Die Weltwoche

03.10.2002

Feminismus

Das verleumdete Geschlecht

Von Eugen Sorg

Lange Zeit wurden Männer als allgemein gefährlich eingestuft. Eine überholte Diagnose.

Ende der achtziger Jahre schrieb die Berner Schriftstellerin Ursula Eggli in ihrer Kolumne im Bund: «Frühling liegt in der Luft Frühling – und damit wieder die Zeit der dreisten Männersprüche, der Exhibitionisten, der sexuellen Belästigungen und Überfälle Und Vergewaltigungen finden immer statt, nicht nur im Frühling VerGEWALTigung Gewalt. Krieg Geschlechterkrieg Krieg der Geschlechter»

Solche und ähnlich verknappte Kraftprosa sollte im kommenden Jahrzehnt die bestimmende geistige Schablone abgeben, um die Welt zu deuten. Im Juni 1991 wurde beispielsweise eine junge Frau im Zürcher Parkhaus Urania erdolcht. Es gab keinerlei Spuren eines Motivs oder einer Täterschaft – die Frau, unterwegs, um ihr Braukleid abzuholen, war weder vergewaltigt noch beraubt worden. Die Meinungen waren trotzdem sofort gemacht: Der Täter musste ein besonders rabiates männliches Exemplar sein. In den städtischen Parkgaragen wurden Überwachungskameras montiert und spezielle Frauenparkplätze errichtet, explizit als Schutz gegen Männerattacken. Jahre später fasste man zufällig den Mörder. Er war eine Frau, eine geistesgestörte Messerstecherin, die von wahnhaftem Hass auf ihre Geschlechtsgenossinnen getrieben wurde.

Perverser Zombie

Keine Gnade auch für die Kampfspezies Mann, als 1993 in Holland der Schweizer Computerkaufmann René Osterwalder verhaftet wurde. Der 38-Jährige war ein pädophiler Psychopath, der sich beim Quälen von Babys selber filmte und der mit der Freundin in seinem Ferienhaus einen Salzsäuretrog bereitgestellt hatte, um geschändete Knaben darin restenfrei entsorgen zu können. Man solle sich hüten zu meinen, drohten umgehend die plötzlich in grosser Zahl auftauchenden Missbrauchsexpertinnen, bei Osterwalder handle es sich lediglich um den Extremfall eines perversen Zombies. Im Gegenteil. Die meisten Kinderschänder seien nämlich «absolut normale Männer von nebenan». Der Kasus O., orakelte denn auch der Zürcher Gewaltforscher Godenzi düster, sei eine «mögliche Konsequenz unseres Umgangs mit Kindern und Frauen». Alice Schwarzer brachte die Insinuationen in der ihr eigenen subtilen Art auf den Punkt: «Der Lustmörder ist die SS des Patriarchats.»

Die spätfeministische Schau glaubte, das Geheimnis des Bösen aufgedeckt zu haben. Egal ob Herrenwitz, Vergewaltigung oder Pornovideo, ob Kindsmissbrauch, altmodische Galanterie oder Talibanherrschaft in Afghanistan – hinter allem sah sie das männliche Zwillingsmotiv zur Macht und zur Demütigung der Frau. Der ganze sexuelle, pychologische, ökonomische, kulturelle, politische Wirrwarr des realen Lebens konnte zu einer ebenso simplen wie märchenhaften Gleichung von patriarchalem Täter und weiblichem Opfer radikal gekürzt werden.

Umso erstaunlicher waren die öffentlichen Reaktionen auf die beiden jüngsten Fälle verstörenden Sozialverhaltens. Zuerst wurde nach intensiver Fahndung in diesem Sommer der 27-jährige Mischa Ebner verhaftet. Der Koch, Waffenläufer und Vegetarier hatte eine ihm unbekannte junge Frau verfolgt und wortlos und ohne äusseren Anlass erstochen und in derselben Nacht noch eine andere schwer verletzt. Seine Mutter beschrieb ihn den Reportern als «feinfühliges Kind», seine erschütterten Arbeitskollegen sprachen vom Mörder als «flottem Kerl». Ebner selber soll gesagt haben: «Ich habe eine Ader, die psychisch krank ist.»

Dann wurde kurz darauf bekannt, dass die Polizei in der ganzen Schweiz wegen Kinderpornografie ermittelt. 1300 Männer, fast ein Drittel davon aus dem Kanton Zürich, werden verdächtigt, die verbotenen Schmuddelbilder von ihren Computern heruntergeladen zu haben. Unter ihnen verheiratete Pädagogen, Polizisten, Richter, so genannte Stützen der Gesellschaft.

Trotz allem Grauen, Mitleid und Ekel waren aber die Medienberichte in beiden Fällen nicht hysterisch unterspült. Bei Ebner war man sich einig, es mit einem zutiefst gestörten, letztlich nie ganz verstehbaren Menschen zu tun zu haben. Bei den unappetitlichen Kinderfreunden wurden polizeiliche Ermittlungspannen, die rechtliche Situation, die Heilbarkeit von Pädophilie erörtert. Aber bei aller Empörung über den Missbrauch blieben die Kommentare bisher sachlich und problembezogen.

Keine allwissenden Pädagogen, keine moralische Panikmache, kein Generalverdacht gegen ein ganzes Geschlecht mehr. Offensichtlich hat der Diffamierungsfeminismus ausgedient. Eine Ära ist zu Ende, hat sich aufgelöst wie ein Spuk, und an die Stelle einer verhärmten Ideologie ist die realistische Bestandesaufnahme des Unglücks getreten. Dies ist die gute Nachricht. Neben all den schlechten.

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