat. «Er hat das noch nie gemacht», sagen sie und streicheln das knurrende Viech, «er muss gespürt haben, dass Sie ihn nicht mögen.» Ich wurde auch nicht ruhiger, als ich feststellte, dass ich plötzlich am Schluss ging. Der Guide, der sonst immer der hinterste Mann war, hatte sich unauffällig in die Mitte der Kolonne verdrückt. «Haben Sie das gemerkt? Und dies ausgerechnet im Tigergässlein», meldete ich leise zu Frau Coray und versuchte meine Beobachtung als Witzchen zu platzieren. Sie aber schwieg und machte ein sorgenvolles Gesicht.

Jetzt kam mir auch der Fall des Safaritouristen wieder in den Sinn, von dem Kamasuter erzählt hatte, des Naturliebhabers, der die Nacht anstatt im Bun- galow unter freiem Sternenhimmel verbringen wollte, und von dem am Morgen nur noch der blutige Schlaf-sack übrig geblieben war. Oder der bedauernswerte Fall des Ornithologen David Hunt, der sich vor wenigen Jahren im benachbarten Tigerreservat Kanha zugetragen hatte. Der Mann hatte einen besonders seltenen Vogel erspäht und den Jeep verlassen, um eine bessere Sicht zu gewinnen. Er war noch keine fünfzig Meter weit gekommen, als ein Tiger aus dem Gebüsch stürzte. Der wackere Wissenschafter hatte nicht einmal mehr Zeit, über seinen Fehler nachzudenken. Innert zweier Sekunden war er tot. Als später die alarmierten Wächter den Tiger aufstöberten und in die Flucht schlugen, hatte dieser bereits den halben Engländer aufgefressen. Kanah gilt wie Bandhavgarh als frei von Menschen fressenden Tigern.

Ich war erleichtert, als wir aus der Graszone heraus und wieder auf übersichtlichem Gelände waren, verspannte mich aber wieder etwas, als ich den einzelnen männlichen Turnschuh sah, der auf einer Felsplatte lag. Die Spannung nahm zu, als ich zehn Minuten später einen zweiten (zerbissenen, wie mich dünkte) Schuh entdeckte und nochmals fünf Minuten später eine einsame, blaue Kindersandale. Das fröhliche Plaudern von Raj und seiner Frau kam mir längst sträflich verantwortungslos vor. Dann spürte ich einen Schlag im Nacken. Eiseskälte lähmte mich. Jetzt hat er mich erwischt, schoss mir durchs Gehirn. Bis ich realisierte, dass ich von einem zurückfedernden Ast gestreift worden war. Wir begegneten auch heute keinem Tiger. Dafür hatte ich in der Nacht einen Traum. Ich schwamm seit Stunden in einem der tiefen, künstlichen Teiche des Maharadschas, die Kräfte verliessen mich, aber an jedem Ort, wo ich ans Ufer steigen wollte, sass bereits der Eremit und knurrte mich bösartig an. Er hatte sich in einen Tiger verwandelt.

Am vierten Morgen hatten wir Glück. Wir waren im Schritttempo einem Hügel entlanggerollt, als der Fahrer anhielt und uns hiess, ruhig zu sein. «Alarmruf», sagte er und zeigte in das kleine Tal, das sich unterhalb der Piste erstreckte. Dann hörten wir es auch. Aus dem hinteren Teil der be- waldeten Senke ertönte das hohle, metallische «dhonk, dhonk» eines Sambar und etwas später das nervösere «khok-khok-khok» eines Languraffen. Kurz darauf drang ein klarer, klingender Schrei zu uns, «ein Axishirsch», wie der Guide erklärte, dann wieder das «dhonk» des Sambar und dann erneut der Ruf des Languren. Zwischen den Rufen herrschte völlige Stille, als ob alle anderen Dschungeltiere den Atem anhalten würden.

Sobald sich ein Tiger erhebt und seinen Streifzug beginnt, weiss dies so- fort die Umgebung. Eine Eskorte aus Warnschreien eilt ihm voraus, wie ein vielstimmiger, akustischer Kanal, der die Richtung und das Tempo des Räubers ankündigt. In diesem Fall erklang jeder Ruf ein Stück näher bei unserem Standort. Der Tiger bewegte sich genau in unsere Richtung. Und wenige Minuten später sahen wir ihn. Er war auf der gegenüber liegenden Hügelflanke aufgetaucht, etwa 30 Meter entfernt, ein Mordskerl, mit orange flammendem Fell, pechschwarzer Zeichnung und flaumigem, weissem Bauch.

Er machte ein paar Schritte parallel zu unserer Piste, stoppte und wandte das gigantische Haupt. Er schaute uns an. Für den Bruchteil einer Sekunde schien er zu überlegen. Dann fasste er einen Entschluss. Er lief direkt auf uns zu. Das heisst, er glitt vielmehr, schien zu schweben, schwerelos, geschmeidig, wie ein Phantom. Man hatte uns versichert, dass der Tiger den Jeep mitsamt den Insassen als Einheit wahrnehmen würde, als eine Art grosses, nichtfeind-liches Tier, vergleichbar mit einem Elefanten. Diese plötzliche Annähe-rung aber hatte niemand von uns er-wartet, und wir fühlten uns schutzlos wie frische Hammelkeulen auf dem Präsentierteller.

Der Tiger war nur noch einen Meter entfernt. Deutlich sahen wir das kranke Gelb seiner Augen, die weis- sen Schnurrbarthaare, die wie mit schwarzem Tusch gemalten Lidränder. Es kam mir vor, als würde er hämisch lächeln. Unwillkürlich stellte ich mich hinter Kamasuter, welcher seinerseits den Feldstecher wie ein Kruzifix vor sich hielt, als der Tiger erneut abdrehte. Er überholte den Wagen, trabte ein Stück der Piste entlang, verlangsamte das Tempo, trottete nach rechts ab, gemächlich, gelangweilt, hochmütig, zischte einen Sprutz Urin in den Busch, zog seine Krallen durch die Rinde eines Baumes und markierte damit unmissverständlich sein Revier, ohne uns noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Wir lösten uns aus der Erstarrung. Ich kam hinter dem Rücken von Kamasuter hervor, und Frau Coray erinnerte sich, dass sie die ganze Zeit ein Foto hatte schiessen wollen. Sie hantierte mit zitternden Fingern am Apparat herum, fand aber den Auslöser nicht, bis sie jemand darauf hinwies, dass sie die Kamera verkehrt herum in den Händen hielt. Zehn Minuten darauf begegneten wir dem nächsten Tiger. Direkt vor uns setzte er über die Piste. Mit langsamen, gewaltigen Sprüngen, wie in Zeitlupe, und er war so nahe, dass wir ihn beinahe überfahren hätten. Jemand hatte mir erzählt, dass sich sein Leben verändert habe, als er zum ersten Mal einen Tiger sah. Er habe eine Kraft und eine Energie verspürt, die er vorher nicht gekannt habe. Vielleicht ging es Kamasuter ähnlich, als er plötzlich strahlte und der erstaunten Frau Coray herzhaft in die Seite kniff. Auf alle Fälle aber hatten wir alle das Gefühl, richtige Glückspilze zu sein.

Am Abend erzählte ich einem alten Dörfler von unseren Erlebnissen. Er hörte freundlich zu, und nach einer Weile sagte er, sehr schön, ja, sehr schön, und wackelte mit dem Kopf. Doch ich müsse wissen, fuhr er fort, früher, als sein Vater noch lebte und sein Grossvater, da sei der Tiger noch anders gewesen. Scheu, aggressiv und gefährlich. Der König des Dschungels. Aber heute habe er sich sogar an die Jeeps gewöhnt. So einer sei kein richtiger Tiger mehr.

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