Die Weltwoche
05.07.2007
Grossbritannien
Die Terror-Ärzte
Von Eugen Sorg
Toni Blair hatte die muslimische Minderheit gleichsam unter Artenschutz gestellt. In England zeigen sich die Folgen einer selbstlosen Politik der Treuherzigkeit.
Es war ein kalter und brutaler Start für Gordon Brown. Er war keine drei Tage als neuer Premierminister im Amt, als in seinem Land die höchste Alarmstufe ausgerufen wurde.
Zwei mit Benzinkanistern und Nägeln zur Autobombe aufgerüstete Mercedes waren in London in der Nacht auf den Freitag, 29. Juni, sichergestellt worden. Am Tag darauf raste ein brennender Jeep Cherokee in die Eingangshalle des Flughafens von Glasgow. Die Polizei reagierte effizient und verhaftete innert weniger Tage acht Hauptverdächtige. Hinter den Attentatsversuchen steht vermutlich die gleiche Gruppe, ein Novum in der Geschichte terroristischer Unternehmen: ein Zirkel junger Ärzte, meist aus dem Nahen Osten, seit wenigen Jahren auf den Britischen Inseln in Spitälern beschäftigt.
Premier Brown wandte sich am Sonntagabend an die Bevölkerung, sprach von einer von al-Qaida beeinflussten internationalen Terrorgefahr, von gewaltigen kulturellen Efforts, die man in Angriff nehmen müsse, ähnlich wie im Kalten Krieg, um den Leuten «unsere Werte» zu erklären, ermutigte sie in seiner gewohnt unaufgeregt-düsteren Art, dass man zusammenstehen und wachsam sein solle. Aber er nahm das I-Wort, das Wort Islam, nie in den Mund.
Letzteres war eine Spätwirkung der unter Blair kultivierten Politik des «Dialogs» mit der muslimischen Minderheit. Aus einer Mischung von Schuldgefühlen, Sinnsehnsucht und Treuherzigkeit heraus hatten die Experten des interkulturellen Brückenbaus alles vermieden, was die Muslime beleidigen und ihnen, den Weissen, den Vorwurf der Überheblichkeit oder Intoleranz einbringen konnte. Gleichsam unter Artenschutz gestellt, konnten so in den Emigrantenmilieus der Pakistaner und Bangladescher die Hassprediger des mächtig erstarkenden Dschihadismus gegen den Westen, die Juden und die Ungläubigen aufwiegeln und junge Briten als Gottessoldaten rekrutieren.
Ihr könnt nicht unsere Imame verbieten, sagten die Muslimvertreter, das wäre antiislamisch. Man liess sie weiter hetzen. Ihr dürft die Mohammed-Karikaturen nicht zeigen, sagten sie, sonst fühlen wir Muslime uns verletzt. Worauf ein beispielloser Vorgang · keine englische Zeitung die harmlosen Zeichnungen abdruckte, die vor knapp zwei Jahren von der dänischen Zeitung Jyllands-Posten veröffentlicht worden waren. Ihr müsst eure Aussenpolitik ändern, sonst können wir unsere jungen Leute nicht mehr davon abhalten, sich in Selbstmordbomben zu verwandeln, drohten sie nach den tödlichen Londoner Anschlägen von 2005 inU-Bahn und Bus. Worauf ein Labourabgeordneter forderte, die Regierung müsse ihre engen Beziehungen zu den USA und Israel verändern: «Wir müssen uns darauf vorbereiten, den Schwerpunkt unserer Aussenpolitik zu ändern, um unsere Sicherheit zu gewährleisten.»
Ein Symbol dieser selbstlosen Politik ist die von Prince Charles geförderte Erstaufführung des Stücks «The Beautiful Names» vom 19. Juni in der Westminster Cathedral. Begleitet vom traditionsreichen BBC Symphony Orchestra, preist der Chor die 99 Namen Allahs, auf Arabisch. Vor derselben Kathedrale hatten einige Monate zuvor fanatische Muslime den Papst mit Plakaten zur Hölle gewünscht, weil er in einer Vorlesung eine historische Figur sagen liess, der Islam sei nicht friedfertig.
Das Resultat wiederum dieser selbstlosen Politik ist, dass in keinem anderen Land Europas der extremistische Islam so tief Wurzeln schlagen konnte. Vor nicht langer Zeit hat Eliza Manningham-Buller, die Chefin des Geheimdienstes MI5, einige Zahlen bekanntgegeben. Ihre Agenten würden 1600 islamistische Terrorverdächtige und 200 Terrorgruppen überwachen. Die meisten seien in England geboren und aufgewachsen und verlinkt mit al-Qaida in Pakistan. Und ihr Dienst habe in den letzten Jahren rund dreissig Terroranschläge islamistischer Partisanen vereitelt.
Es ist nicht anzunehmen, dass Brown die Tradition des Wegschauens weiterführt. Er hat mehr Kompetenzen für die Geheimdienste und die Untersuchungsbehörden auf Kosten der Rechte Terrorverdächtiger gefordert. Er wird damit Erfolg haben, wenn er die Diskussion über den neoislamistischen Terror aus dem intellektuellen Getto der politischen Korrektheit befreien kann.
Noch immer geht die Anti-Terror-Strategie der Regierung vom schlichten Glauben aus, die Ursachen der islamistischen Gewalt lägen in Armut, Diskriminierung und Empörung über die westliche Aussenpolitik. Eine abwegige Vorstellung angesichts des neusten Falls sozial privilegierter, gutgebildeter Verschwörer.
Der Grund des Extremismus ist die Entscheidung für den Extremismus. Im Internet-Magazin Sada Al-Jihad, einem neoislamistischen Organ, schreibt ein Al-Qaida-Oberer über die koranische Legitimierung des totalen Dschihad: «Möge Allah der muslimischen Nation jemanden schicken, der sie [die Ungläubigen, die Red.] noch grausamer töten wird, in ihre Seelen Terror säen, ihre Herzen herausreissen, ihre Köpfe abschneiden, ihre Glieder Stück für Stück abhacken und ihr Blut in Strömen fliessen lassen wird…»
Wieso sollen ausgerechnet Ärzte immun gegen sadistische Heilsvisionen sein? Ihr Vorteil war auch, dass sie, ohne Verdacht zu wecken, in die Länder der Ungläubigen einreisen konnten. Bis vor kurzem auf jeden Fall.