Die Weltwoche

31.01.2002

Der Engel der Zornigen

Von Eugen Sorg

Ihre Polemiken sorgen für Aufruhr. Zu Besuch bei Arundhati Roy

Es war ein kleiner Skandal, ein absurder zudem, der sich letzten November im Ehrensaal der Pariser Sorbonne zutrug. Die Mitglieder der Académie Universelle, einer Art Rat globalen Geistesadels aus angesehensten Schriftstellern, Denkern, Forschern, waren aus allen Enden der Welt hergereist, um der Verleihung des Académie-Preises beizuwohnen. Diese Auszeichnung für Verdienste um «die Verteidigung der höchsten geistigen und moralischen Werte der Menschheit» ist vergleichbar mit einer säkularen Heiligsprechung und wird mit 500 000 französischen Francs honoriert. Sie war bisher erst einmal verliehen worden: im Jahre 2000 an den tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel. Nun war Arundhati Roy die Auserwählte, die indische Schriftstellerin, welche durch ihr Tropenepos «Der Gott der kleinen Dinge» zu Weltruhm gelangt war.

Als die schöne Orientalin ans Mikrofon trat und mit leiser und kindlicher Stimme zu sprechen anfing, wurde es immer stiller in der Halle. Arundhati Roy bedankte sich nicht etwa für die grosse Ehre, die ihr zuteil wurde, sondern sie bat die Anwesenden, gegen den potenziellen Völkermord in Afghanistan zu protestieren und sich für die Beendigung der amerikanischen Bombardements einzusetzen. Nach ihrer kurzen Ansprache erhob sich Elie Wiesel. Die versammelten Weisen wagten nicht mehr zu atmen, als der Friedensnobelpreisträger und Präsident der Académie der Frau den Mangel jener Qualitäten vorwarf, für die sie soeben gekrönt worden war.

Was sie kurz nach den Terroranschlägen in den USA, nach der Katastrophe vom 11. September in Zeitungsartikeln geschrieben habe, tadelte er, habe wehgetan. Sie könne sich nicht vorstellen, welche Traurigkeit über New York gelegen habe. Die Leute hätten nicht mehr lachen und nicht mehr singen können. Jemand mit ihrem Talent, in einer Situation, wo die ganze Welt trauert, hätte doch ein paar Worte finden müssen. Sie solle ein wenig Mitleid haben, nicht nur mit den Opfern in Afghanistan, sondern auch mit denjenigen Familien, die ihre Liebsten in den beiden Türmen verloren hätten. Dramatisch sei es, doppelte der albanische Romancier Ismaïl Kadaré gleich darauf nach, jemanden zu sehen, der nur für die afghanischen Opfer ein trauriges Gesicht aufsetze. Dies sei umgekehrter Rassismus.

Die Feier war gründlich verdorben. Arundhati Roy sass noch ihre Pflichtzeit ab, um sich dann umgehend in ihr Hotel zurückzuziehen. Vorbei an den vergeblich wartenden Journalisten, an den Nobelpreisträgern und Geistesnotabeln, an Jorge Semprun, an Umberto Eco, wobei Letzterer zur Direktorin des Verlagshauses Gallimard bemerkt haben soll, diese ganze Sache sei wie ein John-Wayne-Film gewesen.

Zwei Monate nach dem Showdown in der Sorbonne empfängt mich Arundhati Roy in ihrer Wohnung in Delhi. Die 41-Jährige wirkt jugendlich, herzlich, unkompliziert. Ihre Rede gleicht eher einer szenischen Vorführung als einem Diskussionsbeitrag. Sie schlüpft in verschiedene Rollen, passt Mimik und Stimme der Argumentation an, ist die warmherzige Freundin des einfachen Volkes, verwandelt sich in die sarkastische Spötterin, in die wehrlose, verletzte Frau, in die kalte Propagandaministerin, die melancholische Warnerin, das unschuldig staunende Mädchen. Fasziniert vom Spiel und ihren starken Sprachbildern gerät man in Gefahr zu vergessen, was man eigentlich gefragt hat, und zu überhören, wo sie der Frage ausweicht, wo sie unlogisch argumentiert oder wo sie schrecklich übertreibt. Sie hat die Gabe, eine Geschichte spannend zu erzählen.

«Erinnern Sie sich, was Elie Wiesel in der Sorbonne zu Ihnen sagte?»

«Er sagte, wie könne eine Schriftstellerin wie ich den Schmerz Amerikas nicht fühlen. Die Leute in New York hätten Angst, würden nicht mehr lächeln, nicht mehr in Flugzeuge steigen.» «Die Kritik kam nicht von irgendeinem Mann von der Strasse, und die Situation war eine aussergewöhnliche, vergleichbar mit einer Nobelpreisverleihung. Wie fühlten Sie sich dabei?»

«Ich weiss nicht, vielleicht irre ich mich, aber ich nehme diese Dinge nicht so ernst. Ich sage mir, okay, ich gehe in die Sorbonne, aber das heisst nicht, dass dies wichtiger ist als sonst ein Treffen mit anderen Leuten. Ich dachte, dass es ein wenig sonderbar ist (lacht), dass ein Friedensnobelpreisträger dafür eintritt, dass gegen ein armes und verwüstetes Land Krieg geführt wird.»

Zusammen mit ihrer geschiedenen, kämpferischen Mutter, die eine eigene Schule gründete, und einem Bruder wuchs Arundhati Roy in einem Flecken im südindischen Kerala auf. Schon als Jugendliche verliess sie Dorf und Familie, zog in die Grossstadt Delhi, begann später ein Architekturstudium, das sie nie abschloss, unterrichtete zwischendurch Aerobics und verkaufte Schokoladeplätzchen an den Stränden von Goa, heiratete den Filmregisseur Pradip Krishen und schrieb zwei Filmdrehbücher, von denen das erste gleich eine nationale Auszeichnung gewann.

Mitte der neunziger Jahre provozierte sie erstmals eine öffentliche Debatte. Sie initiierte eine Klage gegen die Produzenten eines Filmes über die legendäre Banditin Phoolan Devi. Diese hätten die Lebensgeschichte der soeben aus dem Gefängnis entlassenen, analphabetischen mehrfachen Rachemörderin (und späteren Parlamentsabgeordneten, die letztes Jahr ermordet wurde) schamlos ausgebeutet. Über den Fall schrieb sie zusätzlich eine scharfe Polemik, «The Great Indian Rape Trick», die landesweit zitiert wurde.

1997 erschien ihr Buch «Der Gott der kleinen Dinge». Der Roman, bis heute ihr einziger, handelt vom tragischen Niedergang einer Familie in Kerala. Die bildhafte Intensität, die fiebrige Luzidität und der eigentümliche, fast magnetische Sog der Erzählung schlug die Leserschaft in den Bann. Er wurde der meistverkaufte Roman der indischen Literaturgeschichte, ein in vierzig Sprachen übersetzter Weltbestseller, und erstmals wurde mit ihm ein Werk aus Indien mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet. Die Autorin tourte um die Welt, schüttelte Hände von Premierministern, dinierte unter Kristalllüstern, lächelte in Talkshows, wurde von einem amerikanischen Magazin zu den fünfzig schönsten Menschen dieser Erde gezählt, bestritt Literatursymposien, und wo sie hinschaute, blickte sie in Kameras und verzückte Leseraugen. Die südindische Beauty war ein Popstar geworden.

«Was denken Sie, weshalb Wiesel das gesagt hat, was er gesagt hat?»

«Nun, er kommt aus dem Herzen Amerikas. Und in Amerika sagt jedermann das, was er sagt. Und ich sage immer, in Amerika ist jedermann das Produkt der Informationen, die er bekommt. Und die Informationen, die sie bekommen, sind zensuriert und absolut verzerrt und erzählen etwas anderes als das, was der Rest der Welt denkt.»

«Sie glauben also, Wiesel leide irgendwie unter einer Gehirnwäsche oder sei zumindest falsch informiert?»

«Ich weiss nicht viel über Wiesel, aber ich weiss, dass er einfach die offizielle Meinung Amerikas wiederholte. Und das amerikanische Volk, das diese Meinung vertritt, ist einer Art Gehirnwäsche unterzogen worden.»

Nach einem Jahr hatte sie genug vom Rummel, und sie fand eine neue Aufgabe als politische Publizistin. Indien feierte 1998 die erfolgreiche Zündung der ersten selbst fabrizierten Atombombe. Roy antwortete mit dem fulminanten Anti-Atom-Essay «The End of Imagination». Und im folgenden Jahr verfasste sie «The Greater Common Good», wieder einen Aufsatz, diesmal gegen das gigantische Dammbauprojekt im Narmada-Tal in Zentralindien. Die Texte erregten in Indien einiges Aufsehen.

Sie waren ultrapolemisch geschrieben, und sie skandalisierten empfindliche Bereiche des Nationalstolzes der einstigen Kronkolonie Englands: die militärische und die ökonomisch-technologische Potenz. Roy unterstellte der Regierung Megalomanie und rechnete auf, dass der Grossdammbauerei in den letzten fünfzig Jahren mindestens 33 Millionen Menschen geopfert worden seien – von ihrem Land vertriebene, meist analphabetische Bauern und Ureinwohner, die als Taglöhner oder Bettler in den Slumgürteln der Grossstädte gestrandet seien. Profitiert von diesen ökologischen Zeitbomben hätten lediglich Grossgrundbesitzer, Regierungsleute und die westlichen Investoren. «Ich fühle mich, als wäre ich über ein Massengrab gestolpert», schrieb sie pathetisch.

«Nach Wiesel trat noch Ismaïl Kadaré auf. Erinnern Sie sich?»

«Wer?» Roy schaut fragend und scheint sich weder zu erinnern noch ihn zu kennen.

«Kadaré, der albanische, in Frankreich lebende Romancier. Er sprach vom umgekehrten Rassismus, meinte noch, dass die Europäer in ihrer Geschichte ebenfalls sehr gelitten hätten, und erwähnte dabei die Millionen von Toten unter Hitler und unter dem Kommunismus. Dies kann man nicht als die ?offizielle Meinung Amerikas? bezeichnen, ebenso sagte niemand, los, lass uns Afghanistan bombardieren.»

«Nein, nein, dies würde auch niemand so sagen.»

Sie spendete ihr Booker-Preisgeld der Anti-dammbewegung im Narmada-Tal, zeigte sich an Demonstrationen, wurde wegen Missachtung des Gerichts angeklagt und muss nun mit einer Gefängnisstrafe von bis zu sechs Monaten rechnen. Sie hatte ein Urteil des Obersten Gerichtshofes bezüglich des Dammprojekts kritisiert. Dank all dieser Meriten nahm die Verehrung ihrer Anhänger Formen an, als wäre sie eine grüne Reinkarnation von Lady Di, und auch die europäischen und amerikanischen Anti-Globalisierer stemmten sie in den Rang einer Ikone.

Gleichzeitig schuf sie sich eine solide Gegnerschaft im eigenen Land. Diese besteht jedoch nicht nur aus gekränkten Richtern, neidischen Berufskollegen und chauvinistischen Technikgläubigen. Der angesehene Umwelthistoriker Ramachandra Guha beispielsweise schrieb, «Analyse» sei wohl «nicht die Stärke» von Roy. Er machte in ihren Essays eine «manichäistische Weltsicht» aus, eine krude «Dämonologie», gar einen «schrillen, herrischen Ton», und warf ihr vor, statt Lösungen «nur Wut und nochmals Wut» zu liefern. Andere charakterisierten Roys Prosa als «verrücktes Wettern», als «verbalen Mischmasch aus mystischem Umweltismus, Anti-Fortschritts-Rhetorik und Small-is-beautiful-Grübeleien», als «wirres Zeugs».

Tatsächlich wirkt es überdreht, wenn sie zum Beispiel im Anti-Atom-Essay deklamiert: «Kolonialismus, Apartheid, ethnische Säuberung, biologische Kriegsführung, chemische Waffen, sie (der Westen) haben all dies erfunden.» Und ihre antiwestliche, antiamerikanische Tirade kippt unfreiwillig ins Komische, gerät zu Gonzo-Poesie, wenn sie über die Atombombe schreibt: «Sie ist der ultimative Kolonisator, weisser als jeder Weisse, der je gelebt hat, das Herz der Weissheit.» Dieselbe polemische Stossrichtung hatten ihre Aufsätze zum 11. September und zum Afghanistankrieg. Sie erschienen in einer ganzen Anzahl europäischer Zeitungen (Le Monde, Il Mundo, The Guardian, Die Weltwoche u. a.), während alle wichtigen US-Zeitungen deren Publikation verweigerten.

«In Ihrem ersten Afghanistan-Essay, der erschien (5. Oktober u. a. in der Frankfurter Rundschau), als die Trümmer des World Trade Center noch heiss waren und rauchten, und dessen Aussagen den Unmut Elie Wiesels erregt hatten, schrieben Sie, dass die Terrorkommandos das Resultat der amerikanischen Politik seien.»

«Das sage ich nicht. Ich sagte, dass die Wurzeln in der Politik lägen, dass die amerikanische Aussenpolitik eine verwüstete Welt hervorgebracht habe und dass daraus Hass entstehe.»

«Das kommt auf dasselbe heraus. Sie schreiben auch, dass Bin Laden Amerikas Familiengeheimnis sei, dass er Bushs dunkler Doppelgänger, dessen Zwilling sei.»

«Jeder hat einen Zwilling. Das heisst nicht, dass sie verantwortlich füreinander sind. Aber sie wachsen zusammen auf. Das ist wie mit der Globalisierung. Auf der einen Seite sind die glitzernden Vorteile, auf der anderen Seite die deswegen verheerte Welt. Auf der einen Seite die Macht, auf der anderen die entwurzelten Barfüsser. Schauen Sie nach Indien. Hier wird privatisiert, an die Multis verkauft, und während die eine Hand die Nation verhökert, die Traditionen verscherbelt und Identitäten auslöscht, orchestriert die andere, um davon abzulenken, einen grossen, heulenden Chorgesang von kulturellem Nationalismus, Hindufundamentalismus und aggressivem Indertum. Es wäre faszinierend zu sehen, wie die unerbittliche Rücksichtslosigkeit des einen Prozesses mit dem nackten, rohen Terrorismus des anderen korrespondiert.»

«Die Ursache von religiösem Fanatismus, nationalistischem Backlash, Terror, Umweltzerstörung, Hunger, Krieg ist also die Globalisierung. Diese Erklärung ist etwas simpel.»

«Sie ist eine der Ursachen.»

«Laut Ihnen aber die Hauptursache. Und Amerika das Herz des Bösen.»

«Die Globalisierung durch die grossen Firmen geht von Amerika aus. Die Welt wird von den USA dominiert. Wenn Amerika befiehlt: Spring!, dann muss die ganze Welt springen. Auch Europa. Wenn Blair eine Rede halten will, sagt Bush: Zeig mir den Text. Und er wird die Rede bewilligen oder auch nicht. Und es wird sehr schwierig werden für die Leute, mit einer Plastiktüte über dem Kopf und diesem Verlust der Würde zu leben.»

«Lassen Sie uns nochmals von Bin Laden und Bush, den angeblichen Zwillingen, reden. Beide sind sehr reich. Aber das ist schon alles. Der eine ist der Kopf einer kleinen, kranken, obskuren Killerkongregation. Der andere ist der von seinem Volk gewählte Präsident einer Demokratie…»

«Das glauben Sie?» (Roy lacht kurz, aber laut.)

«…der dafür verantwortlich ist, dieses Volk zu schützen. Und nun wurde diese Nation angegriffen, und er musste handeln.»

«Aber wie? Indem man das ärmste Land der Welt bombardiert?»

«Die Verantwortlichen sassen dort. Deren Höhlen und Stellungen wurden angegriffen. Was hätten die Amerikaner sonst tun können? Beten und warten, bis der nächste Anschlag kommt?»

«Sie hätten es wie ein Verbrechen behandeln sollen. Also sich Zeit nehmen und Beweise für die Täterschaft suchen, so dass die Welt spürt, okay, sie versuchen es ernsthaft, und dann diese Beweise der Uno vorlegen. Das indische Parlament wurde von muslimischen Selbstmordattentätern angegriffen. Hier gab es viele, die forderten, Pakistan zu bombardieren, weil die Extremisten dort ihre Basis haben. Warum aber sagte Bush, Indien dürfe dies nicht tun? Obwohl er genau dies in Afghanistan tat? Es geht eben nicht um Freiheit oder Gerechtigkeit, es geht um Macht. Amerika hat das meiste Geld, die meisten Waffen, und darum sagt es uns, was wir zu tun haben.»

«Das Resultat weniger Wochen gezielter Bombardierung war, dass das unsägliche Talibanregime verschwand, die meisten Söldner entwaffnet waren, keine weiteren Attentate mehr passierten und der Friede zurückkehrte.»

«Das mit dem Frieden glauben Sie?»

«Verglichen mit dem Krieg.»

«Verglichen mit dem Krieg (lacht, kurz und laut), oh Gott.»

«Verglichen mit 23 Jahren Krieg, ja.»

«Es herrscht kein Friede in Afghanistan, und es wird keiner herrschen. Aber sogar wenn wider alle Erwartungen so etwas wie Friede einkehren sollte, weil die Augen der Welt dorthin gerichtet sind (ich hoffe zutiefst, dass dies geschieht), dann wäre es sehr, sehr gefährlich, diesen Krieg im Rückblick zu rechtfertigen.»

«Was nicht sein darf, gibt es nicht…»

«Es würde Gewalt respektabel machen. Und es würde Vorwände liefern für jeden künftigen Krieg.»

«Gibt es einen Bruch zwischen Ihrem Roman und den Essays?»

«Nicht grundsätzlich, beiden liegt dieselbe Philosophie zugrunde. Entscheidend im Leben eines Menschen ist sein Verhältnis zur Macht. Entweder du richtest es dir mit der Macht bequem ein, oder du stellst dich ihr entgegen. Ich bin fundamental gegen Herrschaft eingestellt. Ich werde nie die Konzentration von Macht akzeptieren, sei dies politisch, ökonomisch, kulturell oder sei dies in Form eines mächtigen Wasserreservoirs, das jemand besitzt, der dann entscheiden kann, wer wie viel davon erhält.»

«Einige gaben Ihnen den maliziösen Rat, Sie sollten doch lieber wieder das tun, was Sie wirklich können: Romane schreiben.»

«Vielleicht sollte ich jetzt für eine Weile den Mund halten und andere weiterkämpfen lassen. Vielleicht sollte ich mich wirklich wieder hinsetzen und Gedichte schreiben, die niemandem wehtun (lacht).»

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