Die Weltwoche

07.06.2007

Globalisierung

Jesus-Komplex

Von Eugen Sorg

Der Rocksänger Bono hat seine Bühne sukzessive auf die ganze Welt ausgeweitet. Alle sind sein Publikum in der grossen Weltrettungsshow.Ob Präsident oder einfacher Mann.

Obwohl die Moderatorin und ehemalige Stewardess der Lufthansa Sabine Christiansen wie gewohnt ihren einschläfernden, bebrillten Charme einsetzte, der noch den heftigsten Politstreit in einen unverbindlichen Kabinensmalltalk verwandelt, gelang die Herabnüchterung diesmal nicht ganz. Die sonntägliche Talkrunde zum diesjährigen G-8-Gipfel in Heiligendamm war nicht unattraktiv besetzt. Anwesend waren unter anderem: der fesche und eiskalte Karl-Heinz Grasser, ehemaliger Finanzminister Österreichs und jetziger Investment-Manager; Gregor Gysi, begabter und wendiger Linksschwadronierer; Muhammad Yunus, ganz in Weiss gekleideter Banker der Armen und diesjähriger Friedensnobelpreisträger. Zudem wurde das Diskussionsthema emotional stimuliert durch Ausschreitungen in Rostock, wo sich zur selben Zeit rabiate Globalisierungsgegner und Polizei wüste Keilereien lieferten. Der Höhepunkt des Fernsehtalks war jedoch ein Auftritt des Popsängers und Armutsaktivisten Bono respektive eine auf Video aufgezeichnete Botschaft desselben.

Er schalt darin das Verhalten der Mächtigen der G-8, die Versprechen gegenüber den Armen nicht einzuhalten, als «das Ekelhafteste» überhaupt; er äusserte Verständnis für die Wut der Demonstranten, mahnte aber zur Friedfertigkeit: «Deine Stimme gegen die Armut, nicht deine Faust»; er lobte die deutsche Bundeskanzlerin, die soeben eine Erhöhung der Afrikahilfe um 750 Millionen Euro bekanntgegeben hatte ­ «eine weise Frau», eine «tödliche Waffe» gegen das Elend ­, merkte aber an, dies sei allerdings zu wenig, falls es sich um die gesamte Entwicklungshilfe handle. Doch er hoffe, schloss er, «ich kann das am Mittwoch mit ihr klären». Der Frontmann der irischen Rockcombo U2 tadelt die Grossen oder beglückwünscht sie, als wäre er deren bald erzürnter, bald gütiger Vater, und er predigt zu den Völkern, als wäre er deren Hirte, die seiner Führung bedürften. Und wie immer, wenn Bono von Einflussreichen oder Mächtigen oder Edelprominenten empfangen wird, werden die Gastgeber zum Publikum, allenfalls zu Statisten degradiert.

Wie vor acht Jahren, als der Gesangskünstler dem damaligen Papst Johannes Paul II. die Idee eines Schuldenerlasses für die verarmten Länder nahelegte. Und diesem gleichzeitig zum Schuhwerk gratulierte: Der Heilige Vater trug rote Slipper. Die ganze Welt schrieb über Bonos Bemerkung. Die Slipper stammten aus seiner «Red Collection», einer Produktereihe aus roten Schuhen, Handys, Brillen, Kreditkarten, deren Gewinne in Hilfsprojekte in bedürftigen Ländern fliessen sollten. Oder als er eine Audienz beim englischen Premier hatte, lauteten die Titelzeilen am Tag danach: «Bono und Blair gegen Aids in Afrika». Wen er auch traf, ob Präsident George W.Bush, Schriftsteller Salman Rushdie, den Dalai Lama, Nelson Mandela, das Hauptereignis war er selbst, der Gutrocker mit der Sonnenbrille.

Er hat das Charitainment, die Kombination von Wohltätigkeit mit Popunterhaltung, nicht erfunden. Bereits 1971 spielte der Ex-Beatle George Harrison an zwei Benefizkonzerten für Kriegsflüchtlinge in Bangladesch auf. Bono hat seine Bühne sukzessive auf die ganze Welt ausgeweitet. Alle sind sein Publikum in der grossen Weltrettungsshow.

Gänsehaut und Weltfrieden

Schon in der Frühepoche der Karriere von Bono, 1960 in Dublin geboren als Paul David Hewson, war der Drang zu Höherem, zur Transzendenz, spürbar. Nicht nur seine legendären Sprünge ins Publikum zeugten davon oder die halsbrecherischen Klettereien des 1,68m kleinen Künstlers in den Bühnenverstrebungen. Die Grundierung der Musik selber war hymnisch, mythendurchwabert, mit Ahnungen aufgeladen. Kaum jemals blieb sie auf dem Boden des soliden, dreckigen Rocks, immer stand sie vor dem Abheben ins Pathetische, vor der spirituellen Produktion von Gänsehaut und Weltfrieden.

Es war folgerichtig, dass Bono seine Bühne sukzessive ausweitete, vom Klubraum ins Stadion und von dort über die ganze Welt. Das Publikum wurde dadurch nicht anders, nur grösser, sein Job blieb derselbe. Er muss das Auditorium mit seinem Auftritt überzeugen, mitreissen, egal, ob Lehrtochter oder Global Player. Er wirbt für eine neue Weltordnung, als wäre diese so einfach zu haben wie der Text für einen neuen Song; und er fordert einen Marshall-Plan für Afrika, Einwände, dass in den letzten Jahrzehnten 600 Milliarden Dollar Entwicklungsgelder ohne jede Spur verschwunden seien, elegant übergehend wie eine falsch gespielte Note. Halb Messias, halb Clown, verschmelzen in ihm Pop und Staatsgeschäfte, Showbusiness und Erlösung zu einem moralisch-glamourösen Schaubudenstück. Die G-8-Oberhäupter werden es nicht verpassen, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Den Politikern garantiert er Rampenlicht und Parolen, für die sie geliebt werden, weil sie niemandem weh tun; uns Übrigen liefert er den Trost, dass die Welt gerettet werden kann, wenn man es nur stark genug wünscht. Und allen ist der Mann mit dem Jesus-Komplex ein grossartiger Unterhalter.

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