
Nikolai Walujew und Eugen Sorg
Die Weltwoche
11.01.2007
«The Beast from the East»
Von Eugen Sorg
Jahrelang galt er als Schaubudenmonster, dann wurde Nikolai Walujew Weltmeister im Schwergewicht. Wenn er kämpft, verteidigt er nicht nur seinen Titel, er kämpft um seine Würde als Boxer. So auch am 20. Januar in Basel.
«Wer war bisher Ihr schwierigster Gegner?» «Larry Donald.» «Warum?» Nikolai Walujew schweigt kurz, seine kleinen Augen verschwinden beinahe ganz unter den Knochenwülsten, die anstelle einer Stirn wie Befestigungswälle sein Gesicht überwölben, und die zwei gewaltigen Wangenfurchen scheinen sich noch tiefer einzukerben. Der 33-jährige Schwergewichtsboxer hasst Interviews, und am meisten hasst er «Warum»-Fragen. Aber seit der Russe mit den grotesken Körpermassen von 2,14 Meter Grösse, 150 Kilo Gewicht und Schuhnummer 54 sich zu den besten Boxern der Welt hochgekämpft hat, gehört auch die Ausfragerei durch Journalisten zu seinem Job. Wie das endlose Hämmern auf den Sandsack, das Lauftraining, das Leiden an den Geräten. «Ich fand kein Rezept gegen Donald», fährt er fort und rutscht ungemütlich auf der Sitzbank der schäbigen Kantine eines Sankt Petersburger Sportzentrums hin und her, «ich hatte auf Kraft trainiert statt auf Schnelligkeit. Das war ein Fehler.»
Als Walujew und Larry «The Legend» Donald am 1. Oktober 2005 in Oldenburg gegeneinander in den Ring traten, stand für beide viel auf dem Spiel. Der Sieger durfte um den Weltmeistertitel (WBA-Verband) im Schwergewicht kämpfen. Für den Amerikaner Donald war es die letzte Chance, ein wenig Unsterblichkeit und eine gesicherte Altersversorgung zu erreichen. Er war 38, bei allen wichtigen Titelkämpfen bisher gescheitert und bereit für den Kampf seines Lebens. Für Walujew wiederum ging es neben der Aussicht, endlich Geld zu verdienen, vor allem um Respekt. Um Respekt als Boxer, als Athlet, als Mann.
Unbekannte Heroen des Schmerzes
Walujew kam aus den Dämmerzonen des Schauboxens. Nachdem er als Jugendlicher zuerst als talentierter Basketballer, Diskus- und Hammerwerfer aufgefallen war, überzeugte ihn der Boxtrainer Oleg Schalajew, dass er das Zeug zum gefürchteten Faustkämpfer hätte. Schalajew brachte dem 19-jährigen Hünen, der noch nie im Leben einen Punch ausgeteilt hatte, ein paar Grundregeln bei, und nur wenig später absolvierte Walujew seinen ersten Profikampf gegen einen Amerikaner namens John Morton mit technischem K.-o.-Sieg nach 280 Sekunden. Während der nächsten Jahre zog er in der Welt herum, trat in Sydney auf, in Nowosibirsk, London, Samoa, Minsk, Tokio.
Die allermeisten seiner Gegner unbekannte Heroen des Schmerzes lagen in der ersten oder zweiten Runde staunend am Boden. Walujew war eine Art boxende Tinguely-Maschine mit Sehschlitzen, monströs, hämmernd, ziellos. Treffer waren eher zufällig, einer aber reichte, um dem Getroffenen für Sekunden das Gedächtnis auszuknipsen. In den Programmheften wurde Walujew als «Beast from the East» angekündigt, die Boxjournalisten tauften ihn «Shrek», «Power Tower», «The Russian Monster», «Lurch» (aus der «Addams Family»), und Donald sollte nach dem Fight sagen: «Noch nie habe ich einen Menschen wie ihn gesehen. Er ist wie ein Neandertaler, etwas aus dunklen Vorzeiten.»
Walujews Vater war ein anständiger Mann, der sein Leben lang in einer Petersburger Fabrik Radioapparate zusammenschraubte. Er hatte seinen Sohn gelehrt, dass Arbeit die Würde des Mannes sei und dass man eine Arbeit immer zu Ende bringen solle. Nikolai, der seinen Vater ehrt, wäre es nicht in den Sinn gekommen, den Vertrag mit seinem Entdecker, Coach und Promoter Schalajew zu künden. Er folgte ihm loyal, obwohl er nach zehn Jahren an der Blut- und Schweissfront und 33 Fights ohne Niederlage immer noch in einer jener nach Hundepisse riechenden Plattenbausiedlungen am Rande Sankt Petersburgs lebte. Erst 2003, im Jahr als Sohn Grischa zur Welt kam, wechselte er zum Berliner Boxpromoter Wilfried Sauerland. «Nikolai», hatte der gesagt, «du hast in deiner ganzen Karriere weder in der Rangliste noch in deinem Können Fortschritte gemacht. Du wirst als Zirkusnummer vermarktet. Aber in dir steckt mehr.»
Seit er denken konnte, war es für Walujew normal, dass die Leute ihn anstarrten. Schon im Kindergarten überragte er alle Gleichaltrigen, und mit zwölf mass er bereits 1,96 Meter. Die Eltern, beide 1,67 Meter gross und beunruhigt, wo das noch hinführen sollte, konsultierten die Ärzte. Der Junge leide an einer Erkrankung der Hirnanhangdrüse, so die Auskunft. Unsinn, schaltete sich die Grossmutter ein, ihr Grossvater Wasili, ein Abkömmling der Tataren, sei ebenfalls ein riesiger Mann gewesen. In Nikolai fliesse das Blut des Ur-Urgrossvaters, das Blut der Tataren, jenes stolzen Kriegervolkes, das einst Russland erobert hatte.
«Was dachten Sie, als Sie nicht mehr aufhörten zu wachsen?» «Ich habe nicht darüber nachgedacht. Es war mir egal.» «Wurden Sie von den anderen nicht gehänselt?» «Hunderte Male.» «Haben Sie sie verprügelt?» «Nicht speziell.» Wieder verschwinden seine Augen irgendwo in seinem imposanten Schädel. Er wirkt wie eine Schildkröte, die sich bei Gefahr unter ihren Panzer verzieht.
Der Übertritt zu Sauerland brachte ihm professionellere Sparringspartner, bessere Gegner, ein überraschendes Gefühl der Leichtigkeit. Der neue Trainer Manuel Gabrielian, ein Armenier mit viel Erfahrung und listigen Augen, machte sich daran, Walujews verschwendeter Urkraft eine Richtung zu geben. Die wild schaufelnden und rudernden Fäuste sollten auf wenige wuchtige und präzise Elementarbewegungen eingegossen werden, linke Gerade, rechter Haken, Deckung, Vorwärtsschritt. Der Kirmesrübezahl sollte zum professionellen Gladiator geformt werden.
«Man sagt, Sie seien entgegen Ihrem eindrücklichen Äusseren ein sanfter Mensch. Zu sanft, um ein wirklich grosser Boxer zu werden.» «Das ist eine schwierige Frage. Ich habe Mitgefühl. Im Leben draussen kann ich keinen Menschen schlagen.» «Wie überwinden Sie Ihre Gutmütigkeit?» «Es gibt noch einen anderen Nikolai in mir drin. Und der erwacht nur im Ring.»
Angst in den Augen
Der Russe verdankte die Mühe seines Trainers mit Siegen. Nach wie vor liess sein Stil jegliche Eleganz, Feinheiten, Überraschungen vermissen, aber er wurde effizienter - er lieferte schnörkellose, aufrichtige Arbeitskämpfe. Bald tauchte sein Name in den internationalen Rankings auf, und im Oktober 2004 streckte er Europameister Paolo Vidoz in der neunten Runde mit einer langen Rechten nieder. Als der Italiener einige Stunden nach dem Fight immer noch nur unter Schmerzen kauen konnte, buchte er einen Termin beim Arzt. Das Röntgenbild zeigte einen doppelt gebrochenen Kiefer. Vidoz liess den Knochen zusammenflicken, verstärkte ihn mit Titan und nannte sich fortan «Titanium Jaw».
«Kämpften Sie schon gegen Boxer, bei denen Sie spürten, dass sie Angst vor Ihnen haben?» «Ja.» «Woran merken Sie das?» «An den Augen.» «Wer zum Beispiel?» «Clifford Etienne.»
Auf Clifford «The Black Rhino» Etienne traf er im Frühjahr 2005. Der Amerikaner hatte als 15-Jähriger wegen bewaffneten Raubüberfalls 40 Jahre Gefängnis kassiert, war nach 10 Jahren aber begnadigt worden und hatte sich seither unter den Schwergewichtlern den Ruf eines aggressiven Punchers erworben. Am Vorabend des Kampfes trieb er sich an der Bartheke herum, packte plötzlich seine Koffer, und nur Berufskollege Akinwande konnte ihn daran hindern, sofort nach Hause zu fliegen. Walujews Anblick beim Wiegen hatte ihn erschüttert. «Niemand hat mir gesagt, dass ich gegen Bigfoot antreten muss.» Es sollte Etiennes letzter Kampf werden. In der dritten Runde ging er zu Boden, ohne sich wirklich gewehrt zu haben, gedemütigt und ausgeknockt. Wenige Monate darauf wurde er wegen bewaffneten Raubüberfalls, Entführung und mehrfachen Mordversuchs verhaftet und später zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.
«Sei ein Mensch»
Larry Donald, der nächste Gegner, attackierte vom ersten Gongschlag an. Er war immerhin 1,91 Meter gross, aber Walujew überragte ihn um Haupteslänge und verfügte über eine viel grössere Reichweite. Donald, der über Walujew gespöttelt hatte: «He’s tall, that’s all» (er ist gross, das ist alles), musste versuchen, an den Körper des Riesen heranzukommen, unter dessen Fäusten durch, in die nahe Distanz, um blitzschnell Schläge nach oben abzufeuern und wieder zu verschwinden, bevor der andere reagieren konnte. In den ersten Runden hielt Walujew den aufsässigen Angreifer mit seiner linken Führhand auf Abstand und platzierte einige Male kleine Jabs, ohne jedoch selber Druck zu machen. Das schien Donald aufzubauen, der schneller wurde, häufiger unter der Deckung hindurchglitt, zustach und sich unversehrt zwischen den herabprasselnden Fäusten wieder herauswand, geschickt und schlüpfrig wie ein Aal. Seine Augen blieben offen und wach.
«Ist es wahr, dass Sie Ihrer Frau Galina Gedichte schrieben, nachdem Sie sie zum ersten Mal sahen?» «Ja.» «Was stand drin?» «Sie waren nur für sie bestimmt.» «Die Frau hat Sie danach geheiratet. Die Gedichte müssen gut gewesen sein.» «Vielleicht.» «Hat sie Angst, wenn Sie in den Ring steigen?» «Jede Frau hat Angst um ihren Mann.»
In der siebten Runde landete Donald eine harte Dreierkombination an Walujews Kinn. Dieser reagierte irritiert, schüttelte den Kopf, verwundert, wie ein Nashorn, dem man einen Ziegel an den gepanzerten Schädel geworfen hat. In der achten wurde er von zwei brutalen Rechten am Kopf erwischt. Zum ersten Male in seiner Karriere wankte er, und sein Blick wurde für einen Moment trüb. Das Publikum hielt den Atem an. War dies das Ende? War dies die Entzauberung des Monsters als Schaubudenfigur? Nichts liebt die Meute mehr als das Erlegen eines Mächtigen. Walujew fing sich wieder auf, wirkte aber weiterhin hilflos gegen den flinken und technisch variantenreichen Donald.
«Was ist los mit dir?», schrie Coach Gabrielian in der Pause auf den brütenden Schützling ein. «Hörst du mich? Ich sehe keine Schläge. Warum arbeitest du nicht? Du zappelst wie ein Kind. Ich bin am Sterben. Nimm die Hände nach oben und boxe, links, links, rechts. Sei ein Mann. Sei ein Soldat. Sei ein Mensch.»
Als die zwölfte, die letzte Runde eingeläutet wurde, war der Ausgang des Fights völlig offen. Beide Boxer waren von Treffern gezeichnet. Auf Walujews rechter Gesichtshälfte prangte wie ein Blutschwamm ein rot-violetter Fleck, und Donalds rechtes Auge verschwand hinter einer Schwellung, die an eine im Wasser aufgequollene Semmel erinnerte. Aber der Russe wirkte frischer als Donald, der sich nun häufig in die Umklammerung flüchtete. Das permanente Anstürmen hatte ihn erschöpft und Walujew ermöglicht, ein paar schwere Schläge ins Ziel zu bringen. Obwohl die Zuschauer keinen hochklassigen Kampf erlebten, war die Spannung gross. Die Wertung der Punktrichter ergab einen knappen Sieg für Walujew. Der Weg zum Weltmeisterschaftskampf war frei.
«Was ist das Wichtigste im Leben eines Boxers?» «Die Familie. Sie ist für mich der Sinn des Lebens: Nicht für mich, sondern für sie, mein Kind, meine Frau zu leben.» «Sie sind jetzt berühmt, und in Petersburg spazieren sehr viele schöne junge Frauen…» «…ja, sehr viele schöne Frauen…» «…aber Sie sind verheiratet.» «Wenn man verheiratet ist, muss man seine Frau ehren. Ein König zu sein, bedeutet nicht, dass man alles machen kann, was einem durch den Kopf geht. Jeder Mensch wählt selbst, was er in diesem Leben will. Ich habe gewählt. Man kann nicht auf eine Tanne klettern, ohne sich zu zerkratzen. So sagt der Russe.»
Die Begegnung mit dem Titelverteidiger John «The Quiet Man» Ruiz fand zweieinhalb Monate später in der Max-Schmeling-Halle in Berlin statt. Ruiz war der erste hispanische Schwergewichts-Champion und in seiner Heimat Puerto Rico zum «Helden des Volkes» gekürt worden. Vor dem Kampf hatte er verkündet, Walujews Kopf sei «so gross wie ein VW den kann man nicht verfehlen», und er hatte auf weissen Boxhandschuhen bestanden, «weil man die Treffer besser sieht».
Ruiz war ein unangenehmer Boxer. Wie die allermeisten seiner Gewichtsklasse war auch er mit 1,88 Meter einen Kopf kleiner als Walujew und daher gezwungen, in den Infight zu gehen. Mit schnellen Schrittchen, lauernd wie eine Hyäne, umkurvte er den Russen, schnellte mit eingezogenem Kopf los, sprang ihn an, wühlte die Fäuste durch die Deckung, versuchte Schläge zu platzieren und legte sich sogleich auf dessen Arme, um jede Gegenwehr im Ansatz zu ersticken. Jab and grab (schlagen und klammern) wird diese langweilige, aber den Gegner zermürbende Technik genannt. Ruiz war berüchtigt dafür.
Die ersten Runden gingen meist an den Latino. Er kämpfte aggressiv, kaltblütig, heimtückisch, mit der Unverfrorenheit eines Gettoschlägers. Der Russe blieb passiv und musste immer wieder Treffer einstecken. Sein Team machte besorgte Gesichter. Erst in der achten Runde reagierte Walujew. Er begann Ruiz vor sich herzutreiben, langsam und konzentriert. Er hämmerte seine Standardkombination Jab, Jab, rechter Haken in den Körper des Champions, der kurz dreinschaute, als habe ihn eine Abrissbirne gerammt; Walujew durchschlug dessen Deckung, als würde er Holz spalten; als er ihm einen Brecher an den Kopf wuchtete, tönte es, als klatschte ein Körper auf den Asphalt, der vom Dach eines Hochhauses gestürzt war.
«Du musst ihn totschlagen»
Ruiz, furchtlos, stürzte sich immer wieder in die Nahkampfzone, sprang wie ein wütender Hund am Russen hoch, wurde von diesem nun aber kontrolliert. Der Knock-out von Ruiz schien drei Runden vor Schluss nur noch zwei, drei Punches entfernt, Walujew begann sogar, trotz einbandagierten Problemknien, ein wenig zu tänzeln, als der Abgeschriebene in der Zehnten unversehens auferstand. Mit explosionsartigen Attacken gegen den überrumpelten Walujew entschied er die Runde für sich. Wie schon im Donald-Fight war plötzlich alles wieder offen. In der Ringecke tobte Coach Gabrielian. «Du bist dabei zu verlieren. Kolja, wach auf. Es ist der Titelkampf. Du musst ihn totschlagen. Junge, wo ist deine Rechte geblieben? Du musst ihn vernichten.»
Die Schlussrunde war eine wüste Keilerei, die wegen Klammerns ständig unterbrochen wurde. Meistens war Ruiz der Verursacher. Jeder wollte den entscheidenden Punch austeilen, keiner wollte ihn einfangen. Es gab keine Technik mehr, nur noch Keulenschwingen, Wut, den nackten Willen zur Existenz. In den letzten Sekunden kam Walujew für einmal Ruiz› Umarmung zuvor und reüssierte mit einer kurzen Abfolge von Kopftreffern. Diese waren entscheidend für Walujews Punktevorsprung. Er war der neue Champ.
Das Lager von Ruiz war erzürnt über das in seinen Augen skandalöse Fehlurteil der Punktrichter. Ruiz› Coach Norman Stone schnappte sich schimpfend den Weltmeisterschaftsgürtel, der ihm nur unter Anwendung von Gewalt wieder abgenommen werden konnte. Walujew, mit dem Hochgefühl des Sieges, liess Ruiz ausrichten, dass er ihm den Gürtel schenken werde, er sei ihm ohnehin zu klein. Und um die Demütigung zu vervollkommnen, entschuldigte er sich beim Publikum, dass er streckenweise schlechtes Boxen gezeigt habe, und versprach, sich zu verbessern.
«Was lehrte Sie das Boxen für das Leben?» «Eine eigene Meinung zu haben. Die Sache, die ich mache, mehr zu achten und zu lieben.» «Respekt für die eigene Arbeit?» «Ja. Ich mache alles selbst. Es ist Schwerarbeit.» «Im Ring zeigt sich das Resultat.» «Ich kann nichts verstecken. Jeder sieht alles. Es ist eine ehrliche Arbeit. Wenn ich etwas unterlassen habe, gibt es sofort Schläge.»
Ein halbes Jahr darauf, im Juni 2006, verteidigte er zum ersten Mal den Titel. Herausforderer Owen «What the Heck» Beck, ein beweglicher Jamaikaner mit miserabler Defensive, lief schnell ins offene Verderben. In der zweiten Runde landete er das erste Mal, in der dritten drei weitere Male auf dem Boden, niedergestreckt auf den Rücken von fürchterlichen Haken, bis der Ringrichter das Gemetzel beendete und Beck in die Kabine schickte. «Ich war ja noch auf den Beinen», kommentierte der Bedauernswerte den Entscheid. «Ich weiss gar nicht, warum abgebrochen wurde.»
Mittlerweile hatte sich Boxpate Don King, der Mann mit dem Krokodilslächeln, die Beteiligung am aufstrebenden Unternehmen Walujew gesichert. Er werde «King Kong in die Staaten bringen und auf das Empire State Building setzen», hatte er versprochen, worauf Walujew stilvoll gekontert hatte, das wäre lustig, er sei es ja gewohnt, «die Dinge von oben anzuschauen».
Das nächste Duell fand in der Allstate Arena in Chicago statt. Herausforderer Monte «Two Guns» Barrett, Familienvater mit einem Sohn und vier Töchtern, präsentierte sich als fantastischer Fighter. Unerschrocken, blitzschnell und mit einer übermenschlichen Leidensfähigkeit ausgestattet, gelang es ihm auch aus scheinbar verlorener Position heraus, den physisch erdrückenden Russen unversehens mit giftigen Geschossen zu lähmen. Der spektakuläre, dramatische Kampf wurde in der elften Runde gestoppt. Kurz bevor Barrett zum fünften Mal zu Boden geschlagen worden wäre, warf sein Betreuer das Handtuch in den Ring. Während Walujew die Fäuste im Triumph zum Publikum streckte, stand Barrett noch immer in der Mitte des Rings. Der Blick irr, aus dem halboffenen Mund floss rötlicher Speichel. Taumelnd, aber aufrecht. Er hatte das ewige Gelübde des Kriegers akzeptiert. Er war bereit, sich totschlagen zu lassen. Aber er würde niemals aufgeben. Der Mann hatte, wie man in Boxerkreisen sagt, ein grosses Herz.
«Was sagen Sie Ihrem Sohn, was das Wichtigste im Leben sei?» «Er muss ein Mann sein.»
Am 20. Januar wird der Amerikaner Jameel «Big Time» McCline in der Basler St.-Jakobs-Halle versuchen, Walujew den Titel zu entreissen. Seine Chancen stehen nicht schlecht. Das freundliche Gesicht und die gemütliche Aura seines leicht übergewichtigen, rundlichen Körpers täuschen darüber hinweg, dass der Zwei-Meter-Mann über schwere Fäuste gebietet. Von seinen 38 Siegen gewann er 23 durch K. o.
Gewinnt aber Walujew, so wird er auch aus seinem 47. Kampf ungeschlagen hervorgehen. Der bisherige Rekord des legendären Rocky Marciano mit 50 Siegen in Folge ist in Reichweite. Ob er dann endlich als Boxer und nicht mehr als Freak wahrgenommen wird? Walujew, gewaschen und gehärtet durch das Leben, repliziert nüchtern mit einer Petersburger Plattenbau-Variante des Sisyphus-Mythos: «Mit dem Ruf ist es wie mit dem Staub in der Wohnung. Er ist immer da und kommt immer wieder zurück. Du kannst nichts dagegen machen.»