Die Weltwoche
24.01.2008
«Jammern ist nie eine gute Idee»
Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger spricht über seine intellektuelle Biografie, sein Buch über den rebellischen deutschen General von Hammerstein, das Scheitern des Sozialismus und das entspanntere Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte.
Von Eugen Sorg und Peer Teuwsen
Weltwoche: Herr Enzensberger, Ihr Buch über General von Hammerstein, deutscher Armeechef bis 1934, Gegner Hitlers, verkauft sich täglich im vierstelligen Bereich. Wie erklären Sie sich das?
Enzensberger: Keine Ahnung. Diese Woche komme ich in die Bestsellerliste. Ich bin das wahr-haftig nicht gewohnt. Bücher haben ihre Zeit. Diese Arbeit wäre früher gar nicht möglich gewesen, schon weil die Quellen im Osten nicht zugänglich waren. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: Wir haben heute eine kognitive Distanz zu der Zeit der Extreme gewonnen.
Hätten Sie das Buch vor vierzig Jahren geschrieben, wenn Sie alle Quellen zur Verfügung gehabt hätten?
Schwer zu sagen. Die Zeitgeschichte ist ein ideologisch stark vermintes Terrain. Vor vierzig Jahren musste alles erst mal daraufhin überprüft werden, wie rechts oder links ein Text ist, wem er ins Konzept passen könnte usw. An ein Minimum von Unbefangenheit war da nicht zu denken. Mir geht es aber nicht in erster Linie um eine ideologische Linie, sondern um die Menschen und ihr Verhalten – schon weil die meisten Leute widersprüchlich handeln und weil sich ihre Einstellungen mit den Jahren situationsbedingt ändern. Was bei all diesen Ambivalenzen übrigbleibt, ist die Tatsache, dass ein Charakter meist dauerhafter ist als eine Meinung. Die Marxisten haben berühmte Texte geschrieben über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, den sogenannten «subjektiven Faktor». Ihnen waren nur die «objektiven Verhältnisse», Strukturen und Systeme wichtig. Davon sind wir heute nicht mehr so überzeugt. Wir wissen, dass gerade in extremen Lagen einzelne Personen eine riesige Rolle spielen können. In der Weimarer Republik gab es Leute wir Rathenau oder Stresemann, die eine sehr vernünftige Politik gemacht haben; der eine wurde ermordet, der andere ist zu früh gestorben. Wenn so einer da gewesen wäre, wer weiss, ob er nicht die Republik gerettet hätte?
Warum haben Sie General von Hammerstein und seine Familie als Stoff gewählt?
Ich bin ja kein Historiker mit einem Spezialgebiet, etwa der Zeitgeschichte der dreissiger Jahre. Ich kann mir meine Themen aussuchen. Vielleicht habe ich eine gewisse Vorliebe für die Aussenseiter. So habe ich mich immer darüber gewundert, dass Kurt von Hammerstein in der Geschichtsschreibung kaum eine Rolle spielt. Ich fragte mich: Woher diese Lücke? Und ich gestehe Ihnen, dass mir vieles an diesem General gefällt.
Was war das Herausragende an ihm?
Er war ein Mann mit einem inneren Kompass, und dem ist er gefolgt, auch wenn das riskant war. Auch dass er immer wieder gegen Regeln seines eigenen Milieus, also der Militäraristokratie, verstossen hat, ist bemerkenswert. Als einziger hoher Militär hat er 1933 gesagt: «Da mache ich nicht mit.» Das heisst nicht, dass ich ihn als heroische Figur sehe. Eine solche Rolle hat er stets abgelehnt, mit der Begründung: Ich habe nur getan, was getan werden musste.
Ein nüchterner, schweigsamer, unbeirrbarer Mensch.
Ja, mit starken analytischen Fähigkeiten. Kein Frontschwein, das hat ihn überhaupt nicht interessiert, sondern ein idealer Generalstäbler.
Er war faul. Gutes Führungsprinzip, oder?
Ja, mancher Manager sollte sich das heute mal gesagt sein lassen.
Man fragt sich aber: Hätte er es anders machen können, mehr bewirken, verändern können?
Das habe ich mich auch gefragt, aber es handelt sich um eine typische Nachgeborenen-Frage.
Die Gnade der späten Geburt.
Ich versuche diese Frage zu stellen, indem ich die handelnden Personen in fiktive Unterhaltungen verwickle. Diese Totengespräche bringen die heutige Sicht in das Buch ein. Ich nehme da die Perspektive der jüngeren Leser ein, die keine eigenen Erfahrungen mit Diktatur und Krieg haben und die es sich deshalb mit solchen Fragen oft zu leicht machen.
Sie wenden sich mit dem Buch auch gegen die moralische Überheblichkeit der Nachwelt.
Ja. Es ist doch ungeheuerlich, wenn einer heute von sich behauptet: «Ich hätte damals bestimmt Juden versteckt.»
Führt das nicht zu einem moralischen Relativismus, wenn Sie versuchen, jede Position aus ihrer Zeit heraus zu verstehen?
Das glaube ich nicht. Ich rechne mit einem Leser, der bereit ist, sich hineinzuversetzen in die Dilemmata, mit denen es seine Eltern und Grosseltern zu tun hatten, und der zu einem eigenen Urteil fähig ist. Ich bin nicht bereit, dem Leser diese Anstrengung zu ersparen.
Es gibt aber klare Wertungen in Ihrem Buch. Sie reden zum Beispiel sehr deutlich von der Gleichwertigkeit des linken und des rechten Totalitarismus. Carl Schmitt und Bertolt Brecht, Ernst Jünger und Karl Korsch.
Das mag vielen nicht gefallen. Es gehört aber zum Kontext. Doch ist es auch wahr, dass man seine Antipathien nie ganz verbergen kann. Die Rolle von Carl Schmitt finde ich inakzeptabel. Aber ich möchte das nicht explizit machen. Die Rolle des Richters steht mir nicht zu.
Hammersteins Tochter Helga hat die Rede Hitlers, die er 1933 vor den Generälen hielt und in der er seine Eroberungspolitik ankündigte, aus dem Schreibtisch des Vaters gestohlen und den Sowjets übergeben. Sie hat das Manuskript des Teufels genommen und es dem Satan übergeben. Ein moralisch recht heikles Unterfangen.
Sie sehen daran, wie die Menschen damals zwischen die Mühlsteine der Ideologien gerieten. Der kommunistische Widerstand gegen Hitler hat ein schreckliches Ende genommen, als die stalinistischen Säuberungen begannen. Der kommunistische Geheimdienst GPU und die Gestapo haben damals sogar kooperiert. Alle gerieten in diese Maschine. Aber stellen Sie sich vor, man schreibt 1930, und Sie sind ein 21-jähriger, politisch interessierter Student. In dieser extremen Polarisierung wäre es Ihnen schwergefallen, sich an die Mitte zu halten. Auf den deutschen Universitäten gaben die Rechten den Ton an. Vielleicht hätten auch Sie sich damals gesagt: Die Einzigen, die dagegenhalten, sind die Kommunisten.
Hat Helgas Vater von der Spionagetätigkeit seiner Tochter gewusst?
Das ist fraglich. Doch würde es mich wundern, wenn er nichts davon bemerkt hätte. Vielleicht hat er es stillschweigend geduldet, weil er so die Russen, mit denen er alte politische Verbindungen unterhielt, vor Hitler warnen wollte. Er bestreitet das natürlich, jedenfalls mir, seinem fiktiven Gesprächspartner, gegenüber, schon weil er vermutlich von einem Schriftsteller wie mir wenig gehalten hätte.
Oder einem verdammten Journalisten.
Diese Totengespräche sind ein Freiraum, den ich mir schaffe. Ein schönes Spiel, nicht wahr? Im Hauptstrang der Erzählung würde ich mir so etwas nicht erlauben. Da muss sich der Leser darauf verlassen können, dass ich gründlich recherchiert habe und nur behaupte, was sich einwandfrei belegen lässt. Ich bin für jede sachliche Korrektur dankbar. Anders verhält es sich mit ideologischen Einwänden.
Wie lauten diese Einwände?
Es gab Rezensionen, in denen es heisst, die Weimarer Republik sei nicht so ungemütlich gewesen, wie ich sie darstelle.
Der Historiker Götz Aly warf Ihnen das in der Süddeutschen Zeitung vor.
Es lohnt sich kaum, auf solche Angriffe zu antworten. Übrigens ist es normal, dass die akademischen Experten ihr Terrain verteidigen gegen Leute, die ihrer Zunft nicht angehören.
Erkennen Sie sich im Eigensinn der Hammersteins auch ein bisschen wieder?
Ein Biograf sollte sich nie mit den Figuren, die er beschreibt, identifizieren. Das würde nur zu peinlichen Projektionen führen. Schliesslich war ich seit 1945 nie Prüfungen ausgesetzt, die vergleichbar wären mit denen meiner Protagonisten. Auf der anderen Seite spielen immer affektive Momente mit, wenn Sie sich jahrelang mit einem Menschen beschäftigen, den Sie gar nicht gekannt haben. Es gibt vieles, was mir an den Hammersteins imponiert.
Sie haben sich in Ihren Stoffen immer auch selbst gespiegelt, vergewissert, das ist Ihre intellektuelle Biografie.
So kann man das sehen.
Zum Beispiel Ihr «Verhör von Habana» von 1969, reiner kommunistischer Agitprop.
Es handelt sich um ein Porträt der Konterrevolution anhand der Invasion an der Schweinebucht.
Sie distanzierten sich davon wieder mit einem wohlwollenden Porträt Buenaventura Durrutis, des spanischen Anarchisten.
Tue ich das?
Und jetzt ist es ein deutscher General. Für was steht der in Ihrer intellektuellen Biografie?
Es ist keine gute Idee für einen Autor, auf solche Fragen zu antworten. Die Selbstbeschreibung hat kurze Beine. Ich überlasse es gerne den anderen, mich zu etikettieren, ganz egal, was dabei herauskommt. Einmal war ich in ihren Augen Chefideologe, einmal Renegat, einmal Lyriker, einmal sogar Totenglöckner der Literatur. Und so weiter. Ich kann mir die Schuhe, die da bereitgestellt werden, gar nicht anziehen. Ich muss meine Unbefangenheit verteidigen.
Warum eigentlich?
Wäre ich ruhebedürftig oder eine Mimose, müsste ich das Schreiben sein lassen. Man ist selber schuld, wenn man publiziert. Ich verstehe deshalb auch die Wehleidigkeit gewisser Schriftsteller nicht, die sich immer beklagen, wenn jemand etwas gegen sie äussert. Ich war ja selbst auch nicht immer so nett zu den andern. Das ist doch give and take. Jammern ist nie eine gute Idee.
Das ist genau das Problem mit Ihnen. Sie sind immer der Erste, der schon da ist, und wenn die andern kommen, sind Sie schon wieder weg.
Auch dazu kann ich nichts sagen. Es hätte gar keinen Sinn, irgendetwas Derartiges zu dementieren.
Machen Ihnen solche Spiele Spass?
Gelegentlich.
Sie haben einen langen Weg hinter sich. Am Anfang steht der zornige Dichter . . .
Das hat auch mal irgendjemand gesagt.
Jetzt hören Sie auf mit diesem Versteckspiel.
Was kann ich machen? Solche Behauptun-gen stammen ja nicht von mir.
Vom zornigen Dichter wurden Sie zum Propagandisten der Revolution . . .
Ich höre mir das alles stoisch an, aber es sind Ihre Worte, nicht die meinen.
Dann kamen der Anarchist, der Hedonist in den achtziger Jahren, der Bedenkenträger in den Neunzigern und jetzt der Biograf eines Generals. Wer ist der wahre Enzensberger?
Das ist die Frage nach einer Kontinuität im Wandel. Ich kann sehr hartnäckig sein. Das Hammerstein-Projekt zum Beispiel geht auf die fünfziger Jahre zurück. Aber bitte, das müssen Sie entscheiden.
Dann schlagen wir Ihnen ein Merkmal vor: eine nie versiegende Neugierde.
Das ist schon wahr. Ich habe keine Lust, mich zu langweilen. Ich bin wahnsinnig privilegiert. Ich habe keine Vorgesetzten, und ich habe keine Untergebenen. Ich verfüge über eine Zeitökonomie, die grösstenteils von mir selbst bestimmt wird. Zu bedauern wäre ich nur, wenn ich davon keinen Gebrauch machen würde.
Wollten Sie das immer?
Zweimal im Leben war ich angestellt, für kürzere Zeit, einmal beim Radio und einmal als Lektor bei Suhrkamp. Ich wollte den Apparat von innen kennenlernen: Typografie, Kalkulation, Urheberrecht und so weiter. Ein bisschen Metier kann doch nicht schaden.
Sie wussten immer, dass Sie nie Angestellter oder Beamter werden wollten?
Ich kann das leider nicht. Ich habe wohl ein gestörtes Verhältnis zu Institutionen.
Noch ein Deutungsangebot. Es gibt bei Ihnen eine Entwicklung von einem utopistischen zu einem realistischen Menschenbild.
Es hat mir einfach nie irgendwo wirklich gepasst. Zum Beispiel habe ich alle kommunistischen Länder ausser Nordkorea besucht, weil ich nicht glaube, dass man solche Menschheitsversuche nur aus dem Seminar heraus studieren kann. Der letzte Versuch, eine Probe aufs Exempel zu machen, war in meinen Augen Kuba. Auch dort wurde ich allerdings sehr schnell zum «Conflictivo». Leider oder Gott sei Dank war ich nie fähig, den guten Genossen zu spielen. Das ist gar keine Entscheidung, das ist der Solarplexus, der nicht mitmacht. Der Sozialismus funktioniert leider nicht, Punkt, aus. Ich kann nichts dafür, ich habe ihn ja nicht erfunden.
Wann haben Sie gemerkt, zum Beispiel in Kuba: Die Sache stinkt?
Man muss sich Zeit nehmen. Ich war ein ganzes Jahr lang in Kuba und habe mich mit Ministern und Zuckerarbeitern unterhalten. Da wird man zu m Spezialisten für Widersprüche. Wenn ein allwissender Caudillo keine Rückmeldung zulässt und jeden bestraft, der Kritik äussert, wachsen selbst kleine Fehler ins Unermessliche.
Erzählen Sie ein Beispiel.
Der Diktator stellt sich hin und sagt: In der nächsten Saison wollen wir zehn Millionen Tonnen Zucker ernten. Dann stellt sich heraus, dass sämtliche Zuckermühlen bei pausenlosem Einsatz – was nicht möglich ist, weil die meisten verrottet sind – nie und nimmer zehn Millionen Tonnen Zucker verarbeiten könnten. Wenn man das aber dem Comandanten Jefe sagt, wird man als Konterrevolutionär beschimpft und rausgeschmissen.
Haben Sie Castro kennengelernt?
Natürlich, aber diese ganze kubanische Episode ist ja nur deshalb interessant, weil man so etwas nicht aus Büchern erfahren kann. Da muss man, wie es heute heisst, schon investigativ vorgehen.
Sie sind immer viel gereist.
Ja, es gibt Menschen, die müssen raus. Und bei mir kamen dann noch die deutschen Obsessionen dazu. In meiner Generation schleppt man ein ziemlich schweres historisches Gepäck mit sich herum. Viele waren von der Geschichte der Nazi-Zeit geradezu hypnotisiert. Auf diese Weise wurde Deutschland wieder zum Nabel der Welt, nur jetzt in einem negativen Sinn. Um diese Fixierung zu vermeiden, bin ich dann zehn, zwölf Jahre weggegangen. Das hat mir sehr gut getan.
Auch ein Merkmal Ihrer Schriften. Es fehlt ihnen das weltanschauliche Pathos, sie sind leichtfüssig.
Finden Sie? Sicherlich, viele Schriftstellerkollegen sind ans deutsche Schicksal gefesselt. Aber das kann sehr produktiv sein. Heiner Müller hat mir mal gesagt: «Als Schriftsteller verdanke ich alles Hitler und Stalin.» Das war seine Produktivkraft. Heiner Müller konnte damit leben, ich könnte es nicht. Ein Schriftsteller sollte sich nie als Gesetzgeber der anderen aufspielen. Die Literatur ist ein Biotop mit einer enormen Artenvielfalt. Wahrscheinlich funktioniert es als Ökosystem nur durch seine Diversität. Deshalb habe ich die Literaturkritik aufgegeben, weil ich keine Lust mehr hatte, andere Autoren «einzuordnen». Ich bin in dieser Hinsicht also katholisch, ein altmodisches Wort, das ursprünglich «allumfassend» bedeutet.
Werfen Sie auch mal ein Buch in die Ecke?
Ich öffne jedes Buch, das mir geschickt wird. Das heisst nicht, dass ich es auch lese. Und dann merke ich schnell, ob ich Lust habe, mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren. Aber die Lektüre ist auch ein Laster. Das ist wie Rauchen. Sehr schwer, sich das abzugewöhnen. Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Hotel, drei Wochen Urlaubsverbannung, und Sie haben nichts zu lesen. Da würde ich sogar Schundromane lesen.
Aber lesen ist weniger ungesund als rauchen.
Sagen Sie das nicht! Wie viele Menschen haben nach der Lektüre eines deutschen Bildungsromans beschlossen, dass sie jetzt unbedingt Künstler oder Schriftsteller werden müssen? Das kann doch böse enden.
Sie haben bewiesen, dass man trotzdem ökonomischen Erfolg haben kann.
Ein bisschen Fortüne gehört auch dazu.
Und ein bisschen Neugier.
Das ist doch einfach eine ganz normale Lebensäusserung, eine Funktion des Organismus. Man hat Lungen, um zu atmen, und man atmet, weil man Lungen hat. Man ist neugierig, weil man über ein Gehirn verfügt, das ist unvermeidlich. Natürlich ist das keine erhabene Eigenschaft. Denken Sie an Ihre klatschhafte Nachbarin. Warum ist sie klatschhaft? Weil sie neugierig ist. Die Neugier richtet sich nur auf etwas anderes als die Ihrige, sie ist vielleicht ein bisschen beschränkt und dreht sich im Kreis, aber es ist derselbe Antrieb. Zeigen Sie mir ein Kind, das nicht neugierig ist! Das ist eine anthropologische Tatsache, die evolutionsgeschichtliche Gründe haben muss.
Kann man die Neugierde auch verlieren?
Kaum. Auch der Weiberheld zum Beispiel hat ja eine Art von Forschungsprogramm, weil er immer glaubt, da gebe es etwas, das er noch nicht herausgefunden hat. Vielleicht ist das ein etwas borniertes Interesse, aber wenn er auch das verliert, das Einzige, was er hat, dann ist er der Demenz nahe.
Was haben Sie für einen Preis bezahlt für Ihre Neugierde?
Interessant waren für mich gewisse Niederlagen. Erfolge vergisst man, Flops nie. Besonders Theaterflops sind eindrucksvoll.
Warum? Weil es unmittelbar ist?
Ja, es gibt eine sofortige Klimaänderung. Stellen Sie sich einen Schauspieler vor, dem die Leute mitten aus der Vorstellung davonlaufen. Das ist sehr eindringlich.
Welches Stück war das?
Irgendwelche Theater- oder Opernpremieren, von denen ich gar nicht erzählen darf; denn auf dem Theater herrscht ja die Omertà, ein absolutes Schweigegebot nach dem Motto: Wir sitzen alle in einem Boot.
Sie haben ein Stück von Molière bearbeitet, «Der Menschenfeind». Sind Sie ein Misanthrop?
Da müssen Sie andere fragen. Sicherlich ist das gesellschaftliche Talent, wie alle andern Talente, ungleich verteilt. Ich gehe zum Beispiel ungern auf Veranstaltungen. Doch kann ich auch ganz handzahm sein, wenn es sein muss. Nur bin ich – unter anderem – auch Süddeutscher, und in Bayern hat man einige fundamentale Lebensregeln. Eine davon heisst, «mei Ruah will i hobn». Andererseits gibt es kein Prinzip ohne Ausnahmen: «A bissl was geht immer.»
Zurück zu Hammerstein. Ihr Buch ist teilweise kontrovers aufgenommen worden. Götz Aly wirft Ihnen zum Beispiel vor: «Für den nazistischen Terror interessierte sich Enzensberger noch nie besonders.»
Das macht nichts, auch wenn es manchmal lästig ist, dass es in Deutschland von Aufpassern wimmelt. Eines Tages wird in der Kartei der NSDAP irgendein Zettel entdeckt. Dann steht in der Zeitung, dass der oder jener angeblich Mitglied war. Hat er’s gar nicht gewusst? Hat er’s vergessen? Hat er wirklich mitgemacht? Damit lassen sich viele Spalten füllen. Mir würden allerdings auf Anhieb ein Dutzend interessantere Fragen einfallen.
Haben Sie das Gefühl, dass man heute in Deutschland offener über das Dritte Reich und seine Folgen reden kann?
Ja, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Aber es gibt auch Ermüdungserscheinungen. Wenn Sie hier zum Beispiel mit einem Abiturienten sprechen, wird sich zeigen, dass er in der Schule eher geplagt worden ist mit dem Dritten Reich. Diese zwölf Jahre nehmen einen vollkommen überproportionalen Platz im Geschichtsunterricht ein. Dabei wird zwischen den Guten und den Bösen streng unterschieden. Wenig hört man dagegen von denen, die sich nicht so hundertprozentig verhalten haben, und das waren wahrscheinlich die meisten. Einer sagt sich: Diese Leute sind Gangster, die kommen mir nicht ins Haus; aber er tut auch nichts dagegen. Was heisst das? Das ist wahrhaftig kein Widerstand, das ist eine politische Haltung, die man sehr beschränkt nennen kann, aber sie unterscheidet sich von dem, der sich freiwillig zur SS meldet. So gibt es unzählig viele moralische Grauwerte und Nuancen, und das gilt ja nicht nur für Deutschland. Wenn Sie das Verhalten der Schweizer im Zweiten Weltkrieg genauer anschauen, se-hen Sie eine Menge von solchen Abstufungen und Mischungsverhältnissen. Das ist auf jeden Fall für einen Schriftsteller interessanter, und vermutlich ist es auch repräsentativer als die blosse Einteilung in Henker und Opfer.
Hitler war aber hundert Prozent böse?
Adolf Hitler war ein hochbegabter Politiker. Das darf man auch mal sagen. Der hatte die latenten Kräfte, die in diesem Land 1931 anwesend waren, genauer erfasst als andere. Das ist auch wahr. Gut und böse? Als Gutmenschen kann man ihn nicht darstellen, das ist klar. Natürlich ist es schwer, bei so jemandem etwas zu finden wie Nuancen.
Wollte Hitler anfangs das Gute?
Nein, das kann man ihm nicht nachsagen. Er war ja auch kein Patriot. Die Deutschen waren seine Handlungsmasse, und die sind dann seiner nicht würdig gewesen, und dann sollen sie also untergehen. Ich glaube, er hatte wenig Anhänglichkeiten zur Art. Die eigenen Leute sind eigentlich keine Freunde, sie sind sehr verdächtig, Stalin war ein Meister darin, weil die wollen auch ran, die wollen dir irgendwas in den Weg legen, der muss abgeschafft werden, der muss abgehalftert werden, das sind Verräter, es wimmelt überall von Verrätern. Affektiv ist das ein merkwürdiges Dasein, das solche Leute führen.
Ist Ihr Buch auch erfolgreich, weil es für die Deutschen eine Erleichterung darstellt, wenn es sogar in den obersten Chargen der Militäraristokratie einen guten Deutschen wie General von Hammerstein gegeben hat?
Nein, zur Lichtgestalt kann man ihn, im Gegensatz zu Stauffenberg, wie er von Tom Cruise im Film gespielt wird, nicht aufbauen. Er ist ja nur mit Einschränkungen eine positive Figur. Er hatte auch etwas von einem Zauderer; er war eine hamletsche Erscheinung. Auch seine kühlen Überlegungen dürften ihn vor jeder Vereinnahmung schützen. Zum Beispiel sagte er in den vierziger Jahren, als ihm schon lange klar war, dass Deutschland dem Abgrund zusteuerte, er wisse gar nicht, ob ein Attentat gegen Hitler sinnvoll sei. Die Deutschen müssten diese Suppe nun auslöffeln, sonst hielten sie den toten Diktator für einen Märtyrer und die Attentäter für Vaterlandsverräter, die den deutschen Endsieg verhindert hätten. Das wäre die Wurzel einer neuen Dolchstosslegende. Wer so denkt, eignet sich nicht zum Liebling der Nation.
Das Verhältnis der Deutschen zur Vergangenheit hat sich ein wenig entspannt. Wo sehen Sie heute andere Fragen, die tabuisiert sind?
Heikel sind, wie Sie wissen, die Migrations- und Integrationsprobleme und ihre Folgen. Die neuen Biotechnologien sind höchst umstritten. Die Folgen der demografischen Entwicklung sind nicht annähernd verstanden. Selbst der längst von der Tagesordnung abgesetzte Klassenkampf hat vielleicht wieder ein Zukunftspotenzial. Wenn die Ökonomie irgendwann einmal nicht mehr boomt: Was dann? Schon heute beobachten wir die Entstehung einer neuen Unterklasse von Menschen, die niemand beschäftigen will. Aber, wie gesagt, ich bin kein Prophet.
Was ist ein guter Essayist?
Der Essay ist eine verlockende Form, weil sie eine grosse Verschiedenheit an Registern zulässt. Es gibt den akademischen Essay, der eine Beweisführung ist; da hat jemand eine These, und die kennt er schon, wenn er anfängt zu schreiben. Und am Schluss führt er schlüssig vor, warum es so sein muss, wie er anfangs schon gedacht hat. Ich halte es mehr mit dem Ahnherrn des Essays, mit Montaigne. Der wusste nie vorher, was am Ende bei seinen Überlegungen herauskommt. Der Essay ist auch deshalb angenehm, weil er formal ein Allesfresser ist: Er kann Erzählungen und Anekdoten ebenso aufnehmen wie Dokumente oder Theorien.
Botho Strauss ist ein anderer berühmter Essayist, bloss, den verstehen wir nicht, das ist so ein Geraune.
Aber als Physiognomiker ist er nicht schlecht, er kann in den Gesten der Menschen lesen, er ist kein schlechter Beobachter. Auch sein Theatererfolg hat damit zu tun, dass er gewisse deutsche gesellschaftliche Rituale, Verhaltensweisen gut im Auge hat. Seine weltanschaulichen Hintergrundgeräusche, die verstehe ich auch nicht.
Wie sollen Autoren überleben, die nie auf eine Bestsellerliste kommen?
Oh, in unseren aufgeklärten Gesellschaften wird der Literatur ab und zu auch unter die Arme gegriffen! Mir ist zum Beispiel ein Gerücht aus der Schweiz zu Ohren gekommen. Die Kulturstiftung Pro Helvetia soll eine so grosse Zahl von Dramatikern gefördert haben, dass selbst alle Theater des Landes nie in der Lage wären, ihre Stücke zu spielen. Ob man allerdings durch diese wohlmeinende Grosszügigkeit einen neuen Friedrich Dürrenmatt erzeugen kann, steht dahin.
Plädieren Sie etwa für die Abschaffung der Literaturförderung?
Ganz im Gegenteil, ich begrüsse die Gutmütigkeit. Sie ist ein schöner Zug und weit besser als die Hungerleiderei.
Sind Sie je auf sich selbst reingefallen?
Natürlich, aber wie, das werde ich Ihnen nicht verraten. Wozu auch? Die alte griechi-sche Aufforderung «Erkenne dich selbst» führt doch nur in ein erkenntnistheoretisches Paradox. Wer einen Onkel hat, weiss, was ich meine. Es ist nämlich immer der andere, der sagt: «Der Onkel Arthur ist furchtbar geizig.» Onkel Arthur aber würde es weit von sich weisen, dass er ein Geizhals ist.
«Lektüre ist auch ein Laster. Das ist wie Rauchen. Sehr schwer, sich das abzugewöhnen.»
«Leider oder Gott sei Dank war ich nie fähig, den guten Genossen zu spielen.»
«Hammerstein sagte, er wisse gar nicht, ob ein Attentat gegen Hitler sinnvoll sei.»
«Wäre ich eine Mimose, müsste ich das Schreiben sein lassen»: Autor Enzensberger, 78.
Hans Magnus Enzensberger
Der Unbefangene
Tritt man nach einem Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger wieder auf die Strasse, ist man eigentümlich beschwingt. Die ansteckende Heiterkeit dieses wohl grössten lebenden Intellektuellen deutscher Sprache lüftet den Kopf aus. Der 78-Jährige ist nicht fassbar, ein Gespräch mit ihm verläuft ähnlich wie die Fabel vom Hasen und vom Igel: Er ist immer schon da, wo man hinwollte. Und dann auch gleich wieder weg. Sein Werk lässt sich nicht fassen, es reicht von kommunistischem Agitprop («Verhör von Habana») über sensationelle Gedichte («Verteidigung der Wölfe»), einflussreiche Essays («Aussichten auf den Bürgerkrieg») bis zu einer Faktografie eines deutschen Generals («Hammerstein oder der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte. Suhrkamp, Fr. 39.40), die dieser Tage erschienen ist und sich blendend verkauft. Peter Rühmkorf hat Enzensberger mal den «Weltgeist auf Achse» genannt. Das trifft die Sache. Hier gibt sich einer ganz undeutsch, unbefangen, immer flink, immer treffend und aus seinen blauen Augen blitzt die Neugierde auf alles, was noch kommt. (pet)