Die Weltwoche
22.05.2003
Mit eiserner Konsequenz
Vor 200 Jahren erfanden deutsche Pädagogen die Volkserziehung. Die Welt, so der Befund, ist verderbt, der Mensch muss gerettet werden. Das Resultat erinnerte an einen Alptraum. Anmerkungen zu einer deutschen Obsession.
Von Eugen Sorg
«Desaster», «Deutschland auf dem Stand Sibiriens», «Schlimmer geht’s nicht», verkündeten unheilvoll die Fronttitel deutscher Zeitungen. Was war passiert?
Die Resultate der Pisa-Studie waren veröffentlicht worden. In 32 Industrieländern hatte man die sprachliche und mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenz von 15-Jährigen getestet. Am besten abgeschnitten hatten bekanntlich die Teenager aus Finnland. Ebenfalls ganz vorne dabei waren die Jugendlichen Südkoreas und Japans. Die jungen Deutschen hingegen tauchten erst im unteren Drittel auf, noch hinter der Guinness-Nation Irland («Wo liegt das schon wieder?») und dem Skandalland Belgien. Nicht einmal das lustige Dolce-far-niente-Italien hatte man deklassiert.
Extrem ausgeprägt waren zudem die sozial bedingten Leistungsunterschiede innerhalb des Landes selbst. Signifikant grösser beispielsweise als die Unterschiede zwischen den Unter- und Oberschichtskindern in den USA, der geschmähten Brutstätte des rücksichtslosen Neoliberalismus, was besonders die überwiegend rot-grün gestimmte Lehrerbeamtenschaft geschmerzt haben muss.
«Wir wollen ja schliesslich was anderes als Finnland und Japan», versuchte der Doyen der deutschen Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, den «Bildungsschock» abzumildern. Aber was? Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck wurde deutlicher. Die deutschen Jugendlichen, interpretierte der Alt-68er, hätten die Courage gehabt, auf die Pisa-Fragen mit spassigen, unernsten Antworten zu reagieren. Die japanischen und koreanischen Schüler hingegen «mit ihren hochautoritären Paukschulen haben diesen Mut nicht. Darum haben sie klar viel besser abgeschnitten als Deutschland.» Und er unterliess es selbstverständlich nicht, auf die «hohen Selbstmord raten» unter Jugendlichen in diesen Ländern hinzuweisen.
Pathos des Erhabenen
Diese Versuche der Ehrenrettung waren menschlich nachvollziehbar, jedoch untauglich. Denn die Pisa-Studie hatte gerade nicht plattes Faktenwissen abgefragt, sondern die Fähigkeit zum selbständigen Denken und zum Lösen von Problemen getestet. Das deutsche Entsetzen – «Makaber: nur bei schlechten Leistungen Spitzenwerte» – war aber mehr als lediglich der Ärger des überrundeten Ehrgeizlings und Strebers. Das «katastrophale Zeugnis» kränkte das fragile Selbstbild, berührte verwundete und tiefer liegende Seelenschichten der Deutschen.
Die Begriffe Pädagogik und Bildung tremolierten in Deutschland seit je mit dem Pathos des Erhabenen und des ernsten Gesichts. Seit deren Erfindung in der Zeit der Aufklärung hiess für sie Erziehung stets mehr als das Vermitteln von Fertigkeiten, die für das praktische Leben tauglich machen sollten. Sie bedeutete in erster Linie Formung des Charakters, Versittlichung des inneren Menschen, die Verbesserung der Menschheit an sich. «Charakter haben und deutsch sein, ist ohne Zweifel gleichbedeutend» (Johann Gottlieb Fichte). Sich selbst und den Rest der Welt zu belehren und zu vervollkommnen, war die Leidenschaft, die Mission, die Religion der Deutschen. «Die Weiterbildung der Pädagogik obliegt vor allem den Deutschen» (A. Wittstock, 1865).
Voller Komplexe
Der pädagogische Furor war das Resultat eines Defizits. Im 17. und im 18. Jahrhundert wuchsen Russland, Frankreich und England zu mächtigen kolonialen Imperien heran. In letzteren beiden brachen zudem tief greifende Umgestaltungen und Revolutionen die skle-rotische Allmacht des Hochadels und der Monarchen auf und eröffneten den dynamischen bürgerlichen Schichten politischen Einfluss. Deutschland dagegen, lange Zeit geschwächt durch die Verheerungen des Dreissigjährigen Krieges, zersplittert in unzählige Fürstentü mer und absolutistische Zwergstaaten, eine heillos verspätete Nation, musste tatenlos und voller Komplexe dem Aufstieg und Triumph der «liederlichen Franzosen» und der «ignoranten Fuchsjäger» zuschauen.
Die geistigen Eliten Deutschlands, meist dem rechtlosen, von den herrschenden Junkern und Adligen verachteten Bürgertum entstammend, wichen in einer grandiosen Kompensationsleistung ins Reich der Gedanken und der Innerlichkeit aus. In Anbetracht des impotenten Vaterlands schufen sie die spe kulativen Grosssysteme des philosophischen Idealismus. Und als Ersatz für das Scheitern der Politik wandten sie sich der Pädagogik zu. Dieser sozial-quietistischen Wendung kam die aufklärerische Überschätzung der Erziehung entgegen: «Der Mensch ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht» (Immanuel Kant). Mit dem Erziehungsbestseller «Emil» (1762) hatte Jean Jacques Rousseau das Thema bei den Gebildeten Europas ungeheuer populär gemacht. Aber während in Frankreichs Salons die jeweils neuesten pädagogischen Romane lebhaft, aber nicht anders als die aktuellsten Modetrends, Liebschaften oder Theaterskandale diskutiert wurden, machten sich in Deutschland Intellektuelle daran, den neuen Glauben als gesellschaftliches Rettungsverfahren in die Praxis umzusetzen.
Eine nicht abreissende Produktion von Lehrschriften, Traktaten, Programmen, Abhandlungen über die beste Erziehung setzte ein. Die Aufgabe war gigantisch. Denn dass «die Menschheit, im ganzen genommen, in hohem Grade verderbt sei, wissen wir alle», und weil man überzeugt war, dass «der Anfang der Menschenbesserung bei der Jugend» (Johann Bernhard Basedow/Joachim Heinrich Campe, 1777) gemacht werden müsse, wurde das Land überzogen mit einem Netz von Korrektur anstalten, Zöglingsheimen, Philanthropinen, Kindergärten, Volksschulen – gleichsam koloniale Stützpunkte in der binnenländischen vorzivilisatorischen Wildnis.
Witterung des Paranoikers
Das Jahrhundertprojekt der sittlichen Erneuerung hatte nur einen gewichtigen Gegner: den naturhaften Eigensinn des Kindes. Jener galt als Ungehorsam – Ursprung alles Bösen. Der Kampf gegen diese Todsünde geriet zum totalen edukativen Krieg. In einer kulturellen Generalmobilmachung wurden Intelligenz, Konzentration und Fantasie aufgeboten, um den Feind zu erkennen, ihn einzukreisen und zu vernichten. Damit die Operation Erfolg hatte, musste sie früh, radikal und mit «eiserner Konsequenz» durchgeführt werden, so dass die Kinder sich «hernach niemals mehr erinnern, dass sie einen Willen gehabt haben» (Johann Sulzer, 1748). Mit der Witterung des Paranoikers und der Unerbittlichkeit des Sadisten wurden noch die feinsten und elementarsten kind lichen Regungen wie Weinen, Trotzen, Nachahmen, Verträumtheit, Lust auf Süssigkeiten als Symptome der unvernünftigen Widerständigkeit gedeutet, die es auszulöschen galt.
In der Familie sollte die Zurichtung beginnen. Aber die Experten misstrauten deren Kompetenz. Geschult am knöchernen Räsonnement des Idealismus, verachteten sie jedes instinktive Handeln oder jede unreflektierte Lebensäusserung wie zum Beispiel die Elternliebe. Eltern folgten dem «falschen Naturtrieb des Herzens und nicht der Vernunft» und neigten zur «Gefühlspädagogik». Vor allem Mütter seien anfällig für diese «falsche Liebe», diese «Affenliebe», für dieses «blinde Gutsein, welches geschehen lässt, wo gewehrt, nachsieht, wo scharf gestraft werden sollte», und liessen sich vom «Geschrei des Säuglings leiten». Das Resultat fehlender Härte seien «begehrliche, genusssüchtige» Kinder, und zu welchem «sittlichen Verfall» dies führe, zeige die Geschichte. «Die grossen Weltstädte vom alten asiatischen bis zu jedem modernen Babel geben Bilder einer sich durch alles hindurchziehenden und wie ein Aasgeruch aufsteigenden Verwöhnung, daran sich auch unser deutsches Volk spiegeln möge» (Handbuch, 1887).
Zwanghafte Beschäftigung mit Onanie
Ideales Kampfterrain war dagegen das Internat. Als bis ins Detail durchkonstruiertes, hermetisches pädagogisches Environment sollte es den Willen des Erziehers potenzieren und die totale Kontrolle über den Zögling ermöglichen. In den Schulanstalten herrschten Kasernendisziplin, Ordnungswahn und Drillmethoden. Stumme, uniformierte Eleven unterzogen sich einem strengst reglementierten Tagesablauf. In einer Orgie des Zwangs, angetrieben von der Vision, die störende körperliche und geistige Individualität der Zöglinge auszulöschen, hatten die Volkserzieher umfassende Regelwerke ausgearbeitet. Wie man grüsst, wie man steht, wie man geht, wie man sitzt, wie man spricht und wie man schreibt – nichts war zufällig, alles war standardisiert. Die äussere Ordnung sollte in die innere überführen, der rohe Vormensch in ein Exemplar höherer Sittlichkeit transformiert werden.
«Das schreibende Kind soll in der Schulbank folgendermassen sitzen. Die Füsse sollen fest auf dem Boden oder dem Fussbrett ruhen. Vordere Thoraxwand, Sitzknorrenlinie, Hüftachse und innerer Tischrand sollen parallel sein, die untere Kante des Schreibheftes darf von der Richtung dieser Parallelen ebenfalls nicht abweichen, sondern soll den genannten Linien parallel ziehen. Der Rücken ist gerade aufgerichtet, an die Kreuzlehne gelehnt, und die vordere Thoraxwand von der inneren Tischkante so weit abstehend, dass man bequem die flache Hand zwischen beide hindurchlegen kann. Der Kopf sei ganz leicht abwärts geneigt, weder nach rechts noch nach links von der Vertikalen abweichend. Beide Ellbogen ruhen mit ihren vorderen zwei Drittel auf dem Tisch» (A. Baginsky, 1883).
Gemäss dem neuzeitlichen Trend wurden Regelverstösse nicht mehr ausschliesslich mit Prügeln bestraft. An deren Stelle traten Geldbussen, Einsperrung, Ächtung und eine elaborierte Auswahl an öffentlichen Demütigungen, Kränkungen und Erniedrigungen.
«Schildwache: Der Verbrecher muss auf der Galerie oder dem Spielplatz, wenn die anderen sich belustigen, eine oder mehrere Stunden allein stehen, ohne mit jemand zu reden oder an den Spielen teilzunehmen. Zuweilen wird ihm, nach Beschaffenheit der Umstände, noch ein Zettel auf den Rücken geheftet, auf welchem sein Verbrechen von allen Vorbeigehenden gelesen werden kann. Z. B. ‹N. N., der Zänker!›.»
«Die Fidel: Es ist dieses ein Holz, welches Kopf und Hände einschliesst, ohne zu beschädigen» (Carl-Friedrich Bahrdt, 1776).
Eine Generationen überdauernde, eigentliche Obsession der Pädagogen bildete die Beschäftigung mit der Onanie. Unaufhörlich beschworen sie die Gefahren der «Selbstbefleckung»: Rückenauszehrung, Dummheit, Zwergwuchs, überall witterten sie den Vollzug des schaurigen Lasters. Der dauererregte Kreuzzug gegen die Trieblust beflügelte Erneuerungen im gesamten Heim- und Erziehungswesen: Spiel an der freien Luft; regelmässiges kaltes Waschen, einfache und gewürzarme Kost, lüftbare, das heisst einsehbare Toiletten, geräumige Schulstuben, Verbot des Tragens von langen Mänteln während des Unterrichts und so weiter.
Die effizienteste und radikalste Lösung schlug jedoch der Philanthropinist Campe vor. Seine Methode, die Infibulation, bestand darin, dass durch die Penisvorhaut mit einer Nadel zwei Löcher gestochen, durch diese wiederum ein über der Eichel ringförmig gebogener Messingdraht gesteckt wurde, dessen Enden man mit einer kleinen Zange krümmte, so dass sie das Stückchen Vorhaut über den Löchern umfassten und den Draht daran befestigten. «Der Nutzen eines solchen Ringes ist dreifach. Erstlich macht er die Selbstschändung schlechterdings unmöglich; zweitens verhindert er auch die blosse Erektion durch den Schmerz, der in dem nämlichen Augenblick, da dieselbe sich ereignen will, alle wollüstigen Empfindungen sogleich unterdrückt; und hierdurch wird er drittens ein vollkommen sicheres Verwahrungsmittel auch gegen alle willkürlichen Schwächungen im Schlaf. Was ich übrigens bedaure, ist, dass dieses allersicherste Mittel nur bei Knaben, aber nicht bei Kindern des anderen Geschlechts eine Anwendung finden kann» (Campe, 1787).
Erzieherische Erweckungsschübe
Der Fortgang ist bekannt. Lange vor den Franzosen und Engländern konnte Deutschland ein flächendeckendes Volksschulsystem präsentieren. Und politisch-militärisch fühlte man sich Anfang des 20. Jahrhunderts stark genug, einen Weltkrieg zu gewinnen. «Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.» Nur hatte die eindrückliche Aufholbewegung nicht den moralisch vollkommenen Menschen hervorgebracht, nicht einmal den Bürger, sondern den wilhelminischen Untertanen mit Bajonett und Pickelhaube, den hässlichen Deutschen. Und die Erziehungseinrichtungen erinnerten an Kafkas Erzählung «In der Strafkolonie».
Religionsähnliche Illusionen wie dieser Glaube an Erziehung sind resistent gegen Erfahrungen. Nach jeder nationalen Niederlage wallten edukative Erweckungsschübe wie Fieberanfälle neu auf. Nach dem Ersten Weltkrieg entstand die Wandervogelbewegung, deren Sehnsucht nach dem wahrhaft freien Menschen in der Hitlerjugend aufging. Als das Nazireich endlich in Trümmern lag, wurde im Osten des Landes emsig wieder aufgebaut: die DDR, ein volkspädagogisches Grossheim. Sie verendete als sowjetrussische Kolonie und Spitzelstaat.
Im Westen hingegen veranstalteten die Söhne und Töchter der von den alliierten Siegern zwangsentnazifizierten Eltern einen kulturellen Aufstand. Sie revoltierten gegen das deutsche Malaise der autoritären Gesinnung und des Kultes der Sekundärtugenden. Doch auch der libertäre Karneval der 68er mündete in müffelige Therapiekultur und Primat der Erziehung. Zwar nicht mehr schwarze Päda-gogik, dafür weisse Pädagogik als Heilmittel gegen die Unzulänglichkeit der Welt. Beziehungsarbeit, Bildungsreformen, Psychoanalyse, Friedenspädagogik, Ausländerpädagogik, Erwachsenenbildung, Sexualerziehung, Männergruppen, Frauenförderung, Umwelterziehung und so weiter, die ganzen sanften Remeduren verströmten den ranzigen Geruch des Moralischen, und im Hintergrund spielte das klassische Klagelied über die verderbten Verhältnisse.
Und in jüngster Zeit konnte dank dem Irakkrieg das liebste Wort der pädagogisierenden Nation einen starken Wiederauftritt feiern: «der Mensch». Kein Pastor, keine Fernsehmoderatorin, kein Kommentator, der es nicht wiederholt einsetzte, mit gefasstem Blick, dramatisch intoniert, schwitzend vor Bedeutung: «Die Menschen in Bagdad», «Die Menschen auf den Strassen wollen den Frieden», «Unschuldige Menschen sterben». Ganz im Gegensatz zu den «alliierten Truppen», den «Soldaten von Präsident Bush», den «so genannten eingebetteten Journalisten». Für eine kurze Weile durfte das Land wieder einmal tun, was es lange nicht mehr konnte – gut sein und die anderen zum Gutsein erziehen.
Die mageren deutschen Pisa-Ergebnisse haben bei den europäischen Nachbarn kaum Häme ausgelöst. Das ist ein gutes Zeichen. Man nimmt Deutschland ernst, aber man fürchtet es nicht mehr. Und Deutschland selber wird den Rückstand aufholen. Es hat eine lange Erfahrung darin.