Die Weltwoche
20.12.2007
«Du musst immer wieder aufstehn»
Von Eugen Sorg
Vor 36 Jahren boxte Jürgen Blin im Zürcher Hallenstadion gegen Muhammad Ali. Für den Hamburger Lokalmatador und gelernten Fleischermeister war es der Kampf seines Lebens. Danach wurde es bald wieder still um ihn.
Weltwoche: Herr Blin, wissen Sie das Datum noch, an dem Sie in Zürich gegen Ali gekämpft haben?
Blin: Klar. Freitag, 26. Dezember 1971. Ich kann Ihnen jeden Kampf aufzählen, wenn Sie das wollen.
Wie viele Runden dauerte der Fight?
Sieben Runden.
Und wie …?
Ich hatte keine Chance, das muss ich ganz klar sagen, das habe ich genau gemerkt. Ich habe mich wahnsinnig ausgepowert, ich bin das Tempo zu schnell angegangen und bei der siebten Runde ziemlich ausser Atem gewesen. Und dann kam das Ding. Der Ali ist ja nicht einer, der dich ausknockt, das macht der nicht, der zermürbt dich. Gut, einige fallen um, aber ich bin nicht so schnell umgefallen.
Er war grösser, er war schwerer …
… er war boxerisch besser, das kann man nicht vergleichen.
Aber Sie waren schnell.
Ich war auch hart und konnte auch was nehmen und habe auch gegengehalten. Aber das war zu viel. Mein Nachteil war, dass ich im Grunde kein Schwergewichtler war. Ich war zu klein und zu leicht. Das ist nun mal so: Wenn du Weltmeister wirst, dann hast du die richtige Grösse, das richtige Gewicht, dann kannst du boxerisch mithalten, dann bist du fleissig und hast Talent. So einer war Ali. Er war aussergewöhnlich, er war um Klassen besser, da brauchen wir uns gar nichts vorzumachen.
Können Sie sich noch an den Treffer erinnern, bei dem Sie k.o. gingen?
Offiziell bin ich k.o. gegangen, aber ich war gar nicht k.o., das kann ich Ihnen jetzt ja ruhig erzählen. Ich war zwar bis drei unten, aber ich hätte weiterboxen können. Nur wäre ich dann wahrscheinlich richtig k.o. gegangen, weil ich kaputt war, weil ich sieben Runden zu hohes Tempo gegangen bin. Ich habe das Ding noch gemerkt. Das ist ja verschieden. Einer kriegt einen an den Kopf, und er ist besinnungslos und weg und kann sich nachher an nichts mehr erinnern. Bei mir haute das Ding im Kinn rein, zog so richtig durch das Bein durch und ging unten wieder raus. Ich hätte gleich wieder stehen können. Aber ich sagte mir, jetzt steigst du aus, es hat keinen Zweck mehr. So war das damals.
War dies Ihr erster offizieller K.o.?
Ich bin an sich nie so richtig k.o. gegangen, nie. Gegen Ali, na gut, ein wenig. Und gegen Bugner habe ich 1973 in London den Europameistertitel verteidigt, war auch so ein Mordskerl, 110 Kilo, ein Brocken, auf jeden Fall da bin ich k.o. gegangen, achte Runde, dies waren die einzigen K.o.s, sonst bin ich nie zu Boden gegangen. Ich war so ein Fighter, das glaubst du gar nicht.
Haben Sie mit Ali gesprochen und ihn persönlich kennengelernt?
Ich habe ihn schon vorher kennengelernt, in New York auf der Pressekonferenz, wo der Kampf in Zürich angekündigt wurde.
Was war er für ein Typ?
Einmalig. Auch sportlich. Das kann man gar nicht sagen. Selbst im Kampf – der wusste ja, dass ich ihm nicht gefährlich werden konnte, der hat nur mit mir gespielt, ehrlich, davon bin ich überzeugt.
Was haben Sie nach dem Kampf in Zürich gemacht?
Ich bin am Montag wieder zur Arbeit als Schlachtermeister in einer grossen Fleischerei in Hamburg gegangen. Wie immer. Freitags war der Boxkampf, montags fuhren wir zur Arbeit. Vor den grossen Kämpfen habe ich halbtags gearbeitet, und vor dem Kampf gegen Ali habe ich vier Wochen unbezahlten Urlaub genommen.
Können Sie sich an den Schweizer Veranstalter erinnern?
Klar, der Jaggi, ein grosser Mann in der Musikszene.
Wie viel Geld haben Sie von ihm bekommen?
180 000 DM, viel Geld damals.
Was haben Sie damit gemacht?
Ich bin ein sparsamer Typ, ich habe immer nur gebaut. In meiner Boxzeit habe ich sechs Häuser gebaut. Ich bin immer auf dem Teppich geblieben. Nach dem Kampf gross feiern und so, das gab es bei mir nicht.
Wie ging es sportlich weiter nach dem Ali-Fight?
1972 holte ich in Madrid den Europameister gegen José Manuel Urtain, einen Spanier, den ich schon 1970 in Barcelona geboxt hatte. Er hatte alles mit K.o. gewonnen, alle dreissig Kämpfe. Im ersten Kampf in Barcelona habe ich nach Punkten verloren, aber ich sage Ihnen, damals habe ich klarer gewonnen als im zweiten Kampf. Ich habe besser geboxt als in Madrid. Dort, wo ich Europameister wurde, war ich gar nicht so gut.
Wie lange haben Sie noch weitergeboxt?
Ich habe wie gesagt 1973 den Titel in London verteidigt gegen Bugner, und habe ihn verloren, und dann noch einen oder zwei Kämpfe, und dann war Schluss.
Sie waren erst dreissig, warum haben Sie aufgehört?
Als ich es geschafft hatte und Europameister wurde und hätte Geld verdienen können, da war ich kaputt, da war ich am Ende. Ich hatte alles geboxt, ob das Deutsche waren, Amerikaner, ob Ali, Johnson, Urtain, aber wie ich dann diesen Titel hatte, hatte ich komischerweise sofort keinen Appetit mehr und kriegte das Nervenflattern. Wenn ich die Bilder von damals heute anschaue, kann ich nicht glauben, was ich sehe. Ich war wie besessen, ich marschierte wie ein Verrückter über 15 Runden gegen Leute, die einen Kopf grösser waren als ich, und ich brauchte auch immer mehrere Anläufe, um weiterzukommen. Aber das geht in den Körper, das ist ein Verschleiss, und mit dreissig war ich verbraucht, und ich musste Tabletten nehmen und mich beruhigen, und danach habe ich mit Boxen aufgehört.
Woher kam der Antrieb zum Kämpfen?
Ich wollte mit aller Gewalt raus aus dem Dreck. Ich bin oben in der Gegend von Flensburg geboren. Mein Vater war Melkermeister und Alkoholiker. Immer wenn er Krach mit den Bauern bekam, mussten wir weiterziehen, und darum habe ich sechs Mal die Schule gewechselt, schlimm war das. Immer kamst du wieder in eine neue Klasse, wo du keinen kanntest.
Was haben die Eltern gesagt?
Wir waren arm, zu Hause gab es keine Liebe, nur Prügel für die Mutter und morgens um vier den Melkschemmel ins Kreuz. Raus, sagte der Vater, betrunken, wir müssen die Kühe melken, und anschliessend ging’s in die Schule, und du kommst rein und stinkst nach Kuhscheisse, und dann sagen die anderen, setz dich alleine dort hinten hin. Immer warst du alleine, und ich bin oft in den Wald gelaufen und habe geheult.
Wie ging es weiter?
Nach Abschluss der Hauptschule bin ich mit vierzehn von zu Hause weggelaufen, ich war so verbittert und wütend, kam zum ersten Mal nach Hamburg und bin als Schiffsjunge zur See gefahren. Ich habe ein Schiff gekriegt, ein grosses, 150 000 Tonnen Erzladung, ich als Messejunge, ich habe den Offizieren die Betten gemacht, Messing geputzt, für 100 DM, und ich habe drei Reisen gemacht, das können Sie nachlesen, das ist nicht gelogen. Dreimal fuhr ich nach Monrovia mit dem Schiff, zurück nach Rotterdam, Erz abgeladen, dann nach Neufundland, nach Norwegen hoch, nach Kanada, und dann zurück nach Hamburg, wo das Schiff überholt wurde und ich abmusterte.
Wie kamen Sie zum Boxen?
Zuerst lernte ich in Hamburg einen Fleischer kennen. Das war mein Glück. Er meinte, eine Fleischerlehre wäre etwas für mich und ich könnte auch bei ihm wohnen. Er unterstützte mich und führte mich und sagte, was denkst du denn, so ist es nun mal, es ist nicht einfach. Gegenüber der Fleischerei war ein Boxverein, da ging ich hin und habe das Boxen angefangen, nebenbei, Lehrstelle und Boxen. Ab da ging es aufwärts. Ich merkte, Mensch, du kannst ja auch was, ich machte die Gesellenprüfung, und dann war die Olympia-Ausscheidung für Tokio, 1964, und ich habe in Schwerin den DDR-Mann geschlagen. Zwar verlor ich die Fahrkarte nach Tokio gegen Huber, der dann den Silbergurt gegen Frazier holte, aber danach bin ich Profi geworden. Wie ein Besessener wollte ich raus aus dem Dreck.
Was haben Sie nach dem Rücktritt gemacht?
1974 habe ich einen Imbiss eröffnet. Zuerst bei der U-Bahn und etwas später hier im Hauptbahnhof.
Warum haben Sie als Fleischer keine Metzgerei aufgetan?
Weil ich dachte, ein Imbiss liegt mir besser, hat ja auch mit Fleisch und Wurst zu tun, und eine Metzgerei war nicht so mein Ding.
Andere Boxer, wie Norbert Grupe zum Beispiel, landeten nach Ende der Karriere oft ganz unten. Wie ging es bei Ihnen weiter?
Der Grupe war für mich ein ganz Grosser. Der konnte boxen, der konnte hauen, der konnte nehmen. Der hat sich verkauft und kaputtgemacht durch Drogen, Haschisch, St. Pauli. Ich habe ihn auch geboxt, in Köln, 1969. Ich habe nach Punkten gewonnen, nachdem ich ihn sechsmal am Boden gehabt hatte und er immer wieder aufgestanden war. So was geht in die Knochen, der hat sich verschlissen.
Sie hinken beim Gehen ein wenig. Wie geht es Ihrer Gesundheit?
Ich bin fit wie ein Turnschuh, ich laufe dreimal die Woche sieben Kilometer. Nur die Kreuzbänder bei den Hüften schmerzen momentan beim Laufen ein wenig. Aber das ist beinahe schon wieder weg. Seit vier Wochen bin ich beim Chiropraktiker. Der versucht das einzurenken, einmal links, zack, einmal rechts, zack, und dann ist schon besser.
Und wie läuft das Geschäft hier im Bahnhofsuntergeschoss? Der Imbiss ist ja nicht so gross, etwa die Grösse eines Boxrings.
Früher, vor sechs Jahren, war er grösser, Theke und Imbiss, dann haben wir ein bisschen umgebaut und modernisiert.
Hatten Sie immer diesen einzigen Imbiss?
Nein, früher hatte ich fünf, sechs Läden, die liefen gut. Dann kam 1992 die Scheidung von meiner Frau, und ich sagte, wir machen das so, du kriegst den Laden, und ich nehme diesen Laden, dann machen wir einen Vertrag, und du nimmst die drei Jungs mit rein, und die Sache ist durch. Wir haben drei Jungs, der älteste ist 41, und die Zwillinge sind 39, wobei der eine davon, Knut, vor drei Jahren gestorben ist. Alles lief bestens, dann haben sie noch ein Bierlokal dazugenommen, einen Riesenladen, der lief bombig, dann haben sie noch einen genommen, und das ging so zwei, drei Jahre, und dann kam meine Frau zu mir und sagte, unterschreib da, ich muss was umbuchen, und weil ich etwas dusselig bin, lese ich nicht durch, was sie mir vorlegt. Fünf Jahre später kommt ein Gläubiger und sagt, du musst mir zwei Millionen geben, deine Jungs sind pleite. Ich bin ein sparsamer Mensch, ich hätte so schön leben können, und alles, was ich mein Leben lang gespart habe, ist weg. Ich habe mein ganzes Geld verloren.
Warum?
Weil ich für die Kinder gebürgt habe, weil ich diese Scheissbürgschaft unterschrieben habe, ohne hinzuschauen. Ich bin nicht der Schlaueste, aber ich bin auch nicht dumm, höchstens etwas gutgläubig und naiv, mit einem guten Berater wäre mir das nicht passiert. Die Frau ist für mich gestorben, ich rede nur noch via Anwalt mit ihr. Was sie mir da eingebrockt hat, ist so was von link, dafür müsste ich mich erschiessen, dass ich mal ihr Mann war, wir waren dreissig Jahre verheiratet, das muss man sich vorstellen, dann brockt sie mir das ein, sie war so verbittert und verbiestert, wahrscheinlich weil wir uns getrennt haben, was weiss ich.
Das ist ein Schlag, ein harter Schlag des Lebens.
Das mit meinem Knut hat mir auch sehr weh getan. Gerade Knut, mein Sohn, weil er so nach meiner Art kam, noch ehrgeiziger, noch besser als ich sogar. Wäre er gesund geblieben, wäre aus ihm ein Grosser geworden. Aber das steckt ja von Kindheit an in einem drin, das war psychisch, er war depressiv. Er hatte zehn Kämpfe als Profiboxer gemacht, Fliegengewicht, zehnmal durch K.o. gewonnen, war Deutscher Meister, und dann ging es los mit den Psychosen. Da kannst du machen, was du willst, es nützt nichts, es ist unheilbar. Sechzehn Jahre hat er sich damit herumgequält, bis er dann Selbstmord gemacht hat.
Wie haben Sie all das durchgestanden?
Ich musste schon früh alleine klarkommen, ohne Eltern. Die Willensstärke, das ist das Entscheidende, das war mein Trumpf, auch heute noch. Ich habe alles Geld verloren, aber ich muss damit leben, und das ist jetzt ausgeglichen, weil ich konstant bin, ich mache weiter, immer weiter, jetzt bin ich damit durch, und seit zwei Jahren geht es wieder steil nach oben. Die beiden Jungs machen das Hofbräuhaus hier in Hamburg, toller Laden, tausend Plätze, Donnerstag, Freitag und Sonnabend Live-Musik, immer brechend voll. Superladen, da müssen Sie mal hingehen.
Wohin fahren Sie in den Urlaub?
Meistens nach Spanien. Da war ich schon dreissig Mal. Ich war auch schon mal in der Türkei, aber ich fahre ohnehin nur immer für eine Woche. Das reicht mir, und dann stehe ich wieder im Laden. Es gibt keinen Tag, wo Sie mich hier nicht sehen. Sonnabend und Sonntag bin ich alleine, von sieben Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts, an den anderen Tagen kommt um dreizehn Uhr die Schicht.
Haben Sie Ali wieder einmal getroffen?
Wenn er in Deutschland war, hat er mich eingeladen. Und seine Tochter hat hier letztes Jahr in Berlin geboxt, da war er auch dabei und hat mich eingeladen. Aber er ist schon am Boden und kaputt, wenn ich das mit mir vergleiche.
Im Januar dieses Jahres hat Sie der ARD-Box-Moderator Waldemar Hartmann vor sieben Millionen Zuschauern irrtümlicherweise für tot erklärt. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?
Der Hartmann ist ein Spinner, das muss ich sagen. Seine Entschuldigung, die er mir angeboten hat, war ganz schön blamabel. Er hat mich eingeladen nach Rostock mit meiner zweiten Frau an eine Boxveranstaltung und hat sich dann kurz und nebenbei entschuldigt, mehr nicht. Schlimm.
Was hat Sie das Boxen gelehrt?
Du kannst ruhig umfallen, aber du musst immer wieder aufstehen. Anders geht’s nicht.
Jürgen Blin, 64, ist Inhaber und Betreiber der «Bier- und Snackbar» im Hamburger Hauptbahnhof.