Die Weltwoche / Eugen Sorg
08.05.2002
Durchs Reich der Wüstlinge
Saudi-Arabien exportiert Erdöl, Millionäre und neuerdings auch Terroristen. Eine Reise in eines der abgeschottetsten Länder der Welt.
Von Eugen Sorg und Andri Pol (Bilder)
Die dunkelhaarige Araberin, die im Flugzeug von Zürich nach Riad in der Reihe neben uns sass, war Anfang dreissig, hatte warm schimmernde Augen, feine, schlanke Hände und trug eine enge, tief ausgeschnittene Bluse. Wenn sie die Sitze hindurchging, tat sie dies mit der schwebenden Selbstverständlichkeit einer Frau, die weiss, dass sie schön ist. Kurz nach der Landung in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, vollzog sie eine verblüffende Verwandlung. Sie verschwand nicht nur unter der Abbaya, dem kohlschwarzen Umhang, und unter dem Gesichtsschleier, sie bewegte sich auch plötzlich anders. Ihre Schritte wurden kürzer, sie trippelte hinter ihrem Mann her, und sie zog die Schultern ein, wie jemand, der keine Aufmerksamkeit erregen will.
Welche war die echte Person? Die sexy gekleidete Flugpassagierin oder die Frau im Traditionsgewand? War der Schleier aufgezwungene Verstellung? Oder war vielmehr die enge Bluse ein Tun-als-ob, Kostümierung, um in der fremden, westlichen Kultur nicht negativ aufzufallen? Ich fragte am nächsten Tag Frank, unseren holländischen Übersetzer und Gewährsmann. Frank, ein Ingenieur, der seit 18 Jahren in Saudi-Arabien lebt, schaute erst verständnislos. Dann meinte er, über solche Dinge würde er schon lange nicht mehr nachdenken, sie fielen ihm nicht mal mehr auf, derart alltäglich sei hier das Wechseln der Welten. Wie in einer Zeitmaschine würde man ständig von einer Epoche in die nächste und wieder zurück transportiert, als wäre dies völlig normal.
Das Land Saudi-Arabien ist ein junges Gebilde, und seine Entstehung liest sich wie ein Lehrstück über politische Herrschaft. Anfang des letzten Jahrhunderts hatte sich der Beduinenführer Abd el-Asis al-Saud, besser bekannt als Ibn Saud, aufgemacht, die unter rivalisierenden Stämmen aufgeteilte arabische Halbinsel zu erobern. Die eiserne Garde seiner Kameltruppe waren die Ikhwan, grausame und todessehnsüchtige Gotteskrieger der krud-islamischen Sekte der Wahhabiten. Ibn Saud brüstete sich damit, keine Gefangenen zu machen, und zu der üblichen Beute von Schafen und Kamelen gehörten auch junge Mädchen und Knaben, die als Sklavinnen und Geschenke für Freunde heimgebracht wurden.
Mit Hilfe der Briten hatte er knapp drei Jahrzehnte später die drei mächtigsten Familien der Halbinsel besiegt. Er liess sich zum Sultan und König ausrufen, gab dem unterworfenen Gebiet den Namen seines Hauses al-Saud und begann, seine Macht abzusichern. Ohne je wirklich lesen und schreiben gelernt zu haben und bis zu seinem Tod im Jahre 1953 der Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe, hatte der in einem Zelt aufgewachsene Wüstenimperator einen ausgebildeten Machtinstinkt.
Durch eine sensibel abgestimmte Mischung aus Giftmorden, grosszügigen Geschenken, Einkerkerungen, Massakern und Heiraten kontrollierte er die anderen Stämme und Clans. In den wenigen Städten sorgten die trüben Ikhwan-Männer mit Stöcken und Krummschwertern für Angst und Ordnung. Ibn Saud hatte sie im «Komitee zur Förderung der Tugenden und zur Bekämpfung der Sünden» organisiert – einer puritanischen Religionspolizei und einer der einzigen staatlichen Einrich- tungen überhaupt, die der neue König einführ- te. Ansonsten regierte er sein Reich weiterhin wie einen Stamm und soll bei seiner einzigen Auslandreise – Staatsvisite bei König Faruk von Ägypten – nicht einmal die eigene Nationalhymne erkannt haben.
Legendär wurde, neben seiner Verschwendungssucht, sein sexueller Appetit. Er erzählte, Hunderte von Jungfrauen defloriert zu haben. Eine wachsende Zahl von Leibärzten war hauptamtlich mit der Pflege der königlichen Potenz befasst, am Schluss sollen es zehn Prozent aller Mediziner des Landes gewesen sein. Vom Bau eines Krankenhauses während seiner Herrschaft hingegen ist nichts überliefert. Dafür produzierte Ibn Saud 42 legitime, prinzliche Söhne und geschätzte 125 legitime Töchter. Schon zu Lebzeiten konnte er sämtliche lukrativen Positionen der Monarchie mit eigenem Nachwuchs besetzen.
Von oben, vom futuristischen Faisaliah-Turm aus, einer Kreation des englischen Stararchitekten Sir Norman Foster, sieht Riad aus wie irgendeine südliche Metropole. Versucht man aber, in sie einzudringen, wird man zunehmend verunsichert. Man fährt vorbei an modernen Gebäuden, unzähligen Möbelgeschäften, Elektronikläden, Villenvierteln, man gleitet über Autobahnen, steht plötzlich am Stadtrand, wo übergangslos die Wüste beginnt, kehrt um und hofft, ein Zentrum zu finden, einen Ort, wo die sozialen Nervenbahnen zusammenlaufen. Aber es existiert kein Zentrum, man bleibt immer draussen. Riad ist wie ein riesiger Vorort, eine Kulisse, ein gewaltiges Urban-Imitat ohne Seele.
In der Viermillionen-City gibt es kein Kino, kein Theater, keine Diskothek, keine Bar, keine Konzerthalle. Zwar gibt es eine Oper. Der Architekt aus dem Westen hatte den zuständigen Prinzen davon überzeugt, dass zu einer richtigen Stadt eine Oper gehört. Vielleicht wusste der Prinz nicht mehr ganz genau, was eine Oper ist. Jedenfalls liess er eine besonders prächtige bauen, die zweitgrösste der Welt, aber als sie fertig war, durfte sie nicht eröffnet werden. Der herrschende Wahhabismus verbietet Musik und Gesang, erst recht den Gesang von Frauen, ganz speziell von Frauen mit tiefen Décolletés, und er duldet keine Versammlung von Männern und Frauen im selben Raum, sofern diese nicht derselben Familie angehören. Weshalb der französische Direktor seit 17 Jahren einem Phantomtheater vorsteht, das noch nie eine Aufführung erlebt hat. Und auch seine Angestellten ausser Staubwischen nichts zu tun haben. Und weshalb es in Riad auch sonst keine öffentlichen Plätze, keine Flanierzonen, kein öffentliches Leben gibt.
Herrschaft ist am stabilsten, wenn sie die Aura von Tradition und religiöser Autorität ausstrahlt. Ibn Saud hatte 1925 Mekka und Medina eingenommen, die zwei geweihten Herzkammern der islamischen Welt. Um die Rechtmässigkeit dieser Eroberung zu beweisen, liess er seine Person in den Rang der Heiligkeit erheben. Ein Geistlicher aus Ägypten verfasste für ihn einen passenden Stammbaum, der ihn als direkten Abkömmling des Kaufmanns Abd al-Qasim Mohammed Ibn Abdallah Ibn Abd al-Mutalib auswies, dem im Jahre 622 in der Hitze Mekkas die Vision des Erzengels Gabriel erschienen war und der später unter seinem Vornamen Mohammed als Prophet und Religionsstifter Weltberühmtheit erlangte.
Das Leben auf der arabischen Halbinsel spielt sich im Privaten ab, hinter den hohen Mauern der familiären Anwesen, über persönliche Beziehungen. Ohne jemanden wie Frank, unseren hilfsbereiten Holländer, wäre man als Fremder verloren. Er fädelte die Treffen mit seinen saudischen Bekannten ein, so auch mit Zaid, einem 40-jährigen Ökonomen. Zaid ist Teil des modernen saudischen Petromittelstands. Er lebt im eigenen 400000-Dollar-Haus, einer dieser unzähligen weissen, im arabisch-postmodernen Stil gebauten Villen mit zehn Zimmern und Parabolantenne, fährt einen neuen Toyota, hat eine Frau, vier Kinder und drei philippinische Hausangestellte.
Der Zufall wollte es, dass Ibn Sauds riesiges Familienlehen einen unermesslichen Schatz barg. Unter der enormen, hitzeglühenden Landmasse lagerte Öl, viel Öl, Saudi-Arabien schwamm geradezu auf einem Ozean des schwarzen Goldes. Ein Viertel aller Weltvorräte wartete seit Millionen von Jahren in unterirdischen Gruften darauf, gefunden, angezapft und in Fässer gefüllt zu werden. Es war das Bohrloch einer US-Gesellschaft, der späteren Aramco, aus dem es Ende der dreissiger Jahre zuerst sprudelte. Und dies war der Beginn einer schicksalhaften Ölbruderschaft zwischen den Saudis und den Amerikanern, die bis heute andauert. Der westlichen Wirtschaft sicherte sie den lebensnotwendigen Treibstoff, der Beduinendynastie den Machterhalt und die Finanzierung eines Lebensstils, wie er bisher nicht einmal in Märchen vorgekommen war.
Im Wohnzimmer serviert uns Zaid Tee und Gebäck. Die zwei älteren Buben spielen am Computer, ein dritter schaukelt auf Vaters Knien. Zaid macht den Eindruck eines rundum zufriedenen Mannes. Er redet Englisch mit betont amerikanischem Akzent, und er liebt es, leicht geschwollene Redensarten und Sinnsprüche einzuflechten. «Das Wissen», sagt er beispielsweise, «ist eine Sonne, die niemals untergeht.» Oder: «Glück ist ein Parfum, das du nicht versprühen kannst, ohne selber ein paar Tropfen zu bekommen.»
Der regierende König Fahd ist der vierte leibliche Sohn Ibn Sauds in Folge, der seit dessen Ableben 1953 auf dem Thron sitzt. Seine Majestät, der Hüter der beiden Heiligen Stätten, kann jedoch all die Köstlichkeiten seines Amtes nicht mehr geniessen. Nicht mehr die zwanzig Milliarden Dollar Privatvermögen. Nicht mehr seine zwölf Paläste in der Wüste. Nicht mehr seine Schlösser in Europa. Nicht mehr seinen fliegenden Palast mit Sauna, Kronleuchtern, goldenem Aufzug, goldenen Badezimmerarmaturen, goldenen Zahnbürsten sowie Johnny Walker Black Label in der Bar. Nicht mehr das Verjubeln von Vermögen beim Glücksspiel (inoffizieller Rekord: zehn Millionen Dollar in einer einzigen Nacht in Monte Carlo). Schon lange nicht mehr die blonden Gespielinnen aus der Disco «Régine» in Paris. Der 80-jährige Diabetiker hatte vor sechs Jahren einen Schlaganfall. Seither wird er im Rollstuhl zu den raren offiziellen Auftritten gekarrt. Auf Fernsehbildern wirkt er leblos, wie ausgestopft, und man fürchtet, dass der Kopf mit dem schwarz gefärbten Bärtchen jederzeit endgültig vornüber kippen könnte.
Zaids Grossvater war ein armer Perlentaucher in Bahrein, sein Vater ein kleiner Ladenbesitzer, Zaid selber absolvierte mittels eines Stipendiums ein Wirtschaftsstudium in den USA. («Die Jahre drüben in den Staaten waren wie die Hefe im Bier, ein Katalysator für meine seelische Reifung.») Mit fünfundzwanzig kehrte er nach Riad zurück. Es war Zeit zu heiraten. An einem grossen Familientreffen führte ihn die Grossmutter aus dem Zimmer. «Gefällt dir, was du da siehst?», fragte sie und zeigte auf eine junge, unverschleierte Frau, die in diesem Moment mit einer Gemüseplatte aus der Küche kam. Zaid hatte sie nie vorher gesehen. Es war eine 16-jährige Cousine. «Ich war platt. Sie war wunderschön», sagt er. (Sie sei, lästert Frank später, fett und hässlich. Durch einen Zufall hatte er sie einmal kurz gesehen.)
Zaid hat sie nie danach gefragt, aber, so vermutet er, sie wusste wahrscheinlich, was gespielt wurde. «Frauen sind schlauer, als du denkst.» Er fing an, sie zu besuchen. Beim sechsten Treffen gingen ihre Brüder zum ersten Mal für einen Moment aus dem Raum, beim siebten fragte er das Mädchen, das heisst ihre Eltern, ob sie seine Verlobte sein wolle. «Ich war glücklich, dass meine Familie mir erlaubte, meine Frau vor der Heirat kennen zu lernen», befindet Zaid «und meine Grossmutter hatte eine gute Wahl getroffen.»
Die al-Sauds dachten bei ihren Erwerbungen aber nicht nur an sich. Um auch das Volk glücklich zu machen, zogen sie keine Steuern ein. Sie errichteten Tausende von Moscheen und Koranschulen, damit niemand vom rechten Weg abkam, und nur eine einzige Auslegung des Korans durfte darin gepredigt werden – die wahre, wahhabitische -, auf dass keine Verwirrung aufkomme. Sie schenkten dem Volk eine Presse, in der nur schöne Dinge über die königliche Familie zu lesen waren. Und sie kauften für Milliarden von Dollar Kriegsgerät, um die Nation zu schützen. Die teuersten Überwachungssysteme, die wendigsten Kampfflugzeuge, die elegantesten Fregatten. (Obwohl sie oft übersahen, dass sie nicht die Leute hatten, welche die Geräte zusammenschrauben oder bedienen konnten. Oder im Eifer vergassen, dass das gesamte Heer aus lediglich 100000 Angehörigen bestand, aber eine Million schmucker neuer ABC-Schutzanzüge geordert worden waren.) Sie kauften alles, was für Geld auf dieser Welt zu haben war, und sie verwandelten das Land innert weniger Jahrzehnte von einem fliegengeplagten Karawanenkreuzpunkt in eine global glitzernde Fünfsternetankstelle.
Gleichzeitig hatten die Prinzen alles getan, um von aussen kommende Unbill abzuwehren. Ihr Besitz war umgeben von armengenössigen Nachbarn, die voll Neid über die Grenzen gierten. Die Royals riegelten daher das Land nicht nur rigoros ab (ausser Pilgerfahrern und Fremdarbeitern hat niemand Einlass), sie versuchten auch, mögliche Unruheherde schon im Ausland zu ersticken. Sie unterstützten die ägyptischen Muslimbrüder gegen den panarabischen Populisten Nasser. Sie sponserten die christliche Falange im Libanon, alimentierten Arafat und gleichzeitig dessen terroristischen Gegenspieler Abu Nidal. Sie überwiesen Geld an Mobutu, an Idi Amin, Schlächter aus Uganda, an die Freibeuter aus dem muslimischen Süden der Philippinen. Sie pumpten Millionen in den Kampf der afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjets, und sie förderten die Teilnahme von jungen Saudis an diesem Krieg. (Mit letzterem Ablasshandel erkauften sie sich nicht nur die religiöse Legitimation, sondern waren auch die unbequemsten Eiferer vorerst los.)
Die Aussenpolitik des Königreichs war im Kern immer moralfrei, unideologisch und pragmatisch, denn sie diente einem einzigen, banalen Zweck: dem Erhalt der Familienherrschaft. Und unverzichtbarer Partner blieben bis heute die USA, die immer Verständnis dafür hatten, dass auch die düstersten antiwestlichen Proklamationen blosse Rhetorik in einem machiavellistischen Politspiel waren. Dies änderte sich auch nicht nach den Attentaten vom 11. September auf das World Trade Center und das Pentagon. Obwohl der Umstand sehr irritierte, dass 15 Killer des 19-köpfigen Luftkommandos den grünen saudischen Pass besassen.
Kronprinz Abdullah, faktischer Herrscher, seit sein Bruder Fahd halb gelähmt vor sich hin dämmert, holte zum diplomatischen Konter aus. Der 78-Jährige, dunkel getönte Brille, ebenfalls schwarz gefärbtes Bärtchen, dem Vernehmen nach einer der seltenen Nichttrinker der Familie, lud die Vertreter der wichtigsten amerikanischen Blätter ins Land ein und empfing sie persönlich in seinem Palast. Man sei offen und habe nichts zu verstecken, wollte er damit sagen, obgleich sein Reich bisher so unzugänglich war wie das erzstalinistische Nordkorea. Er plauderte charmant von notwendigen Reformen und vergass nicht, darauf hinzuweisen, dass er erste Schritte bereits getan habe. Die Angehörigen der königlichen Familie (zirka 30000 Personen) dürften die Flugzeuge der nationalen Airline nicht mehr als Privatjets verwenden, und sie müssten ab sofort ihre Telefonrechnungen bezahlen. Prompt kürten einige westlichen Zeitungen Abdullah zum arabischen Gorbatschow. Den Coup landete er im März mit seinem Friedensplan für den schrecklich verfahrenen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Er bot dem Judenstaat die kollektive Anerkennung durch die arabischen Staaten an gegen die Rückgabe der besetzten Gebiete. Nach diesem Vorstoss redete niemand mehr von den saudischen Terroristen.
Vor einigen Monaten hatte ein unerfreuliches Vorkommnis in Dschidda, der Hafenstadt im Westen des Landes, schnell die Runde im Königreich gemacht. Angefangen hatte es mit ein paar Jugendlichen, die an einem Wochenende vor einem Einkaufszentrum einzelnen Mädchen den Schleier vom Kopf gezupft hatten. Der Versuch, die Lümmeleien zu stoppen, bewirkte, dass sich wenig später etwa tausend Jugendliche zusammegerottet hatten, die durch die Strassen zogen, Autos anhielten und in einigen Fällen Frauen heraus zerrten, um ihnen den Schleier vom Kopf zu reissen. Bevor die Polizei die Lage in den Griff bekam, war noch ein Dienstwagen umgekippt worden. Das war eine unerhörte Geschichte, einige sahen darin gar den Anfang vom Ende der Monarchie. Kam dazu, dass die Unsitte des Schleierschränzens wie eine Art Risikosportart auch in anderen grossen Shopping-Centern im Lande auftauchte.
Es ist Donnerstagabend, 21 Uhr im Einkaufstempel Faisaliah in Riad, die Verkäufer der Mode-Boutiquen sind vom Abendgebet zurückgekehrt. Armaniguccicalvinkleinhugobossdkny, alle grossen Labels sind vertreten, und ihre Läden sehen gleich aus wie in Zürich und New York. Ausser dass sie keine Umkleidekabinen haben. (Die Frauen, die ihre Abbayas nicht ablegen dürfen, müssen die Teile mit nach Hause nehmen, dort anprobieren und wieder ins Geschäft bringen.) Die ultramodern gestylte Anlage ist gut besucht. Shoppen ist für die meisten Saudifrauen die einzige Möglichkeit, das Haus zu verlassen. Vorausgesetzt, ein männlicher Verwandter fährt sie zum Einkaufen. Denn Frauen dürfen weder Auto fahren noch über eigene Kreditkarten verfügen. Und die Shopping-Malls sind für die allermeisten Saudis der einzige Ort im Königreich, wo sie einem Angehörigen des anderen Geschlechts, der nicht zur Familie gehört, näher als zwanzig Meter kommen.
Auf den ersten Blick zeigt sich in den klimatisierten Hallen das übliche, niederschmetternde Bild: Männer in eintöniger Landestracht und dunkel verpackte weibliche Silhouetten in artiger Fortbewegung. Dann beginnen einem plötzlich gewisse Dinge aufzufallen. Die Damen tragen elegante Schuhe, kleine, teure Kunstwerke mit Absätzchen und Riemchen und Finessen. Einige der Abbayas, der schwarzen Umhänge der Frauen, legen bei jedem Schritt für einen raffinierten Moment die Beine frei (natürlich in Hosen), andere haben diskrete Muster oder Rüschen, man erahnt unter dem leichten Tuch die wiegenden Hüften der jungen Frauen. Und zwischen den Gesichtsschleiern blitzen dunkle, orientalische Augen, nachgezogen mit schwarzer Kohle, neugierig, abweisend, spöttisch.
Einzelne junge Männer haben sich von ihren Familien abgeseilt und sind in Grüppchen unterwegs. Sie geben sich unbeteiligt, aber man spürt, dass sie geladen sind. Sie sprechen zu laut, sie bewegen sich zu fahrig, und ihre Augen hetzen umher. Der Geruch von Testosteron, von Verheissungen und Tabus liegt in der Luft. Alles, was sie sehen, versetzt sie in Aufregung. Frauen, die nicht Schwestern oder Mütter sind. Tops, Trägerleibchen, Spitzenunterwäsche in den Schaufenstern. Was sie sehen, möchten sie anfassen, aber sie wissen nicht, wie. Die kleinste Lockerung der Regeln, und die gesamte Ordnung würde hinweggefegt, so hat man das Gefühl. Die Religionspolizei, die Mutawas, sorgen dafür, dass dies nicht geschieht.
Diese in der Regel jüngeren Männer erinnern an ungepflegte, aggressive Türsteher mit langen Bärten. Sie sind gefürchtet, und es kursieren viele Flüstergeschichten über deren Brutalität, über das Verschwinden von Verhafteten, über Vergewaltigungen, Diebstähle. Gebildeten Saudis wie Zaid ist es peinlich, mit Westlern darüber zu sprechen. Er meint, die Mutawas seien ehemalige Kriminelle, die im Gefängnis zu religiösen Fanatikern geworden seien. Nach den Attentaten vom 11. September sind sie von Innenminister Prinz Naif an eine etwas kürzere Leine genommen worden. Aus Rücksicht auf die ausländische Meinung.
Seither patrouillieren die Mutawas ohne Holzprügel in den Quartieren und Einkaufszentren. Aber weiterhin treiben sie zu den Gebetszeiten die Leute wie Schafsherden in die Moschee und greifen ein, wo sie unislamisches Verhalten entdecken. Unislamisch benimmt sich jener junge Ehemann, der Hand in Hand mit seiner verschleierten Frau einen Einkaufsbummel macht. Er weiss, dass dies nicht erlaubt ist, Händchen halten dürfen nur Männer, und als er beim Vorbeigehen mein Erstaunen bemerkt, grinst er mir schnell zu, halb komplizenhaft, halb trotzig.
Unislamisch ist auch das Kopftuch der jungen Frau, welches den Haaransatz sehen lässt, und die von einem Mutawa deswegen barsch zurechtgewiesen wird. Unentdeckt bleibt hingegen das Gebaren der beiden 15-jährigen Mädchen, die sich kichernd und blitzschnell gegenseitig den Schleier vom Kopf ziehen. Kaum entdeckt werden die unislami- schen Anbandelungen (das heisst die Kontaktaufnahme zweier nichtverschwisterter, gegengeschlechtlicher Menschen), weil sie selten vorkommen und sehr schlau eingefädelt werden. Zum Beispiel, so hatte Zaid erzählt, indem ein Junge seine Handynummer unauffällig in eine CD-Hülle schiebt, nachdem er sich versichert hat, dass ihn im Musikgeschäft niemand beobachtet ausser diejenige Person, für welche die Botschaft bestimmt ist. Und es soll ganz mutige junge Frauen geben, welche irgendwelche Telefonnummern einstellen, bis sich ein Mann am anderen Ende meldet. Ist dort Abdul? Nein? Mit wem spreche ich? Und so könne es sein, dass man anfange zu reden, sich wieder anrufe und besser kennen lerne.
Ganz und gar unislamisch sind nicht nur nackte Frauenfussknöchel und Frauenoberarme, sondern auch das Abbilden derselben. In den grossen Hotels und in den Buchhandlungen sind die bekanntesten internationalen Nachrichtenmagazine erhältlich, und in den Musikläden stapeln sich die gleichen Pop-CDs wie in allen CD-Shops dieser Welt. Und in irgendeinem klimatisierten saudischen Grossraumbüro muss eine ganze Armee von Angestellten sitzen, die nichts anderes tun, als in jedem einzelnen ausländischen Heft und auf jedem einzelnen Tonträgercover unziemliche Darstellungen zu übermalen. Kylie Minogue, Britney Spears bekommen rote Leggins und langarmige Leibchen, ebenso der Tennisdress von Martina Hingis auf dem Newsweek-Foto. Andere Bilder werden lieblos eingeschwärzt, so die winzige Badeschönheit auf dem Inserat eines Fünfsternehotels in Time oder die Bikini-Blondine, die im Spiegel für ein Auto wirbt. Nichts kommt in die Regale, das nicht gesäubert worden ist. (Dies gilt auch für die Politik: Jeder Artikel, der sich auch nur entfernt kritisch mit der Politik des Königshauses befasst, wird herausgerissen oder zugeklebt.)
Höchstens drei Minuten vom Faisaliah-Komplex entfernt liegt eine Strasse, die beidseitig mit Elektronikgeschäften gesäumt ist. Wir betreten den erstbesten mit den neuesten Fernsehmodellen, Mobiltelefonen, Satellitenschüsseln, Playstations voll gepackten Laden. «Kann ich hier Fernsehzubehör bekommen, um French Channels, französische Sender, zu empfangen?», frage ich. Frank hatte erzählt, dass dies der gebräuchliche Name für Pornokanäle sei. Diese seien trotz Verbot einfach zu kriegen, und die Saudis seien verrückt danach.
Die zwei indischen Verkäufer lächeln kurz. «Gewiss, mein Herr», antwortet der eine, «dazu brauchen Sie bloss eine Programmkarte, einen Decoder und eine Satellitenschüssel.» Und in zwei Tagen wäre alles bei mir montiert. Ob sie nie Probleme mit den Mutawas gehabt hätten, will ich weiter wissen. Nein, nie, antwortet er. Ob viele Saudis French-Channel-Kunden seien, frage ich. Er schaut mich einen Moment verwundert an und sagt dann: «Die meisten Kunden sind Saudis.»
Es sei ein Fehlkonzept, meint der philippinische Taxifahrer Armando, was die Saudis unter Leben verstehen. Er denkt dabei an alles hier, aber speziell an seine Situation. Für 300 Franken im Monat fährt er seit eineinhalb Jahren das Taxi seines saudischen Arbeitgebers. Zehn Stunden täglich, sieben Mal die Woche. Abgemacht waren acht Stunden an sechs Wochentagen. Und bei der Essensgutschrift hat ihn der Chef ebenfalls um die Hälfte betrogen. Die Zweizimmerwohnung teilt er sich mit vier Fahrerkollegen. Sie schlafen Schicht. Dazu keine Krankenversicherung, keine Unfallversicherung. Aber was machen? Sich beschweren? Wir haben 64 Flugplätze, heisst es dann, du kannst dir einen aussuchen. In Armandos Heimat warten seine Frau und seine zwei Kinder. Aber dort gibt es keine Arbeit.
Armando ist einer von rund sechs Millionen Fremdarbeitern. Ein kleiner Teil davon – Ärzte, Ingenieure, Architekten – kommt aus Europa und den USA. Die putzende, schleppende, grabende Mehrheit dagegen rekrutiert sich aus den asiatischen Armenhäusern. Auf Druck des damaligen US-Präsidenten Kennedy schaffte der saudische König 1962 die Sklaverei offiziell ab. Die unnachahmliche Herablassung, die vollendete Arroganz, welche die Saudis den dunkelhäutigeren Kellnern, Gärtnern, Strassenarbeitern im alltäglichen Umgang entgegenbringen, machen aber sofort klar, dass die Sklavenhaltermentalität nach wie vor existiert. Leute wie Armando erfahren nicht mehr Respekt als ein Hund. Dabei haben sie seit den fünfziger Jahren das Land aufgebaut und gehören weiterhin zu denjenigen, die wirklich arbeiten. Aber dies ist wahrscheinlich gerade ein Grund für die Verachtung: dass sie hart arbeiten.
Seit einiger Zeit bemüht sich das Königshaus um eine «Saudisierung» der Unternehmen. Nur vier Prozent aller Beschäftigten im privaten Sektor sind Saudis, und diese Zahl soll auf eine Quote von 25 Prozent gehoben werden. Lieber heute als morgen, denn die Zeit drängt. Die Bevölkerung wächst schneller als die Zahl der Jobs. Saudi-Arabien hat mit 5,5 Kindern pro Frau den Fruchtbarkeitsweltrekord, und von den geschätzten 20 Millionen Saudis ist ein Grossteil unter 25 Jahre alt. Vorbild scheint die Königsfamilie zu sein, die sich mit verblüffendem Tempo vermehrt. 7000 Prinzen soll sie bereits zählen, und jeden Monat kämen zirka 35 bis 40 weitere dazu – so der Nahostexperte Said K. Aburish.
Das Resultat ist eine bedrohliche Arbeitslosigkeit, die zwischen dreissig und vierzig Prozent liegen soll. Die einfachste Lösung, die angepeilte «Saudisierung», kommt schwer voran. Europäische Geschäftsleute vor Ort sprechen von einem Problem der «Einstellung». Ein durchschnittlicher saudischer Mann, erzählt ein Schweizer Manager, sei sich zu schade für die Drecksarbeit. Aufgewachsen mit Hausangestellten und gewohnt, bedient zu werden, erwarte er dies auch im Beruf. Er wolle schnell befördert werden oder eine eigene Firma gründen, um Leute einstellen zu können, die für ihn arbeiten. Zaid nannte noch einen weiteren Aspekt: «Einem Saudi, der putzt, gibt keine Familie die Tochter zur Frau.»
Die jungen Männer zieht es in den öffentlichen Sektor, zu den Regierungsjobs, wo immerhin achtzig Prozent der Angestellten Einheimische sind. Eine kürzlich veröffentlichte Studie macht deren Beliebtheit nachvollziehbar. Die Hälfte der Lohnbezüger rückt verspätet zur Arbeit an und zieht vorzeitig wieder ab. Siebzig Prozent verschwinden während der Arbeit wenigstens einmal, viele davon bis zu vier Stunden täglich (abgesehen von den mindestens zwei Gebetspausen). 16 Prozent erzielen eine Arbeitsleistung von «zero level contribution», «null Beitrag». Je höher der Rang, desto länger die Absenz, lautet die Regel. Was erklären würde, dass kaum einer der Fehlbaren je sanktioniert wurde: Die Vorgesetzten waren ebenfalls abwesend. Bemerkenswert sind einige der vorgebrachten Ausreden. Neben den erwartbaren «Verkehrsstau», «plötzliche Krankheit des Kindes» wurden auch «Erschöpfung» und «keine Arbeit» angegeben.
Im Süden der Stadt, wo die Quartiere älter, schmutzig und überfüllt sind und wo viele der importierten Arbeiter hausen, liegt der Chopchop Square, der Hackplatz, wie er von den Leuten genannt wird. Es ist der grössere Vorplatz einer Moschee, wo jeweils nach dem Freitagsgebet die Hinrichtungen durch das Schwert stattfinden. Armando, der uns hinfährt, hat schon einige Male zugeschaut. Sie würden es am Vorabend am Radio ankündigen, sagt er, und der Platz sei dann immer ganz voll mit Zuschauern. Es sei sonst eben überhaupt nichts los hier.
«Vorher spritzen sie den Verurteilten etwas», sagt er, «damit sie ruhig sind, und dann führen sie diese dort hinüber, wo sie niederknien müssen.» Er zeigt mit dem Finger auf eine Stelle an der Seite des Platzes, wo jetzt Autos parkiert sind. Eine Hinrichtung ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Ein Afghane habe einmal den Kopf immer stark nach unten hängen lassen. Da habe ihm ein Wächter mit einem spitzen Stock in die Seite gestochen, worauf sich der Afghane reflexartig aufgerichtet habe. Und diesen Moment habe der Henker ausgenützt, um dem Kandidaten mit einem wuchtigen Hieb den Kopf abzuschlagen. Die Hinrichtung einer Frau dagegen habe er noch nie gesehen. Diese würden mit einem Revolver erschossen. Denn bei einer Schwerthinrichtung müsste man ihren Hals entblössen, und dies gelte als unschicklich.
Zusammen mit China, Iran und den USA gehört Saudi-Arabien zu den Spitzenreitern bei den Anwendern der Todesstrafe. Letztes Jahr waren im Wüstenreich offiziell 79 Köpfe abgetrennt worden, rund die Hälfte davon hatte Fremdarbeitern gehört. Allerdings hatte man nach dem 11. September die öffentlichen Exekutionen vorläufig suspendiert. Gründe für ein Todesurteil sind unter anderem Drogen- und Alkoholschmuggel, Hexerei, Mord, christliche Missionierung. Zum gängigen Strafrepertoire gehören auch Gliedamputationen und Auspeitschen. Amnesty International spricht von einem «kriminellen Justizsystem», in dem jeder in Gefahr ist, der keine Machtposition hat, und von einer institutionellen «Kultur der Brutalität».
Vor ungefähr einem halben Jahr seien in der westlichen Provinz Asir drei Männer wegen Homosexualität geköpft worden, hatte Zaid erzählt. Frank hat auch davon gehört, aber ihn, der seit bald zwanzig Jahren gerne hier lebt, beeindruckt die Geschichte nicht sehr. Da müsse noch anderes dahinter stecken, meint er – Intrigen, Abrechnungen, irgendwelche statuierte Exempel. Männerliebe sei zwar verboten, werde aber ausgiebig praktiziert. Frank muss es wissen. Er ist homosexuell. Er schätzt, dass die Hälfte der Männer irgendwann Sex mit anderen Männern hat. Es sei auch nicht aussergewöhnlich, dass ein Vater seinen Sohn zwecks Aufklärung zu einer männlichen Prostituierten bringe, einem sudanesischen, einem philippinischen Boy, von denen es mehr gebe als weibliche Huren.
Nach einer Heirat, erzählt er weiter, hätten die Frauen oft das Problem, wie sie den Ehemann von seinem Liebhaber wegbringen könnten. Oder überhaupt von seinen Freunden, mit denen er fast immer zusammen sei. Ob es uns nicht aufgefallen sei, wie effeminiert die Männer hier sich geben? Dieser intime Umgang? Sie berühren sich, reden über ihre Gefühle, parfümieren sich, spazieren Hand in Hand, schauen sich tief in die Augen.
Am letzten Abend unseres Aufenthalts lädt uns Zaid in sein Istiraha ein. Das ist sehr gastfreundlich und ein Zeichen des Vertrauens. Istiraha heisst eigentlich Rastplatz, hier bedeutet es eine Art privater Herrenklub oder Stamm, wo die meisten Saudis den grössten Teil ihrer abendlichen Freizeit verbringen. (Mit den Ehefrauen etwas zu unternehmen, hat keine Tradition. Wo sollten sie auch hingehen? Sogar der Zoo hat getrennte Frauen- und Männertage.) Zaids Istiraha ist ein kleines ummauertes Grundstück mit Portierloge am Stadtrand Riads, das er mit 12 Freunden gemietet hat. Sie kennen sich seit dem Studium oder noch länger, und sie treffen sich seit 16 Jahren mindestens jeden zweiten Abend im Zelt, das sie im Inneren des Hofes aufgestellt haben.
Auf dem Boden liegen bequeme Kissen, ein blubbernde Wasserpfeife macht die Runde, in der Ecke stehen ein Fernseher und eine Kühltruhe. Ab und zu ruft einer nach Ahmed, dem pakistanischen Hausdiener, der im Portierhäuschen lebt und der wie ein geölter Blitz heranspurtet, um den Befehl nach mehr Tee oder Gebäck oder Zigaretten entgegenzunehmen. Später, wenn die fremden Besucher gegangen sind, werden die Eiswürfel im Whiskyglas klirren, und vielleicht wird noch jemand einen französischen Sender einschalten.
Die Stimmung ist friedlich, und meine Frage, welche die grössten aktuellen Probleme ihres Landes sind, wirkt leicht deplatziert. Die hohe Scheidungsrate, sagt einer nach kurzem Nachdenken. Richtig, findet ein anderer, neulich habe sich einer sogar im Einkaufszentrum von seiner Frau geschieden. In Saudi-Arabien, klärt uns Zaid auf, könne ein Mann seine Ehe auflösen, indem er dreimal hintereinander zu seiner Frau sage: Du bist geschieden. Die Jungen, fährt er fort, hätten keine Geduld mehr und die Ansprüche seien gestiegen. Das Gefühl für die wahren Werte sei verloren gegangen.
Dann geht das Gespräch auf die Arbeitssituation über, und man stimmt in die Klage über die wachsende Konkurrenz und die härteren Anforderungen ein. (Die meisten von Zaids Freunden haben Posten beim Staat. Wir hatten in den vergangenen Tagen einige Büros besucht: entspannt plaudernde, Tee trinkende Saudis, stumm schreibende und rechnende Inder oder Pakistani.)
Es ist ein genussvolles Jammern wie es wahrscheinlich überall auf der Welt von Leuten ertönt, die ein im Grunde gutes, aber langweiliges Leben haben.
Beim Thema Politik fällt ihnen zuerst nicht viel ein. Saudi-Arabien hat keine Verfassung, keine Parteien, kein Parlament. Es hat nur die Prinzen, und deren Wille und Laune ist die Politik. Die Prinzen nun würden eine clevere Politik betreiben, ist die Auffassung der Anwesenden. Sie hätten damals die verrückten Stämme geeinigt, sagt einer, und sie würden Saudi-Arabien geschickt aus allen Kriegen heraushalten. Wie die Schweiz, fügt er hinzu.
Oder denk an Bahrein, wirft der Nächste ein. (Bahrein ist ein kleines liberales Scheichtum vor der Ostküste). Jeden Tag führen bis zu 10000 Saudis auf die Insel. Sie würden Alkohol trinken, sich Frauen nehmen, Spass haben und wieder zu ihren Familien nach Hause zurückkehren. «Die Prinzen könnten die Brücke sperren. Aber dann wäre nicht nur Bahrein nach einer Woche bankrott, auch die Saudimänner wären unglücklich. So aber sind sie erleichtert, und auch unsere religiösen Autoritäten wurden nicht beleidigt. Da siehst du, wie weise die Prinzen sind.»
Unangenehm ist ihnen die Frage nach den saudischen Attentätern vom 11. September. Man wisse nicht, ob es Saudis waren, wehrt einer ab. Saudische Zeitungen hätten aber die Namen und die Telefonnummern der Familien veröffentlicht, sage ich, alles waschechte Saudis, worauf die Familien mit Sympathiebekundungen geradezu überschwemmt worden seien. Man müsse ehrlich sein, lenkt Zaid ein, einige hier fanden den Anschlag gut.
Einige?, entgegne ich, Bin Laden geniesse unter den Jungen das Ansehen eines Popstars, 95 Prozent seien laut einer Umfrage der Regierung für ihn. Das sind junge, dumme Leute, wiegelt einer ab, das dürfe man nicht überschätzen. Und was die Attentäter betreffe: Böse Menschen gebe es überall, nicht wahr, wir Schweizer würden das Problem ja auch kennen. Wie war der Name eures Amokläufers im letzten Herbst? Laibakar? Und überhaupt, wer wisse denn eigentlich, ob nicht der israelische Geheimdienst dahinter stecke?
Es ist ein angenehmer Abend. Die Gastgeber sind zuvorkommend und liebenswürdig, Ahmed der Diener giesst regelmässig frischen Tee nach, am tintenblauen Wüstenhimmel funkeln die Sterne, und Zaid platziert zwischendurch eine Weisheit, wie: «Nichts erfüllt das Leben mehr als die Liebe.»
Eine wohlige Trägheit hat sich breit gemacht, die jeden Gedanken an Aktivität oder Planung als nutzlose, absurde Hektik verwirft. Nichts ist wirklich wichtig. Nicht die Attentäter, nicht die Palästinenser, nicht die Politik. «Demokratie? Die überlassen wir den Royals, Als Gegenleistung bezahlen wir keine Steuern.» Wichtig ist nur, dass das Öl weiterhin fliesst und dass alles so bleibt, wie es ist.
«Weisst du, warum Saudi-Arabien ein sehr gutes Land ist?», fragt Zaid, als wir uns verabschieden. «Es gibt hier eine stillschweigende Übereinkunft. Im Privaten ist alles erlaubt, du bist völlig frei zu tun, was du willst. Nur öffentlich darfst du niemals darüber reden.» Und er macht eine Bewegung, als würde er sich den Mund zunähen.